17.10.11

Strip-Künstlerin

Dita Von Teese – "Ich bin ein böses Mädchen"

Sie ist die Königin der erotischen Selbstvermarktung: Aktmodel, Stripperin und Straps-Designerin. Ein Gespräch mit Dita Von Teese über die Kunst des Ausziehens.

Von Dagmar von Taube

Dita Von Teese, hautenges Kleid, knallroter Kussmund, sitzt auf der samtigen Sofakante im Soho House wie eine Kühlerfigur auf der Motorhaube eines Straßenkreuzers: zart, edel, ein Schneewittchen im 50er-Jahre-Look. Die Meisterin der Verführung reicht ihre Hand wie eine Puderquaste - warm, weich, federleicht. Sie ist in Berlin, um ihr Parfüm vorzustellen: ein schwer-süßer Duft, der sich in die Nase saugt wie Aphrodites Rache. Mit ihr zu reden ist die pure Lust und Freude.

Welt Online: Frau Von Teese, wo haben Sie heute Morgen Ihre Kleidungsstücke her: aus dem Schrank, oder haben Sie sie vom Boden aufgeklaubt?

Dita Von Teese: Haha! Ich liebe es ja, mich schön anzuziehen, aber ich hasse nichts mehr als Kleider aufhängen! Da bin ich eine echte Striptease-Schlampe. Wenn ich nach Hause komme, möchte ich nur noch raus aus den Klamotten, egal, wo ich gerade bin.

Alles fliegt auf Stühle oder Lampenschirme. Seit Kurzem leiste ich mir aber einen Riesenluxus: eine Assistentin, die nur dafür zuständig ist, am nächsten Tag alles wieder aufzusammeln. Ohne sie käme ich gar nicht in mein Bett!

Welt Online: Sie sind Tänzerin, genauer Burlesque-Tänzerin. Das sind die mit den Federboas - und darunter fast nichts mehr. Sie sind aber auch die Mode-Muse vieler berühmter Designer und präsentieren sich als solche stets wie aus dem Ei gepellt. Was ist dramatischer für Sie: an- oder ausziehen?

Von Teese: Anziehen! Keine Frage. Man kann sich überhaupt erst sinnlich entkleiden, wenn man etwas Aufregendes abzulegen hat. Ich liebe dieses Ritual, sich von top to toe zurechtzumachen: schnuckelige, zickige kleine Dessous, Strumpfbänder...

Wenn man dann mit dem Bein, die Zehen vorsichtig voran, in hauchdünne, schwarze Seide steigt und sich so Schicht für Schicht wie ein kostbares Geschenk einpackt. Ich fühle mich so viel wohler in meiner Haut, wenn ich mir beim Anziehen wirklich Mühe gebe. Ich bin Stripteasetänzerin, aber keine Exhibitionistin. Das Nackte ist vielmehr eine Rolle, mein Kostüm auf der Bühne.

Welt Online: Da planschen Sie mit riesiger Schaumstoffolive im riesigen Martini-Glas, klein, knuffelig, rhythmisch zu Dschungelmusik. Sie waren aber auch mal mit Schockrocker-Lulatsch Marilyn Manson verheiratet, der sich in toten Karnickeln suhlt, weiße Kontaktlinsen trägt. Ihre dunkle Seite?

Von Teese: Ganz bestimmt. Ich kann schon auch ein unartiges Mädchen sein. Wobei, was heißt das schon, unartig? Die Leute wollen immer alles in Gut und Böse einteilen, aber wer bestimmt das denn, und warum muss man sich für eins davon entscheiden? Ich bin lieber beides gleichzeitig, und ich mag es, wenn ich die Leute damit verwirre.

Welt Online: Wie ganz genau?

Von Teese: Ich lebe meine Fantasien. Es gibt, glaube ich, keinen Tag, an dem ich nicht an Sex denke: wenn ich aufstehe, beim Zähneputzen, wenn ich einem schönen Mann im Fahrstuhl begegne. Ich mag Tabubrüche, wenn etwas auf den ersten Blick so süß und harmlos aussieht und auf den zweiten dann so richtig kribbelt.

Extremsituationen, aber auch extrem stilvoll wie diese Frau in einem Foto von Helmut Newton: Sie ist wunderschön in eleganter Wäsche mit teurem Schmuck. Sie trägt einen Sattel auf dem Rücken, und wartet auf allen vieren darauf, von einem Mann bestiegen zu werden. Wir alle haben doch dieses Verlangen danach, unsere dunkle Seite auszuleben, und wir sollten es tun, das ist sehr befreiend, nur bitte mit Stil.

Welt Online: Sie verkaufen sich als Wiedergängerin von Bettie Page, dem ersten Bondage-Model, in einer Zeit, in der das dienstälteste Pin-up Pamela Anderson längst abgedankt hat. Striptease, das kennt man aus amerikanischen Filmen: Da sitzen Männer am Tresen und stecken Frauen, die darauf tanzen, Dollarscheine in den Slip. Fernfahrerkneipen.

Berühmte Schauspielerinnen sind am Striptanz gescheitert, wie etwa Demi Moore. Dieser Versuch der Verführung - ob nun Tresen oder Cocktailglas - wirkt doch eigentlich total lächerlich und unerotisch. Ist es eine Frage der Intelligenz, ob jemand das scharfmachend findet? Mal ehrlich, müssen heute die Gewürze nicht etwas schärfer sein als nur tanzen an der Stange?

Von Teese: Ich landete mal in so einem Club in Orange County, Kalifornien. 1991. Eine Bretterbude voller Rockbräute in Neon-Bikinis, tanzend an der Stange. Schon hübsche Mädchen, aber zu blond, zu gebräunt, zu muskulös alle. Und ich dachte: Das kann doch nicht sein. Dass es nur diesen einen Frauentyp gibt und Männer nichts anderes wollen? Ich gebe Ihnen recht, es ist schwer, wirklich gute Shows zu finden. So kam ich eben auch drauf, Striptease im Stil Helmut Newtons zu präsentieren. So fing es an.

Welt Online: Es muss mehr sein bei Ihnen als nur eine entdeckte Marktlücke. Mit 18 waren Sie schon Stripperin und posierten auch gern mal auf der Toilette mit der Lollipop-Geste, Sprühsahne zwischen den Schenkeln. Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass Sie Gefallen daran finden, sich schön auszuziehen?

Von Teese: Als Kind habe ich es geliebt, in den Schränken und Kommoden meiner Mutter zu stöbern, heimlich, wenn sie nicht da war. Ihre Wäsche, ihre BHs, Schuhe, ihren Schmuck, ich habe alles anprobiert und spielte Dame vor dem Spiegel. Das hatte nichts mit Erotik zu tun. Ich mochte einfach sehr früh das Gefühl, eine Frau zu sein, erwachsen, in erwachsenen Kleidern. Ich fand das so aufregend, all diese Raffinessen. Kind sein empfand ich dagegen als schrecklich langweilig.

Welt Online: Wann entdeckten Sie, dass andere Lust dabei bekamen, Ihnen dabei zuzugucken, wie Sie sich entkleiden?

Von Teese: Darum geht es nicht. Ich mach das nicht für andere, ich biete mich ja nicht an. Ich selbst mag das Spiel. Je mehr ich an mir trage, desto aufregender finde ich die Vorstellung, Stück für Stück abzulegen. Und mit jedem Mal verändert sich alles! Ich kaufe auch meine Dessous nicht, um meinem Freund zu gefallen. Dem fällt das eh nicht mehr auf. Der sieht mich den ganzen Tag in Strapsen.

Welt Online: Modedesigner-Söhnchen Louis Marie de Castelbajac, der elf Jahre jünger ist als Sie?

Von Teese: Ja. Der hat sich längst an meinen Look gewöhnt. Da kommt kein großes "Oh" oder "Ah" mehr. Aber wenn ich plötzlich in Feinripp reinkäme, mit Tennissocken - das fände er dann wieder heiß wahrscheinlich. Männer brauchen immer wieder die Abwechslung, darum geht's.

Welt Online: Wer ist Ihr Showpublikum?

Von Teese: Viele Frauen. Man merkt, die wollen echt aufholen, lernen, was alles Versäumtes in ihnen steckt. Ehepaare. Alles, vom Schlachter bis zum Banker. Manche wollen nur etwas Glamour nach Hause tragen. Viele sind erschöpft, die haben Stress. Da holt man sie nur raus, wenn man sie verzaubert mit einer Welt, in der sie sich auch mal fallen lassen können.

Welt Online: Wie zieht man sich denn nun sinnlich aus, was muss man dabei beachten? Welche BH-Schließe empfiehlt sich, wie streift man den Slip ab?

Von Teese: Jede Frau braucht erst mal einen guten Schneider. Nichts geht über den perfekten Sitz eines Kleides, das Busen, Po, Bauch, Taille maßgeschneidert modelliert. Und ein schönes Set Dessous: BH, Slip, Strapse. Ich mag keine Strings oder Sachen mit zu viel Spitze, da verheddert man sich nur oder hängt dann am Zeh fest.

Eine Enthüllung ist auch viel aufregender, wenn etwas mehr Stoff da ist, also bloß nicht zu knapp kaufen. Beim BH ist der Verschluss klassisch hinten immer noch am spannendsten: Du lässt erst den einen Träger fallen, dann den anderen, dann öffnest du die Schließe am Rücken. Bevor du aber dein Oberteil ganz fallen lässt, wartest du und zeigst erst mal nur deinen nackten Rücken.

Es ist gut, wenn man sich leicht an etwas anlehnen kann, statt verloren im Raum herumzustehen. Es hilft schon ein Stuhl, man kann sich auch setzen. Das Wichtigste ist nur, dass alles ganz langsam geschieht, zeitlupenartig. Es muss mühelos aussehen, gelassen, unverkrampft.

Du musst die Augen deines Mannes führen, als würde er zum ersten Mal in seinem Leben überhaupt einen Körper sehen. Es gibt diesen Klassiker aus den 50ern, "Harlem Nocturne", spielt fast jede Big Band. Der ist toll zum Üben vor dem Spiegel.

Welt Online: Was ist dran an der Filmfantasie: Stehen Männer wirklich darauf, dass Frauen ihre High Heels im Bett anlassen - oder sind das dann nur Schuhfetischisten, die ohnehin lieber mit dem Schuh schlafen würden als mit der Frau, die ihn trägt?

Von Teese: Hohe Schuhe machen einfach lange Beine, schöne Waden, hübsche Füße. Völlig wurscht. Sie müssen gepflegt sein, klar, aber kein Pin-up. Sie müssen sich wohlfühlen. Männer sind schon glücklich, wenn eine Frau etwas nur für sie macht - und es mal nicht die Mutter ist.

Welt Online: Sie haben in diversen Erotikfilmen mitgespielt. Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zu gefilmter Pornografie?

Von Teese: Ich schaue mir gerne Pornofilme an, allein, zu zweit. Es ist nur schade, und ich rede häufig mit Freundinnen darüber, dass es da explizit für Frauen wenig Gutes gibt. Die meisten Filme sind doch sehr männerzentriert. Ohne Handlung, schlecht geschnitten, platt, emotionslos, fast brutal. Das Ende ist immer gleich.

Welt Online: Wie müssen frauenaffine Pornofilme gemacht sein? Bestsellerautorin Charlotte Roche, die sich offen zu Puffs und Pornos bekennt, mag zum Beispiel keine Filme des Typs "Frauen machen Pornofilme für Frauen". Zitat: "Die sind vollkommen lulli-bulli. Da geht's nur darum, dass eine Frau in Eselsmilch badet und aussieht wie Kleopatra." Zu seicht.

Von Teese: Ich mag Filme, die nicht so albern und mechanisch gestellt sind. Wenn ich einen drehen würde, ich würde es ja richtig stylish machen, auch nicht diese deprimierenden Motel-Locations. Man will schon echten Sex und auch alles sehen. Klar, schon Hardcore. Aber es muss geschmackvoll sein, schöne Körper, schönes Licht.

Darsteller, die auch zärtlich miteinander sind. Und das Ganze in einer Situation, in der wir uns selbst gern sehen würden und verlieben könnten - auf einer Vernissage in Paris, mit guten Leuten, gut gekleidet. Wie ein frecher Flirt, der dann zur wahnsinnig heißen Liebesnacht wird. Das macht mich an. Andrew Blakes Filme finde ich ganz gut.

Welt Online: Ach, ja? Der reizt auch Roche.

Von Teese: Ja, ich glaube, er kommt den Bedürfnissen und Fantasien von Frauen mit seinen sehr sinnlichen, sehr hochpreisigen Filmen am nächsten.

Welt Online: Was halten Sie von Sexspielzeug?

Von Teese: Ja, sogar vergoldet, mit Namensgravur: Vibrator zum Beispiel von Jimmyjane, empfehle ich jeder Frau! Ich habe ein sehr hübsches Kästchen auf meinem Nachttisch, abschließbar. Darin bewahre ich alle meine Schätze auf.

Welt Online: Über die Figur haben wir noch gar nicht geredet: Wo hat man als Frau idealerweise Muskeln, wo nicht?

Von Teese: Ich mag es, wenn die Waden leicht definiert sind und die Oberarme. Schön sind auch Muskeln am Bauch, so zart angedeutet. Da darf kein Sixpack sein, aber auch kein osmanischer Bauchtanzspeck. Genau dazwischen ist wahnsinnig sexy.

Welt Online: Sagen Sie doch hier mal ganz genau: Wie häufig muss ich mit wie viel Gramm Gewichten trainieren, um diesen Von-Teese-Bauch zu kriegen?

Von Teese: Ich mache Pilates und habe Ballettunterricht. Da geht es nicht um Gewichte. Ich habe natürlich auch ein Bauch-Programm, eine halbe Stunde täglich, und ein Po-Work-out - Po ist sowieso ganz wichtig, viel wichtiger noch als Bauch, denn den sieht ja jeder, wenn Sie nur zur Tür rausgehen.

Aber ich muss viel mehr aufpassen, dass ich nicht zu dünn werde. Und auch etwas Cellulitis schadet nicht! Sonst bewegen sich meine Schenkel nicht, und es sieht dann auf der Bühne nicht mehr sexy aus, wenn da nichts mehr wippt. Wer will eine Statue? Ein Körper muss griffig sein.

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