02.04.07

Jubiläum

Larry King, der Erfinder der Kuschel-Talkshow

Er gab die Initialzündung für den weltweiten Talkshow-Boom. Nicht jene Entartung, in der sich Studiogäste verbale Schlammschlachten liefern. King ist ein Menschen-Flüsterer, ein Gentleman, bei dem sich Prominente wie Hillary Clinton sicher fühlen und wirklich anfangen zu reden.

Foto: UPI_/Landov
4. "In the Spirit of the Game"-Dinner - Larry King
Larry King feiert mit seiner Talkshow noch immer Erfolge

Er ist ein Gentleman. Er zeigt keine Spottlust, obwohl er es wohl könnte. Larry King würde nie tun, was sein Talk-Kollege Jon Stewart in der "Daily Show" des "Comedy Channel" am Freitag tat: Ausführungen über Bushs schlechte Umfragen mit einem Foto illustrieren, das Bushs Sprecher Tony Snow mit panischem Blick zeigt. Das Bild war keine zwölf Stunden alt. Am Samstag kam heraus, warum Snow so panisch blickte. Er hatte gerade erfahren, dass er wieder Krebs hat.

Larry King, mit bürgerlichem Namen Lawrence Harvey Zeiger, hätte ein solches Bild nicht gezeigt, schon gar nicht als Gag. Der fanatische Baseballfan hat mehr Achtung vor seinen Gästen als vor sich selbst, und das will in seinem Metier etwas heißen. Das fünfzigjährige Jubiläum dieser Selbstfindung, den ersten Radioauftritt als Discjockey eines Lokalsenders in Miami am 1.Mai 1957, lässt sein Haussender CNN jetzt wochenlang feiern. Es ist ein bisschen Marketing dabei, denn richtig berühmt wurde King erst mit der Talkshow "Larry King live", die am 3.Juni 1985 startete. 2010 ist ihr Vierteljahrhundert Anlass für weiteren CNN-Jubel. Zuvor liegt Kings 75.Geburtstag am 19.November nächsten Jahres in der Luft.

Der Jubilar kennt die Welt des Aufsteigers, und deshalb sind seine Interviews nicht nur fair, sondern auf eine anheimelnde Art mitfühlend. Sie sind es manchmal bis zur Kitschigkeit. Neulich endete ein Gespräch mit George H.W. Bush und dessen Tochter Doro mit allen dreien in Tränen. Es war um den Tod gegangen. Tochter Doro hatte "Dad wird wie eine Rakete in den Himmel aufsteigen" eingeworfen, Vater Bush bekam plötzlich feuchte Augen und eine eigenartige Stimme. So etwas ist nur bei Larry King möglich. Der Anlass des Gesprächs, ein Buch Doro Bushs über ihren Vater, war politisch irrelevant, aber King spürte, dass es die Ode einer Tochter an einen Vater war. So lenkte er das Gespräch zum Schluss in eine Richtung, die zu Bekenntnissen Gelegenheit bot. Er hätte das auch mit anderen Politikern gemacht; er nimmt politisch nicht Partei. Partei nimmt er für positive Gefühle. Er verkörpert eine Seltenheit: unzynischen Journalismus, der mehr ist als Berichte vom Hofe für den Hof.

Sein Markenzeichen sind die aufgekrempelten Ärmel und gewaltigen bunten Hosenträger, die den Kopf und die funkelnden Augen noch etwas kleiner und angriffslustiger wirken lassen. King wirkt manchmal wie eine Mixtur aus Sherlock Holmes und einem "Star Trek" entsprungenen Erdling. "Don't go away!", die Zeigefinger-Mahnung vor dem Werbeblock, gehört ebenfalls zum unverwechselbaren Ritual. Doch Larry King aus Brooklyn, aufgewachsen mit Baseball und Straßenjugend, braucht keine Angst zu haben, dass ihm seine Fangemeinde abhanden kommt. Seine Gesprächsführung stützt sich nicht auf Impulsumfragen und focus groups, sondern auf Lebenserfahrung. Daran nimmt man gern teil.

Kettenraucher, Herzinfarkt und sieben Ehen

King und das Leben, ja. Vor vierzig Jahren verlor er sich in einer gar nicht so kleinen Gaunerei, es ging um Betrug und Hinterziehung. Einem Prozess entkam er nur, weil die Sache verjährt war, als sie herauskam. Vor zwanzig Jahren erlitt der Kettenraucher einen Herzinfarkt. Vor zehn Jahren heiratete er zum siebten Mal, seine Verlobten nicht einmal eingerechnet. Geplatzte Träume, Kriminalität, Krankheit, Scheidungen, der Bogen menschlicher Anfechtung und Sorgen faszinieren ihn. Anna Nicole Smiths Tod war ihm tagelang die Ausladung schon gebuchter Gäste wert – und trotzdem blieb kein schales Gefühl. Kritiker erklären ihn zum Erfinder des "Infotainment". Doch wenn das darin besteht, den Stil zu wahren, dann sei es so. Wo sonst kämen Hillary Clinton, Barack Obama und die Bushies gleichermaßen gern zum Interview? King könnte sie durch Fangfragen ins Stottern bringen. Er tut es nicht. Von Marlon Brando handelte er sich dafür mal einen schmatzenden Kuss ein. Er hat es überlebt, persönlich wie professionell.

Ein Termin mit Laura Bush Ende Februar erforderte besonderes Fingerspitzengefühl. Das Weiße Haus hatte sich entschlossen, Gerüchte über ihre scheiternde Ehe mit dem Auftritt zu zerstreuen. Larry King gelang das Gegenteil, ohne dass er das Gespräch auch nur in die Nähe des Sujets gebracht hätte. Er hörte Laura einfach nur zu, schweigend, oder mit behutsamer Nachfrage. Das Resultat waren Antworten, die Andeutungen gleichkamen. Hätte King aggressiv gefragt, er hätte die üblichen Dementis erhalten.

Mit "Larry King live" hat CNN die weltumspannende Talkshow erfunden. Der Moderator machte daraus selbst im Schlichten und Schlechten ein Abbild der besseren Seite Amerikas. Hillary Clinton und Barack Obama werden es in der heißen Phase des Wahlkampfs zu schätzen wissen. Wenigstens einer, der hässliche Gerüchte nicht auch noch mit Hohn garniert.

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