08.01.2010, 08:24

Kältewelle Wir jammern zu Unrecht über den eisigen Winter

Von Ulli Kulke

Minusgrade, Verkehrschaos und Schneemassen: Der Winter hat Deutschland und die Welt fest im Griff. So etwas haben wir noch nicht erlebt, denken wir – und sind verblüfft von der Naturgewalt der Jahreszeit. Doch der Eindruck trügt. Denn beim Thema Wetter leiden wir unter großen Gedächtnislücken.

Um mehr als zwei Grad solle sich die Erde nicht erwärmen. So lautete der Beschluss der Klimakonferenz in Kopenhagen. Heute, drei Wochen später, fragen wir uns, warum man nicht beschlossen hat, dass es höchstens zwei Grad kälter werden darf.

Es ist Winter und deshalb bitterkalt. Hierzulande, in weiten Gebieten Europas, Amerikas und Asiens. Darüber ist mancher, mal wieder, überrascht. Viele leiden, frieren, bleiben in ihrem Winter-Blues daheim. Kälte kostet Geld, Gesundheit und auch Menschenleben. Für andere ist es eine Freude. Kindheitserinnerungen wecken Emotionen aus ihrem Schlaf, der gefühlte Jahrzehnte dauerte. Nicht wenige genießen es, sich in die romantischen Winterlandschaften, die uns die alten Holländer auf ihren Ölbildern überlieferten, hineinzuversetzen, endlich mal wieder.

Endlich? Wann war er eigentlich noch mal, der letzte wirkliche Winter, mit Kälte, Schneemann und Eiszapfen? Wie es aussieht, haben wir alle ein sehr kurzes Gedächtnis, wenn es ums Wetter geht und die Ausschläge am Thermometer, egal ob nach oben oder nach unten.

Entspannung bietet es in diesen extremen Situationen, denen zuzuschauen, die beim Wetter und Klima nicht an gestern oder morgen denken, die spielerisch damit umgehen. Den Kindern bei der Schneeballschlacht, aber auch dem Berberaffen im Zoo, der die weiße Pracht vom Baum schüttelt, wenn sein Artgenosse gerade darunter steht. Oder den Riesenkängurus, die nach ihren Sprüngen im Schnee nach Halt suchen.

Jetzt ist Tierzeit

Überhaupt rücken die Tiere im Zoo ins Blickfeld der Gazetten. Wir lesen, dass im Freigehege der Giraffen besonders gut gestreut werden muss, damit bei den glatten Hufen und den langen, zerbrechlichen Beinen kein Schaden entstehe, fühlen mit den Erdmännchen, von denen berichtet wird, dass sie sich unter der Wärmelampe heftig drängeln. Wir gruseln uns aber auch, weil der Wassergraben, der den Tiger von den Zoobesuchern trennt, bald schon zugefroren sein dürfte, wie es heißt.

Das Außergewöhnliche an dieser Situation ist für uns deshalb so erregend, weil wir einerseits mittendrin stehen, weil wir ausnahmsweise mal nicht als Zaungäste von entfremdeter Politik oder Showbusiness die Medien konsumieren, sondern als Betroffene das selbst Erlebte lesen; weil andererseits die Folgen absehbar begrenzt sind in unserer technisch-komfortablen Welt, die – trotz aller Pannen – mit jeglichen Minusgraden klarkommt. Wen würde es schon interessieren, dass die Polizei vorgestern bei Bielefeld Fahrraddiebe erwischt hat? Weil aber die Diebe wegen des Tiefschnees nicht fuhren, sondern schieben mussten und die Kommissare einfach ihren Spuren folgten, ist es eine Meldung, die uns unsere Fußspuren im Schnee mal mit anderen Augen sehen lässt.

Kälte schützt vor Dummheit nicht. Wir lieben das Extreme. Und es mögen heute noch so viele über das Wetter jammern. Wenn wir ehrlich sind, werden wir es auch bedauern, wenn es wieder wärmer wird, matschig zunächst, trübe. Worüber sollen wir dann reden? Über Steuersenkungen, über Ernst Augusts neue Geliebte?

Rekordtemperaturen

Nein, lieber über absolute Rekordtemperaturen. An solchen hat der Winter gleich eine ganze Reihe hervorgebracht in Deutschland. Und wir waren dabei. Allzu viel aber sollten wir uns darauf nicht einbilden. Wie beliebig solche Rekordtemperaturen sind, zeigt ein Blick auf die Internetseite des amerikanischen Wetterdienstes HAMweather. 236 Rekorde sind dort für die verschiedensten Orte der USA verzeichnet, die allesamt an einem Tag, am 6. Januar 2010, gemessen wurden, verglichen mit allen Dreikönigstagen seit Aufzeichnung der Wetterdaten: Temperaturen, Regen oder Schnee. Vorgestern waren es – bis auf einen Hitzerekord bei Seattle – durchweg Kälterekorde. An anderen Tagen ist es umgekehrt. In der Woche kommen da rund 1500 Rekorde zusammen, Hitze, Kälte, in fast jedem Jahr, in jedem Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts.

Gewiss, es sind lediglich lokale Rekorde, bezogen auf ein bestimmtes Datum im Jahr, doch wir dürfen dies getrost im Hinterkopf behalten, wenn es wieder heißt, in Oberunterbach sei es der kälteste, wärmste, trockenste oder feuchteste Frühlingsanfang seit Menschengedenken gewesen.

Und auch beim Blick auf das Große und Ganze relativieren sich Rekorde schnell. Für Deutschland etwa reicht der Blick auf die Zeit vor einem Jahr. Am 6. Januar 2009 meldete die Morgenpost Online: "Sibirische Kälte hat das Land im Griff und legte den Verkehr zu Land, zu Wasser und in der Luft lahm." Von "Temperaturen teilweise deutlich unter 20 Grad" war die Rede, im Osten wie im Westen. In Thüringen war am Vortag eine 77-jährige Frau erfroren, bei der Bahn gab es Ausfälle, auf dem Frankfurter Flughafen mussten Passagiere acht Stunden in ihrer Maschine auf den Abflug warten. Wochenlange Kälte, vor einem Jahr.

Auch diese frostige Jahreszeit 2009 war keine Ausnahmeerscheinung im Vergleich zu den vorherigen, wie allein das vergangene halbe Jahrzehnt zeigt. Die Monate Januar und Februar 2005 zählten in unserem Land zu den – bis dahin – kältesten und schneereichsten der letzten Dekaden. Im Frühjahr 2006 lag Deutschland sechs Wochen unter Dauerfrost, 2008 und 2009 war es nicht viel milder. Und so lange war es da auch noch nicht her, dass in den 90er-Jahren zwei Mal weite Flächen der offenen Ostsee zugefroren waren – eine Situation, von der wir im laufenden Winter noch Wochen entfernt sind: Heute warnen die Behörden im ganzen Land sogar davor, Teiche oder Seen zu betreten, deren Eis noch viel zu dünn sei, um Menschen zu tragen – auf denen wir aber in vergangenen Jahren unsere Kreise zogen.

Lediglich der Winter 2006/2007 war mild, sehr mild. Es war ein Ausnahmewinter, mit zweistelligen Plusgraden im Januar, kaum frostige Tage. In den Gärten blühte es. Diese so überaus warme "kalte Jahreszeit" war allerdings auch deshalb eine besondere Saison, weil sie das Jahr einläutete, in dem der Weltklimarat IPCC auf vier Mammutkonferenzen seinen letzten großen Bericht vorlegte. Von der katastrophalen Erderwärmung war darin die Rede, die sich in unseren Breiten weniger in sommerlicher Hitze als in winterlicher Milde bemerkbar machen würde.

Der nächste Winter kommt bestimmt

Haben wir den "Winter verlernt", wie die Online-Ausgabe eines Magazins gestern in einem Essay vermutete? Die Erfahrungen der letzten Jahre können wohl kaum dazu geführt haben. Eher schon die inzwischen vielfach verwurzelte Erwartung, dass es vorbei sei mit der weißen Pracht, auf ewig. Und dass wir dies durch unsere technische Wirkmacht erreicht hätten. Es mag wärmer geworden sein bis zur Jahrtausendwende und seither noch nicht wieder kälter. Und es gilt den Unterschied zu beachten zwischen dem langfristigen Klima und den kurzfristigen Jahreszeiten. Und doch bleibt festzuhalten: Die Winter, ihr Frost und Schnee sind offenbar noch nicht von uns gegangen.

Wenn die Kommunen zu wenig Streusalz eingelagert haben, wenn bei der Bahn manche Weiche einfriert, wenn beim Mietwagen zu wenig Frostschutz in der Scheibenwaschanlage ist, so können die Verantwortlichen sich nicht darauf berufen, dass dieser Januar außerhalb des meteorologischen Rahmens liege. Dennoch stünde es uns gut zu Gesicht, hier ein wenig Milde walten zu lassen im Urteil. Im Großen und Ganzen nämlich funktioniert das Land trotz klirrendem Frost. Mehr denn je rollt reibungslos landauf, landab auf Gleisen, auf Straßen und auf Startbahnen. Anders vielleicht als in England, wo bei den Straßendiensten die alljährliche Überraschung über den alljährlichen Winter schon sprichwörtlich ist.

Es sind eben nicht die kalten Winter selbst, die lange zurückliegen, sondern die Winter, die uns persönliche Probleme bereiteten. Gewiss: Die eisigen Nachkriegswinter mit verbreitetem Hunger haben immer weniger in Erinnerung. Doch bei den müde leiernden Automotoren in den 70er- und 80er-Jahren, die morgens in der Kälte nicht ansprangen und bald verstummten, sind es schon mehr.

Es gab auch eine Zeit vor Thermokleidung samt beheizten Handschuhen, vor dem federleichten, wasserdichten, wärmenden Schuhwerk, als wir zitternd an der Bushaltestelle ohne Häuschen standen, eine Zeit vor computergesteuerter Heizautomatik und vor den Rasenheizungen, als Bundesliga-Spiele noch dutzendweise ausfielen. Es war die Zeit, über die wir heute auch gern unseren verwöhnten Kindern oder Enkelkindern Geschichten erzählen und manchmal so tun, als hätten wir so etwas wie Stalingrad erlebt.

Vielleicht ist es ja auch die Sehnsucht nach einem Erlebnis mal wieder mit durchaus begrenztem Risiko, die uns an so einem Winter fasziniert und manch einen doch hoffen lässt, dass er noch ein wenig anhält, vor allem, wenn er auch noch meint, es könne der letzte sein.

Schon am Wochenende könnte es ein solches Erlebnis geben, und zwar gleich für viele Tausend Menschen. Die feierliche Eröffnungszeremonie des Ruhrgebietes als "Kulturhauptstadt Europas" steht für den Samstag auf dem Programm – ausgerechnet als Freiluftveranstaltung. Fritz Pleitgen, Geschäftsführer der Ruhr 2010, gehört offenbar zu jenen, die die Winter schon aufgegeben haben. Er könnte eines Besseren belehrt werden, wenn, wie die Meteorologen sagen, ein eisiger Schneesturm über das Land zieht. Cornelia Urban vom Deutschen Wetterdienst in Essen sagt, "es könnte sogar auf ein Unwetter hinauslaufen".

Vielleicht hätten die Organisatoren noch warten sollen. Das nächste Jahr, so prognostiziert es jedenfalls der britische Wetterdienst, solle das wärmste aller Zeiten werden. Doch auch solche – lange nicht mehr eingetroffenen – Vorhersagen gehörten zu den festen Erfahrungen der letzten Jahre. Andere sagen voraus: Der nächste Winter kommt bestimmt.

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