"Neulich in Belgien"
Menschen zwischen Witz und Weltschmerz
Es ist die Geschichte einer Frau zwischen zwei Männern – und die Geschichte von den Tiefen des Lebens einer Frau, das diese als "Witz" bezeichnet. "Neulich in Belgien" liefert Gefühle der Verzweiflung neben großer Komik. Und die peinlichste Karaoke-Szene der Kino-Geschichte.
Von Brigitte Preissler
Mit einem Gesicht so grau wie ihre Strickjacke kommt Matty (Barbara Sarafian) aus dem Supermarkt. Eine fahle, aschenputtelhafte Gestalt, die allen Grund hat, unglücklich zu sein: Ihr Gatte Werner (Johan Heldenbergh) vergnügt sich mit einer Jüngeren, der einzige Lichtblick bei ihrer Arbeit am Postschalter ist ein Opa auf Freiersfüßen, und der eben erledigte Einkauf für drei nervende Kinder ist auch nicht gerade das effektivste Wellness-Programm.
Der Belgier Christophe van Rompaey führt die Heldin seines Regiedebüts als wandelnden Trauerkloß ein, der bei der geringsten Reizung explodieren oder vor den nächsten Zug plumpsen könnte. Ein schöner Auftritt der Schauspielerin Barbara Sarafian, die man aus Peter Greenaways "8 1/2 Frauen" oder Roman Coppolas "CQ" kennt. Wenn sie mal lächelt, dann so, dass man es eher ahnt als sieht; in wütenden Momenten verwandelt sie ihre Fältchen in spitze kleine Säbel, mit denen sie alle betrogenen Ehefrauen der Menschheitsgeschichte furios rächen könnte.
Gefährdet ist da vor allem ein rothaariger, etwas unbedarfter Lastwagenfahrer (Jurgen Delnaet). Matty knallt ihm beim Ausparken auf die Stoßstange und lässt ihre Wut daraufhin eloquent an ihm aus. Als standesgemäßer Nebenbuhler für Mattys Mann Werner, den gut aussehenden Dozenten an der Kunstakademie, wäre der hemdsärmelige, zwölf Jahre jüngere Lkw-"Wikinger" Johnny eigentlich völlig indiskutabel. Dass sie sich trotzdem auf ihn einlässt, daraus bezieht der Film seine Komik, seine Spannung - und auch seine Tragik.
Mehrmals spielt Rompaey mit der Möglichkeit, dass Matty aus Verzweiflung über ihr verkorkstes Liebes- und Familienleben doch noch vor den Zug springen könnte. Dann aber wird es wieder ganz komödiantisch: Johnnys Liebesständchen für Matty, der sich in einer Karaoke-Bar für sie die Seele aus dem Leib singt, ist - obwohl es in solchen Lokalen ja niemals an fatalen Auftritten mangelt - peinlicher als alles, was jemals in einer Karaoke-Bar über die Bühne gegangen ist. Nicht nur dank dieser brüllend komischen schauspielerischen Glanzleistung von Jurgen Delnaet sieht man über die wenigen schwächeren Regie- oder Drehbucheinfälle gern hinweg. "Mein Leben ist ein Witz!" sagt Matty einmal. Also eigentlich zum Lachen - und doch meint sie diesen Satz ganz ernst. Solche Ambivalenz ist typisch für diesen Film, dessen Drehbuch (Jean-Claude van Rijckeghem und Pat van Beirs) in Cannes zu Recht mit dem "Prix SACD" ausgezeichnet wurde. Christophe van Rompaey findet darin eine schöne Balance zwischen Witz und Weltschmerz.
Bewertung: +++--
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