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Kommentar

Warum Winnenden uns alle angeht

Noch bevor jemand wusste, was genau geschehen war, wurden die Erklärungsmuster für den Amoklauf von Winnenden bereits geliefert. Hajo Schumacher über Fragen und Antworten am Tag nach der Tat.

Erleichtert vermerkten Politiker, dass natürlich Computer-Ballereien im Spiel gewesen seien. Voreilig erklärte Baden-Württembergs Innenminister Rech den Täter zum normalen jungen Mann.

Die Schützen-Kritiker machten das angeblich zu lasche Waffenrecht verantwortlich. Andere wussten zu berichten, dass der Unternehmersohn wohlstandsverwahrlost sein müsse. Und die Polizei fiel bei den Ermittlungen zum Tatmotiv sogar auf einen Internet-Betrug herein. Wieder einmal funktionierten die Reflexe.

Fakt ist: Unzählige Kinder aus betuchtem Hause wachsen normal auf, tausende Kinder, auch Mädchen, spielen Counterstrike, und die Mehrzahl der Schützen geht halbwegs umsichtig mit den Waffen um. Aber nicht jeder Junge, der regelmäßig zur Schule geht, ist auch ein harmloser Zeitgenosse.

In allen Kulturen, in allen Epochen der Menschheit galt der Heranwachsende als Problemfall. Junge Männer sind körperlich entwickelt, doch die Psyche wackelt. Sie nabeln sich von der Familie ab, ohne eine Identität zu spüren. Sie ahnen den Druck von Anpassung und Aufstieg, aber sie träumen von Rebellion und Ausbruch. TV-Serien wie „Jackass“ oder „Fist of Zen“ illustrieren, wie schmerzfrei, brutal und gefühlsschwankend junge Männer sein können.

 

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Man kann sie zu sportlichen Höchstleistungen animieren, aber ebenso zum Komatrinken. Heranwachsende neigen überproportional zu Drogenkonsum, Depression, Kriminalität und Selbstmordgedanken. Den Zugang zu scharfen Waffen sollte man ihnen also unmöglich machen.

Viele Kulturen schufen ihre Rituale, junge Männer zu domestizieren. Urvölker schickten ihre Knaben in den Wald, wo sie Einsamkeit und Angst, den Wert einer Gruppe und Verantwortung lernen sollten. Handwerker kennen die bisweilen quälenden Lehrjahre, die nicht nur Fachwissen bringen, sondern auch Unterordnung erzwingen sollten. Außer Konfirmation und Führerscheinprüfung hat unsere überzivilisierte Gesellschaft kaum mehr Initiationsrituale, die jungmännliche Wutbomben entschärfen.

Der Bedarf nach physischen Grenzerfahrungen, nach Lob und Beachtung wird mit Schrott vom Elektronik-Discounter beantwortet. So kapseln sich einige labilere Jungen ab, versteigen sich in Killer-Phantasien und suchen im Internet nach Drehbüchern für brutalstmöglichen Ruhm. Dass die Weltpresse in Winnenden einfällt und ihm zumindest posthum Aufmerksamkeit verschafft, mag vom Täter durchaus kalkuliert worden sein.

Sozialpädagogische Konzepte bieten einige Auswege – eine freundschaftliche Rauferei, ein Nachmittag mit dem Vater auf dem Bolzplatz sind allerdings auch schon hilfreich. Fakt ist: Unser Umgang mit den ebenso liebenswerten wie problematischen Heranwachsenden entscheidet ganz erheblich darüber mit, ob sie den Sprung in die Erwachsenenwelt heil überstehen. Oder ob sie wegdriften in furchtbare Fantasiewelten. Und deshalb geht er uns alle an.


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Erschienen am 12.03.2009

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