"Lornas Schweigen"
Kunst gedeiht am besten im Dreck
Die besten französischen Filme kommen seit langem aus Belgien. Dafür verantwortlich sind zwei ältere Herren aus Lüttich: Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, die 1999 und 2005 mit "Rosetta" und "L'enfant" die Goldene Palme in Cannes gewonnen haben.
Von Matthias Heine
Sie bestätigen das Grundgesetz des europäischen Films: An den verlotterten Randbezirken gedeiht die Kunst am besten - im Schottland Ken Loachs beispielsweise oder - bei Kaurismäki und Almodóvar - in den Gegenden Finnlands und Spaniens, wo das nationale Wirtschaftswunder nicht angekommen ist.
Die Dardennes machen keine Depressionspornos, mit denen sie Mittelständlern zeigen, wie schrecklich die Unterschicht lebt. Sondern sie erzählen von Menschen, die unter widrigsten Umständen einen Kern von Menschlichkeit bewahren. Am Ende scheint in die düsteren, abgewrackten Cafés, die Sozialwohnungen und die regengrauen Gassen von irgendwoher ein kleiner Lichtstrahl - es könnte aber auch eine optische Täuschung sein.
So geht es auch in "Lornas Schweigen". Die junge Albanerin (Arta Dobroshi) hat eigentlich eiskalt alles richtig gemacht. Sie hat in jahrelanger Arbeit in einer Wäscherei Geld gespart, sie hat Französisch gelernt. Und sie hat einen Heroinsüchtigen geheiratet, um durch diese Ehe endlich Belgierin zu werden. Das letzte Geld, das sie noch braucht, um mit ihrem albanischen Freund eine Snack-Bar aufzumachen, kann sie nun dadurch verdienen, dass sie einen reichen Russen ehelicht, der ebenfalls einen belgischen Pass will. Aber dafür muss Lornas Ehemann erst mal weg, und ihre kriminellen Freunde wollen nicht warten, bis die Scheidung endlich durch ist. Außerdem: Warum dem Junkie noch einmal tausende Euro geben, wenn man ihn mit einer Überdosis doch viel billiger beseitigen kann?
Aber ausgerechnet jetzt entdeckt Lorna ihr Mitleid. Vielleicht hatte sie es auch nie verloren, aber bisher wurde es nie auf die Probe gestellt, denn es ging ja immer nur um Betrug, niemals um Mord. Dabei mitzumachen fällt ihr umso schwerer, weil Claudy, Lornas Scheinehemann - gespielt von Jérémie Renier, dem charismatischen Jungstar, der in fast allen Dardenne-Filmen dabei ist. Das ist die einzige Irreführung, die sich die Brüder in diesem sonst so um Wahrhaftigkeit bemühten Film leisten: Claudy hätte das Zeug dazu, jedermanns hübscher Lieblingsjunkie zu werden. Andererseits: Gab es eigentlich schon jemals einen Film, in dem Junkies so aussahen wie im wirklichen Leben? Will man das wirklich sehen? Eine kleine barmherzige Lüge muss selbst in dieser Art von Kino manchmal sein.
Als Lorna nicht mehr tut, was ihr Boss verlangt, merkt der Zuschauer bald, dass auch sie nur ein Opfer ist. Ihr albanischer Freund entpuppt sich rasch als ein Romeo, der dafür sorgen soll, dass sie reibungslos funktioniert - ein bisschen Sex nimmt er als Berufsrisiko gern in Kauf. Sie muss sich nun entscheiden, ob sie ihr Schweigen aufgeben will, um Claudy zu retten. Wie die bisher völlig unbekannte Arta Dobroshi die allmähliche Wandlung ganz still und durchscheinend spielt, ist sensationell. Und am Ende schaffen es die Dardennes sogar, noch so etwas wie ein Marienwunder in diese Geschichte trostloser Randexistenzen einzubauen. Man muss nur dran glauben.
Le silence de Lorna - Lornas Schweigen
Belgien/GB/F/I 2008
105 min., ab 12 Jahren
Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne
Darsteller: Arta Dobroshi, Olivier Gourmet, Jérémie Renier
++++-
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