Amoklauf von Winnenden
Die Geisel von Tim K. bricht ihr Schweigen
Mittwoch, 18. März 2009 15:43Die Geisel von Tim K. hat offenbar dazu beigetragen, ein noch größeres Blutvergießen zu vermeiden. Der Mann, der zwei Stunden mit dem Amokläufer von Winnenden im Auto umherfuhr, hat sein Schweigen jetzt erstmals gebrochen. In einem Magazin erzählt er, dass er den 17-Jährigen auch fragte, warum er auf Menschen schieße.
Die Geisel des Amokläufers von Winnenden hat offensichtlich ein noch größeres Blutbad verhindern können. In der aktuellen Ausgabe des Magazin "Stern" spricht der Deutsch-Kasache Igor Wolf erstmals über seine knapp zweistündige Irrfahrt mit Tim K..
Dabei habe ihn der Amokläufer gefragt: „Meinst du, wir finden noch eine andere Schule?“ Geistesgegenwärtig wechselte Familienvater Wolf das Thema.
Igor Wolf war vor der Psychiatrischen Landesklinik Winnenden in die Gewalt Kretschmers geraten, als er dort in seinem VW Sharan auf seine Ehefrau wartete. Nur Minuten zuvor hatte der 17-Jährige in der Albertville-Realschule bereits neun Schüler und drei Lehrerinnen getötet.
In dem Magazin erzählt Igor Wolf, wie K. die rechte Hintertür seines Autos aufriss, auf den Rücksitz sprang und ihm die Pistole ins Gesicht hielt. „Fahr schnell“, habe der Amokschütze gesagt. Dei genaue Zahl seiner Opfer kannte er anscheindend nicht: „Ich habe schon 15 Menschen umgebracht in meiner alten Schule, und das war für heute noch nicht alles, “ soll er gegenüber dem Mann erklärt haben.
Im Laufe der Fahrt habe K. mit der Waffe in der rechten Hand auf ihn gezielt und mit der linken Hand mehrere Ersatzmagazine für die Pistole aufgefüllt. „Er bereitet sich auf die nächste Schießerei vor, das ging mir durch den Kopf“, so Wolf.
Irgendwann habe Tim K. ihm dann die Frage nach einer „anderen Schule“ gestellt. Die Geisel ging darauf nicht weiter ein. „Ich habe ihn zur Ablenkung gefragt, wo willst du denn hin, wohin soll ich dich denn fahren?“ Wolf versuchte den Jungen immer wieder zu beschwichtigen. „Warum machst du so einen Scheiß?“, fragte er ihn. „Ganz laut hat er geantwortet: ’Aus Spaß, weil es Spaß macht’.“
Während der Amokläufer Tim K. noch auf der Flucht war, hatten die Beamten in Winnenden zunächst einen Unschuldigen festgenommen. Die Polizei in Waiblingen bestätigte einen entsprechenden Bericht der „Stuttgarter Zeitung“ vom gleichen Tag.
Bekannt war bislang die von der Polizei zitierte äußerst grausame Frage von Tim K. angesichts eines kleinen Verkehrsstaus: „Soll ich mal Spaß machen und die Autos und die Fahrer abknallen?", hatte er demnach Igor Wolf gefragt. Der Deutsch-Kasache erzählt auch, dass er kurzzeitig in Tübingen bei einem Stop an der Ampel an Flucht dachte: "Aber da waren viele Leute, die gingen ihrer Wege, eine Frau mit Kinderwagen, andere Kinder. Was glauben Sie, was er gemacht hätte, wenn ich raus gesprungen wäre? Er hätte sofort angefangen zu schießen, egal ob auf Kinder oder Alte." Wolf weiter: "Wenn seine Eltern behaupten, der habe keine psychischen Probleme gehabt, dann muss ich sagen: Das habe ich ganz anders erlebt, der war irre."
Kurz vor dem Wendlinger Kreuz zur Auffahrt auf die A8 sah Igor K. Fahrer einen Streifenwagen. Er witterte die Chance, lebend davonzukommen. Aus dem noch rollenden Wagen rettete er sich und lief auf die Beamten zu, die er umgehend alarmierte.
Der 18-Jährige war am Tag des Amoklaufs aus Neugier in die Nähe der
Albertville-Realschule gekommen, wo er früher selbst Schüler war. Wegen
seiner Kleidung schöpften die Ermittler Verdacht: schwarze Jogginghose,
olivgrüne Jacke und schwarze Schuhe – so ähnlich war auch Amokläufer Tim K.
bekleidet.
Gegen 12 Uhr sei dann ein Funkspruch gekommen. „Wir haben den Täter“, hätten die Ermittler gesagt – und seien gegangen. „Ohne Entschuldigung“, berichtete der junge Mann. Minutenlang habe er noch unter Schock gestanden. Trotzdem zeigte er Verständnis für den Polizeieinsatz: „Es ging darum, möglichst schnell den Täter zu finden“, sagte er.
Die Polizei arbeitet die Festnahme des 18-Jährigen nach Angaben einer Sprecherin derzeit auf. Bis eine genaue Bewertung des Falls abgegeben werden könne, werde es aber noch einige Zeit dauern.dpa/cor






















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