Film: Das Kabinett des Dr. Parnassus
Die vielen Leben im Kabinett
Im Zeitalter der Internetüberforderung ist es doch eine gute Nachricht, dass es immer noch Unterhaltungsformen gibt, die ganz klassisch handgemacht sind. Zum Beispiel das Kabinett des Dr. Parnassus.
Von Tim Ackermann
Der steinalte Magier zieht mit seinem Ein-PS-Gauklerwägelchen durch das London des 21. Jahrhunderts. Die Wanderbühne wirkt antiquiert: Balken ächzen, Zahnräder krachen. Wenn Parnassus sich in Trance versetzt, können die Kunden durch seinen Zauberspiegel in ihre eigene Gedankenwelt eintauchen.
"Das Kabinett des Dr. Parnassus" ist ein romantischer Film, schon weil er das Lieblingsthema des Regisseurs Terry Gilliam behandelt: den Kampf der Fantasie gegen die graue Gegenwart. Fans des Ex-Monty-Python-Cartoonisten dürfen sich auf schräge Figuren, merkwürdige Kostüme, aber auch auf elaborierte Computeranimationen und allerlei Hokuspokus freuen.
Wem das nicht reicht, der wird sich den Film wegen Heath Ledger ansehen. Es wirkt fast prophetisch und etwas makaber, dass der in seiner ersten Szene halbtot an einem Galgenstrick baumelt. Bekanntlich verstarb der 28-jährige Ledger an einer Überdosis Tabletten, als die Dreharbeiten für "Dr. Parnassus" noch liefen. Dieser Kinoauftritt ist sein letzter. Ledger bekam den Oscar posthum für seine Rolle als "Joker", dem Batman-Gegenspieler, dessen seelische Abgründen so tief sind wie die Hochhausschluchten von Gotham City. In "Parnassus" brilliert der australische Schauspieler jedoch nicht weniger. Allerdings brilliert er, weil er auf hinreißende Weise oberflächlich ist.
Ledger spielt Tony, einen undurchsichtigen Lebemann, der sich - sobald vom Strick geschnitten - Dr. Parnassus anschließt. Zu dessen Bühnentruppe gehören noch ein verliebter Jüngling, ein spöttischer Zwerg und Parnassus' liebreizende Tochter Valentina (Lily Cole). Sie soll bald ihren 16. Geburtstag feiern. Das Problem: Zu genau jenem Datum hat ihr Vater sie im Austausch gegen ewiges Leben dem Teufel versprochen - der hier von Tom Waits als ewiger Barkumpel verkörpert wird. Immerhin lässt sich der Teufel in letzter Minute auf eine weitere Wette mit Parnassus ein: Wer zuerst fünf Menschen für seine Sache gewinnt, dem gehört Valentina. Neuzugang Tony erweist sich zum Glück als begabter Showmann und Seelenfänger, wenn er auf die Bühne steigt.
Der dynamische Jungspund drängt den alten Doktor zudem, das Geschäftsmodell zu ändern: weg vom farbenfrohen Magiequatsch hin zur mystischen Lebensberatung. Und es klappt: Von Tonys Carme eingesponnen, lassen sich gealterte und seelisch erschöpfte Shopping-Veteraninnen durch Parnassus' Zauberspiegel führen, wo ihre Träume in Gestalt ewiger Jugend, Stöckelschuh-Wälder und heißer Liebesaffären auf sie warten. Auf ihrer Traumreise entledigen sich die reichen Ladies des Ballastes ihrer Klunker, die ihr Tourguide freundlicherweise in Obhut nimmt.
Dreimal reist Tony im Film in das Fantasieland hinter dem Spiegel, das Gilliam am Computer als eine ästhetische Mischung aus Monty-Python-Cartoon und Salvador-Dalí-Gemälde entworfen hat, ein höchst verdrehtes, artifizielles Reich fraglos. Weil diese Traum-Szenen bei Ledgers Tod noch nicht gedreht waren, drohte der Film zu scheitern. Mit einem Kunstgriff konnte ihn der Regisseur retten: Colin Farrell, Jude Law und Johnny Depp sprangen für Ledger ein und übernahmen jeweils einen der Tony-Parts.
Besonders Depp versenkte sich so hingebungsvoll in die Rolle, stylte sich mit Kinnbärtchen und Zopf so täuschend ähnlich wie der Verstorbene, dass man den Personalwechsel kaum bemerkt. Hier liegt auch der Reiz von Terry Gilliams Harry-Potter-Film für Erwachsene - in den durchweg großartigen Leistungen seiner Schauspieler.
Drama: Frk./Kanada. 2009, 122 Min., von Terry Gilliam, mit Heath Ledger, Johnny Depp, Jude Law, Colin Farrell, Christopher Plummer, Lily Cole, Tom Waits, ab 12 J.
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