21.12.08

Partnerschaft

Sehnsucht – Ursache und Sinn eines Gefühls

Ein sehr komplexes Gefühl: die Sehnsucht. Fast alle Erwachsenen haben sie. Kinder kennen dieses Gefühl allerdings noch nicht. Häufig hilft die Sehnsucht dabei, mit Unerreichbarem zu leben – und sie bezieht sich meistens auf eine Partnerschaft. Doch was ist ihre Ursache und was ihr Sinn?

Von Pia Heinemann

Die blaue Blume ist seit der Romantik das Symbol der Sehnsucht. Das Symbol für ein Gefühl, das offenbar jeder kennt – und das Wissenschaftler bis heute kaum erklären können. Zu schwer fassbar ist dieses innere Ziehen. Das Sehnen nach einem noch unbekannten, perfekten Partner, einem noch nicht geborenen Kind, nach Landschaften oder nach der eigenen Kindheit. Sehnsucht – ein komplexes und höchst individuelles Gefühl, dessen Ursache und Sinn Psychologen und Soziologen nicht mit einer einfachen Umfrage klären können.

"Sehnsüchte sind sehr glänzend, sehr glitzernd", sagt die Zürcher Psychologie-Professorin Alexandra Freund, die über Sehnsucht forscht. "Das beschreiben unsere Probanden immer wieder. Sehnsüchte stehen für etwas sehr Schönes, aber Unerreichtes. Deshalb können sie auch so wehtun, weil man das Objekt der Sehnsüchte ja eben nicht besitzt und meistens auch weiß, dass man es nur sehr schwer oder gar nicht erreichen kann. Das Gefühl der Sehnsucht ist immer bittersüß." So wie Novalis' blaue Blume etwas sehr Schönes, letztlich aber Unbeschreibliches und Unerreichbares ist.

Am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung wagte der inzwischen verstorbene Paul Baltes den ersten Schritt und begründete gemeinsam mit seinen damaligen Mitarbeiterinnen – Susanne Scheibe, Alexandra Freund und Dana Kotter-Grühn – die Sehnsuchtsforschung in Deutschland. Die Forscher entwickelten einen Fragebogen, mit dem sie die Sehnsucht genauer kategorisieren konnten.

Nun präsentieren die Wissenschaftler erste Ergebnisse: Fast alle Erwachsenen kennen die Sehnsucht. "Wir können es noch nicht quantifizieren, aber es kommt selten vor, dass einer unserer Probanden mit dem Konzept 'Sehnsucht' nichts anfangen kann", sagt Alexandra Freund. "Allerdings erst, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben." Kinder kennen dieses Gefühl noch nicht. Offenbar fehlen ihnen die nötigen sozial-kognitiven Voraussetzungen für die Sehnsucht. Sie sinnieren noch nicht über ihr Leben, haben noch nicht so viele Erfahrungen gemacht wie Erwachsene und frönen auch nicht dem "Was wäre wenn"-Denken. Erst 15-Jährige können Sehnsüchte benennen.

Depressive führen ein Leben im Grau

Die süße Bitterkeit von Sehnsüchten hat einen melancholischen Aspekt. Könnten sie auch mit Depression einhergehen? Gegenwärtig gibt es hierzu noch keine Untersuchungen, aber "eine Vermutung ist, dass im Leben von klinisch Depressiven Sehnsüchte eher fehlen. Depressive führen ein Leben im Grau. Aber Sehnsüchte glänzen", sagt Freund. In der Depression fehlt diese glänzende Seite der Sehnsucht, das, was einen auf das Ersehnte hin ausrichtet und vielleicht auch antreibt.

Offenbar wächst die Sehnsucht, wenn der Mensch erkennt, dass er nicht alles erreichen kann. Sie stellt der Gegenwart einen imaginären, vielleicht früher schon einmal erlebten, vollkommeneren Zustand entgegen. Sehnsucht ist dabei etwas sehr persönlich Empfundenes: Die wenigsten von uns sehnen sich etwa danach, dass weniger Wale gefangen werden, auch wenn dies vielen vielleicht wünschenswert scheint – der Walfang ist für die meisten von uns zu wenig wichtig für das eigene Leben. Meist hängt die Sehnsucht damit zusammen, dass man sich selbst als unvollkommen erlebt. "In meinem Leben fehlen Kinder", ist eine typische Sehnsuchtsaussage. Und da die ersehnten Zustände immer schön, aber scheinbar unerreichbar sind, ist die Sehnsucht auch immer bittersüß.

Manche Menschen nutzen ihre Sehnsüchte, um ein blockiertes Ziel mental zu verarbeiten oder ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Damit hat die Sehnsucht einen klaren Einfluss auf das Leben. Bei Sehnsüchten geht es in der Regel nicht um Konkretes, um Geld, ein schnelles Auto oder ein Designerkleid. Es geht eher um Lebenskonzepte. Vielleicht ist die Sehnsucht in der Evolution des Menschen entstanden, um ihn immer wieder nach neuen Wegen zum Glück suchen zu lassen. Ein Gefühl, das zur Veränderung drängt.

Häufig bezieht sich die Sehnsucht auf eine Partnerschaft: Der eine perfekte Mensch, der immer zu einem steht, einen versteht und bedingungslos liebt, ist wie die blaue Blume. Erst ab dem mittleren Alter, also ab etwa 35 Jahren, sehnen sich die Menschen nach einer erfüllten Beziehung, erst in diesem Alter haben sie bereits gelernt, dass es diese nicht oder nur überaus selten gibt.

Der Kinderwunsch von Frauen

Sehnsüchte, so viel ist klar, sind vom Grund her unerreichbar. Dennoch finden Psychologen in ihnen mittlerweile einen Sinn: "Sie geben dem Leben eine Richtung, helfen Entscheidungen zu treffen", sagt Alexandra Freund. "Etwa die Entscheidung zwischen eigenen Kindern, einem Partner und Familie auf der einen Seite, oder aber der Karriere auf der anderen Seite." Wer die Sehnsucht nach einer Familie in sich spürt, wird sich gegen die Karriere entscheiden. Nach Paul Baltes' Theorie hilft die Sehnsucht dabei, mit Unerreichbarem zu leben. "Es ist vielleicht ein Teil des Erwachsenwerdens", sagt Freund. "Man kann auf einer imaginären Ebene seine Vorstellung von Perfektion ausleben."

Dana Kotter-Grühn hat in ihrer Dissertation am Max-Planck-Institut in Berlin eine Sehnsucht genauer untersucht: den Kinderwunsch von Frauen. Sie hat 168 Frauen zwischen 35 und 55 Jahren darüber befragt, wie wichtig für sie der Kinderwunsch ist oder war und ob ein Kind eher ein Ziel oder eine Sehnsucht ist. Das Ergebnis ihrer Befragung: Offenbar wandelt sich der Kinderwunsch immer mehr von einem Ziel zur Sehnsucht, je unerreichbarer er wird. Auffällig ist, dass sich die Frauen umso schlechter fühlen, je unerreichbarer ein Kind erscheint. Doch sobald "sie sich gegen das bittere Gefühl wehren und innerlich stopp sagen, kosten sie die süße Komponente der Sehnsucht voll aus und fühlen sich besser als die anderen", schreibt Kotter-Grühn. Damit bestätigt sich Baltes' These, dass das Kennen der Sehnsucht helfen kann, mit Unerreichbarem besser fertig zu werden.

Sehnsüchte können das Leben in einer Beziehung aber auch vereinfachen. "Wenn beide Partner ähnliche Sehnsüchte teilen, dann haben sie einen ähnlichen Entwurf vom Leben", sagt Alexandra Freund. "Möglicherweise sind diese Beziehungen stabiler, als die von Partnern, die sich nach verschiedenen Dingen sehnen." Also gilt auch für Sehnsüchte: Gleiches zieht sich an.

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