"Star Trek"
Enterprise von Anfang an
Es ist ja inzwischen Mode geworden, in die Jahre gekommene Serien zu verjüngen und die Uhren ganz einfach wieder auf Anfang zu drehen. Dies ist nun auch im Raumschiff Enterprise geschehen. Der Film beginnt an einer Stelle, zu der bisher noch kein Fan gelangt war - bei der Geburt von Captain Kirk. "Star Trek" ehrt somit die Vergangenheit. Und schüttelt dennoch so manche Altlasten ab.
Von Ronald Bluhm
Es hat sie also doch gegeben. Die eine Schlacht, der James Tiberius Kirk den Rücken zukehren musste. Die eine Konfrontation, aus der der prinzipiell nicht an auswegslose Situationen glaubende Captain ausnahmsweise mal nicht als Sieger, sondern nur als Überlebender, bzw. als überhaupt Lebender hervorging.
Denn tatsächlich erblickte Kirk in einer Rettungskapsel, inmitten eines fatalen Angriffs der Romulaner das Licht dieser Galaxis - während sein Vater heldenhaft sich selbst und das Schiff opferte, um der gerade gebärenden Mutter die Flucht in die unendlichen Weiten des Weltalls zu ermöglichen.
Demnach stand Kirk in den bisherigen 79 Fernsehepisoden, 22 Zeichentrickfolgen und sieben Spielfilmen also ganz in der Schuld und im Schatten einer überlebensgroßen Vaterfigur - was irgendwie plausibel erscheint. Und die Wiedergeburt der guten, alten "Star Trek"-Serie buchstäblich mit einer Geburt beginnen zu lassen, das ergibt natürlich allemal einen Sinn. Nun ist es zwar derzeit längst zum Klischee geworden, etwas in die Jahre gekommene Kinoserien drastisch zu verjüngen, die Uhren bei den Batman-, Bond- oder X-Men-Abenteuern ganz einfach wieder auf Anfang zu drehen. Doch dieses Prequel-statt-Sequel-Prinzip funktioniert ja durchaus nicht immer. Die Geburt Captain Kirks wiederum, die läutet eine überaus verheißungsvolle Zukunft der Fernsehikonen von gestern ein - zeitliche Paradoxien mit eingeschlossen.
"Star Trek" zeigt die allererste Mission des legendären Raumschiffs Enterprise und erzählt, wie James T. Kirk (Chris Pine) zum Captain wird, wie Scotty (Simon Pegg), Pille (Karl Urban) oder Lieutenant Uhura (Zoe Saldana) die Besatzung vervollständigen - um nebenbei noch tief in die Vergangenheit des faszinierendsten Mitglieds der Sternenakademie einzutauchen, in die Kindheit und Jugend des als Mischlings stets gemobbten Halbvulkaniers Mr. Spock (Zachery Quinto). Alldieweil gilt es dann außerdem, die Galaxie vor einem reichlich grantigen Planetenzerstörer (Eric Bana) zu bewahren. Keine Frage also, Regisseur J. J. Abrams, der Erfinder der TV-Hitserie "Lost", fegt hier mit ziemlich flottem Besen durch die Kommandozentrale der Sternenflotte: Vorbei die Zeiten, in denen die "Königin der Raumschiffe" einem Schwan gleich durch den Weltenraum glitt. Ende und Aus mit den deklamierten Dialogen, die der gerade mal nicht wackelnden Brücke stets etwas Bühnenhaftes verliehen. "Star Trek" heute, das ist Tempo, teuerste Tricktechnik und Dauerdynamik - die Enterprise erstmals in tatsächlicher Warpgeschwindigkeit.
Das mag manch nostalgischen "Ur-Trekkie" nun möglicherweise verschrecken. Doch keine Angst, dem bekennenden Nicht-Fan J. J. Abrams ist im Verbund mit seinen serienaffinen Drehbuchautoren ein einfallsreicher Brückenschlag gelungen. So wartet der Film nun einerseits mit wahrlich spektakulären Ansichten auf, vom abenteuerlichen Design des kraken-artigen romulanischen Raumschiffs bis hin zum freien Fall von Kirk und Sulu, von Deck hinunter direkt bis auf die Erdoberfläche. Andererseits bleibt aber trotz der Betonung auf Action hier dennoch genug Raum, um mal gewitzt, verspielt und mal ernsthaft an die geliebte Serien-Mythologie anzuknüpfen.
So sehen wir Sulu erstmals seit der siebten Fernsehfolge wieder fechten. Oder erwischen einen selbstverständlich draufgängerischen Captain Kirk mit einer grün geschminkten Dame im Bett. Sehr schön auch die tragende Rolle für Captain Christopher Pike, dem einstigen Ur-Kommandanten der Enterprise - aus dem seinerzeit allerdings nie ausgestrahlten Test-Pilotfilm der Serie. Na, und schließlich wäre da ja auch noch der durchaus rätselhafte Gastauftritt vom Original-Mr. Spock Leonard Nimoy zu vermelden.
Wie es nun angehen kann, dass der jugendliche Captain Kirk seiner sichtlich gealterten besseren Hälfte begegnet, das ist zwar zweifelsohne ein Fall für die Raumzeit-Polizei (die allerdings erst Lichtjahre später auf der "Deep Space Nine" eingeführt wurde) - die nicht immer ganz logischen "Anomalien im Raumzeitgefüge" gehören aber zu "Star Trek", wie die noch immer viel zu knappen Uniform-Miniröcke. Leonard Nimoy gibt diesem Jungbrunnen-Unternehmen jedenfalls seinen Segen. Und darüber hinaus erlaubt seine vielleicht etwas keck, aber durchaus nicht unclever gerechtfertigte Anwesenheit, dass die, übrigens durch die Bank recht treffend besetzten Kopien, in Zukunft nicht unbedingt nur dahin zu gehen haben, wo lediglich schon einmal alles begann.
"Star Trek" ehrt somit die Vergangenheit. Und schüttelt dennoch so manche Altlasten ab - das Ergebnis ist ein stromlinienförmigeres Science-Fiction-Spektakel mit erstaunlich hohem Hip-Faktor, wie ihn die Serie schon lang nicht mehr ihr eigen nennen konnte. Die generalüberholte Enterprise könnte demnach eine ganze "Next Generation" von Fans für sich neu hinzugewinnen - anstatt wie "Star Wars-Episode 1" die alten Anhänger bloß weit gehend zu verprellen. Die Zukunft von "Star Trek" hat also tatsächlich begonnen. Oder, um es abschließend auf vulkanisch zu sagen: "Möge sie lang leben und sehr erfolgreich gedeihen."
USA 2009
126 min., ab 12 Jahren
Regie: J.J. Abrams
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