Wildtiere
Die Wildschweine kommen immer näher
In Berlin leben mittlerweile bis zu 8000 Wildscheine. Und die günstigen Witterungsverhältnisse locken immer mehr Schwarzkittel an die Spree. Das ist nicht ganz ungefährlich. Nach einem Angriff auf einen Rentner warnen Förster vor aufgebrachten Muttertieren. Die werden besonders bei Hunden zur rasenden Wildsau.
Von Tanja Laninger
Es herrscht ein "Schweineklima" in der Stadt: im Winter trocken und kalt, im Sommer nicht zu heiß. "Kein Wunder, dass Wildschweine die Stadt so lieben. Wir schätzen den Bestand inzwischen auf 5000 bis 8000 Tiere", sagt Derk Ehlert, 3000 mehr als vor einigen Jahren. Ehlert ist Jagdreferent in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Die Witterungsverhältnisse sind ein Grund dafür, dass es immer mehr Schwarzkittel an die Spree zieht. Außerdem ist genug Platz da für alle, und der Tisch ist reichlich gedeckt. Weil sie gefüttert werden, haben manche Exemplare die Scheu vor den Menschen verloren.
Was sie nicht mögen, das sind Hunde. Das musste am Dienstagabend ein Rentner aus Rahnsdorf schmerzlich lernen. Beim Spaziergang begegneten er und sein Hund einer Bache mit Frischlingen. Der Hund bellte los, die Sau ging zum Gegenangriff über. Der Rentner geriet zwischen die Fronten. Jetzt liegt er im Krankenhaus. Die Sau hat ihm eine tiefe Fleischwunde ins Bein gerissen.
"Ein schrecklicher Vorfall", sagt Marc Franusch, Sprecher der Berliner Forsten. Die Konsequenz heiße: Hunde an die Leine! Solche Attacken sind immer noch selten, heißt es unisono bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, beim Forstamt und bei der Polizei. Grund zur Entwarnung ist das nicht, denn jetzt ist Hochsaison. Seit Februar werfen die Wildsäue, und ihren Nachwuchs verteidigen sie rigoros. "Mutterinstinkt", sagt Ehlert. An sich seien Wildschweine weder gemein noch gefährlich – so lange man Ruhe bewahre und ausreichend Abstand halte.
Intensive Bejagung nicht möglich
Die Förster wollen den Tieren nicht öfter ans Leder als bisher. "Eine intensive Bejagung ist aus Sicherheitsgründen für die Bevölkerung nicht möglich und würde auch nicht zu der gewünschten Reduzierung des Wildschweinaufkommens führen", so steht es in einer Leitlinie der Berliner Forsten zum Wildtiermanagement.
So teilte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gestern auf eine CDU-Anfrage mit: Das "Auftreten der Wildtiere im Stadtgebiet" könne "nicht grundsätzlich zurückgedrängt werden". Zum Abschuss freigegeben sind die Tiere längst und das ganzjährig – bis auf die Muttertiere samt Nachwuchs. Vor elf Jahren – vom 1. April 1996 bis zum 31. März 1997 – blieben 1309 Wildschweine auf der Strecke: 1038 wurden geschossen, 241 starben bei Unfällen. Im vergangenen Jahr ließen schon 1239 Tiere ihr Leben: 955 kamen Jägern vor die Flinte, 284 endeten am Straßenrand. Der Trend hält an, sagt Franusch.
Doch Jäger kommen nur auf land-, forst- oder fischereiwirtschaftlich nutzbaren Grundflächen zum Schuss. In "befriedeten" Gebieten wie Wohnsiedlungen, Grünanlagen, Friedhöfen oder Gärten ist das Jagen gesetzlich verboten – aus Sicherheitsgründen. Nur bei Gefahr im Verzug dürfen Förster abdrücken.
Dazu mussten sie schon an den Alexanderplatz eilen. Dort wurden vor einigen Jahren Wildschweine aus dem Umland gesichtet. Sie waren wie zwei Tramps immer den begrünten Bahngleisen gefolgt. "Berlins sternenförmiges Grüngefüge macht es den Tieren möglich, entlang der Achsen von außen bis ins Stadtinnere zu wandern", sagt Ehlert.
Einerseits seien sie dazu gezwungen, da der Mensch ihnen durch seine eigene Ausbreitung immer mehr von ihrem natürlichen Lebensraum raube. Andererseits seien Wildschweine schlichtweg schlaue Opportunisten. "Müllkippen, Komposthaufen oder gut gepflegte Gartenanlagen – Wildschweine finden in der Stadt mehr und leichter Nahrung als im Wald", sagt Ehlert, "also bleiben sie und vermehren sich hier schneller als dort".
Schlaue Opportunisten und Allesfresser
Auf dem Speiseplan der Wildscheine steht fast alles, also pflanzliche sowie tierische Nahrung. Insekten, Regenwürmer, Kleinnager, Fischreste und Aas decken den Eiweißbedarf. Waldfrüchte wie Eicheln und Bucheckern mit hohem Nährgehalt sind sehr beliebt, ebenso Feldfrüchte wie Mais, Erbsen, Bohnen, Kartoffeln und Getreide.
"Aber bitte keine Teigwaren", sagt Franusch. Er hat erst am Donnerstag wieder eine Berliner Familie aufgesucht, die ständig eine Bache samt Frischlingen füttert. Über den Rechtsbruch regt Franusch sich weniger auf als über das "egoistische Verhalten" der Menschen. "Tomaten, Zitrusfrüchte, Kekse, Süßwaren – die haben eine Badewanne mit Zeugs gefüllt, das den Tieren nur schadet."
5000 Euro fürs Füttern
Kein Einzelfall. Auch zur Havelchaussee pilgern abends Menschen, um Wildschweine mit Futter aus dem Wald zu locken. "Sie alle befriedigen ihre eigenen Bedürfnisse auf Kosten der Tiere", sagt Franusch. Die abgefütterten Tiere verlernen, sich selbst Nahrung zu suchen. "Wenn der Mensch samt Futter ausbleibt, dann verhungern sie". Durch falsche Ernährung verfetten die Tiere und sterben früher als sie müssten. Wildschweine erreichen ein Alter von sechs bis zehn Jahren.
"Außerdem sind sie einfach zu zutraulich", sagt Franusch. Genau das, woran sich die vermeintlichen Tierliebhaber erfreuen, irritiert andere Menschen, die dann Polizei oder Förster zu Hilfe rufen. "Nicht jeder findet es toll, wenn ein 150-Kilo-Keiler auf ihn zukommt. Wer weiß schon, dass der nur gefüttert werden will?" Füttern von Wildtieren gilt als Ordnungswidrigkeit und ist mit einer Geldstrafe von bis zu 5000 Euro belegt. Franusch verhängt sie selten. "Ich setze auf die Vernunft der Leute."
Förster-Hotline hat Hochkunjunktur
Um Aufklärung sind die Mitarbeiter der Berliner Forsten vor Ort und per Telefon (Tel.: 64193723) bemüht. "Wir haben im Schnitt pro Tag zehn bis 15 Anrufe", sagt Franusch, "aber momentan rufen täglich fast 40 Personen an." Mit steigenden Wurfzahlen häufen sich die Nachfragen. Gartenbesitzer aus Frohnau und Dahlem wollen wissen, wie sie mit den aufdringlichen Huftieren umgehen sollen. Denn Wildschweine haben einen hervorragenden Geruchsinn: Sie wittern Zwiebeln, Knollen und Obstreste auf bis zu drei Kilometer Entfernung. Da die Tiere wegen ihrer Körpergröße und ihres Gewichts viel Kraft entfalten und sogar springen können, hält sie auch nur ein solider Zaun mit Betonfundament ab.
Doch ein solches Hindernis schreckt andere Wildtiere nicht ab. Füchse zum Beispiel. Auch die haben bereits Nachwuchs. Franusch: "Die Jungfüchse verlassen aber erst ab Mai ihren Bau – das wird dann die nächste Anruferwelle am Wildtiertelefon."
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