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Aufzuchtstation

Der beste Freund der Wölfe

Seit 1972 ziehen Werner Freund und seine Frau Erika im Saarland Wölfe auf. Einige davon stammen aus Berlin. Mittlerweile hat er 70 Tiere. Der 75-Jährige lässt sie aus seinem Mund fressen. Sie halten ihn für ihren Oberwolf und seine Frau für die Beiwölfin.

Der Mann heult. Breitbeinig steht er am Zaun, legt den Kopf in den Nacken, streckt die Arme durch. Atempause. Wieder ein hohes Aaaauuh. Zwei, drei Mal lässt Werner Freund seinen Ruf erklingen. Stille. Dann, aus der Tiefe des Waldes, eine Antwort. Die Wölfe heulen zurück. Seine Wölfe. Freund schultert einen Eimer rohen Fleisches und marschiert zu einer Hütte. Er schließt die Tür auf. Wieder Geheule. Zwei Jungwölfe springen an ihm hoch. Brüder, geboren Anfang Mai 2008. Freund zieht sie mit seiner Frau Erika auf. Die Tiere fressen das Fleisch aus seinem Mund. So wie die übrigen 70 Wölfe, denen er seit 1972 ein Oberwolf ist - und Erika die Beiwölfin.

Freunds Wolfspark in Merzig ist eine touristische Attraktion. Jährlich 100.000 Besucher wollen sehen, wie Freund die abgeschotteten Gehege betritt und unter Wölfen lebt. Sie nennen ihn "Wolfsmensch". Er sagt von sich, er sei mit der Zeit selbst zum Wolf geworden. Er hat seinen Platz gefunden in ihrer strengen Hierarchie - und gehorcht doch nur den Regeln der Natur. Und die ist wild, nicht gemütlich.

Freund schläft bei den Jungtieren

Nacht für Nacht schläft der 75-Jährige in der Hütte bei den Jungtieren. Früher im Stroh, heute auf einer blauen Matratze, die Füße im Schlafsack, immer in Reichweite der stecknadelspitzen Zähne. Es sind diese Nächte die das Verhältnis zwischen den Wölfen und ihrem Menschen prägen. "Ich werde zu ihrer Mutter", sagt Freund, "sie kuscheln sich an, sie kennen meinen Geruch." Und sie wissen, dass er es ist, der das Futter heranschafft, der tote Kühe, Rehe oder Schafe in die Aufzuchtstation schleppt. Das ändert sich auch später nicht, wenn er zu den erwachsenen 50-Kilo-Raubtieren ins Gehege geht. Etwas zu fressen bringt er immer mit.

In den ersten Lebenswochen erhalten die Welpen Aufzuchtmilch. Alle zwei Stunden. Freund und seine 67 Jahre alte Frau wechseln sich beim Flaschegeben ab. Zwei Studentinnen helfen ihnen. Erst ab der vierten Woche werden die Mengen größer - und die Fütterungsmethoden spektakulärer: Es gibt Hackfleisch aus Freunds Mund, so wie Wölfe es von Natur aus machen. Vielleicht macht man solche Dinge, wenn man seit 36 Jahren unter Wölfen lebt. Vielleicht verwischen dann die Grenzen zwischen Mensch und Tier und man sagt sich: So ist das eben bei Wölfen. Dann wird es auch so gemacht. Keine Kompromisse. "Aber wenn jemand fragt, ob wir uns küssen - das irritiert mich", sagt Erika Freund. "Mein Mann wäscht sich, putzt seine Zähne. Wo ist das Problem?"

Wildnis trifft auf Zivilisation

Zum Rudel gehören vier Polarwölfe aus dem Zoo Berlin, deren Nachkommen im Merziger Wald heulen. Mitte der 80er-Jahre hatte Freund die Wölfe im Zoo abgeholt. Sie waren zwar zu viert, aber jung und klein - Freund sah nur eine Aufgabe und kein Problem. Er hatte Zuhause größere Raubtiere um sich, Bären und Wölfe. Und das Tag und Nacht. So verstaute er die lebende Fracht kurzerhand in zwei Sporttaschen und trat den Rückflug ins Saarland an. Nur Luft brauchten die Tiere. Freund ließ den Reißverschluss einen Spalt breit offen. Wildnis traf auf Zivilisation - natürlich büchste einer aus. Die Stewardess geriet in Panik, alarmierte den Piloten. Der Ausflug ging trotzdem gut aus. Freund fing seinen Wolf ein. Der Kapitän erkannte ihn aus Zeitungsberichten. "Wir gingen nach der Landung ein Bier zusammen trinken."

Freund war in den 60er- und 70er-Jahren als Abenteurer populär geworden. 15 Mal war er als Expeditionsleiter ausgerückt. Die Welt war noch nicht bei Google zu erkunden, sondern steckte voller Geheimnisse. Vor allem war sie wild, ihre Erkundung mühsam und gefährlich. Wie gemacht für Freund. Er lebte auf der Molukkeninsel Ceram unter Kopfgeldjägern, traf im Dschungel Ecuadors Jivaros, die ihre Feinde zu Schrumpfköpfen verarbeiten. In Papua-Neuguinea focht Freund einen riskanten Nahkampf aus. Um Huli zu beeindrucken und als Träger für seine Expedition zu gewinnen, kämpfte er mit einem ihrer Krieger. Er drückte ihm eine Axt in die Hand. Der Krieger verstand den Auftrag, riss den Arm hoch und griff Freund an - Freund hebelte die Attacke aus und brachte den Huli zu Fall. Doch der Mann wurde wütend, sprang auf und schwang wieder die Axt. Freund musste weiterkämpfen. Er konnte ihm die Axt abnehmen - und dann mit einer Umarmung entwaffnen. Die Huli waren beeindruckt - und stellten sich als Träger bereit.

Streit mit Eingeborenen

Wochen später lebte Freund unter dem Stamm der Tugubas. Einer seiner Begleiter, der Journalist Walter Wolter, schlug einen Krieger, der ein Tier quälte, nieder - und wurde prompt umzingelt. Freund griff sich ein Buschhuhn, biss ihm in den Hals und riss dem Tier die Kehle heraus. Er warf den Kriegern das blutende Tier vor die Füße, lachte und zog sich rückwärtsgehend mit Wolter an der Hand zurück. Die Eingeborenen wichen vor ihm zurück, Wolter hat die Szene später in seinem Buch "Das Leben des Werner Freund" beschrieben.

Freund reagiert instinktiv. Er kennt keine Angst. Und wenn doch, weiß er, wie er mit ihr umzugehen hat. "Hätte ich eine Rede halten sollen?", fuhr er Wolter nach dem Tuguba-Desaster an. Die Burschen hätten ihn sowieso nicht verstanden - so aber auf Anhieb erkannt, dass er brutaler ist als sie selbst. "Ein Raubtier schlägt zu, wenn keiner damit rechnet", sagt Freund. Er rechnet immer damit.

Vom Gärtner zum Tierpfleger und Elitesoldat

Freund stammt aus einer Familie von Schäfern und Förstern, wächst mit Hunden auf. Als Gärtner arbeitet er ab 1950 im botanischen Garten der Wilhelma in Stuttgart, damals ein kleiner Zoo. Der Bärenpfleger wird gebissen, Freund hilft aus - und wird Tierpfleger. Er zieht Löwenbabys auf, spaziert mit einer Puma-Dame durchs Gelände, zähmt eine Hyäne mit Zucker. Das Wolfsgehege fasziniert ihn. Die Tiere werden wie Bestien ausgestellt, sie haben wenig Platz, Kinder dürfen Steine auf sie werfen. Freund nimmt sich vor: Eines Tages wirst du mit Wölfen arbeiten!

Doch als sein Mentor stirbt, geht Freund 1955 zur Bundeswehr. Der bullige Kerl ist unter jenen 15 Mann, die im ersten Luftlande-Einzelkämpferlehrgang ausgebildet werden. Ein Elitesoldat. Für ihn besteht die Kunst zu überleben nicht in der Fähigkeit, Töten zu können. Die Kunst zu überleben besteht darin, schneller zu sein als der Feind. Und auf Kleinigkeiten zu achten. Freund lernt, bei Frost und Schnee zu überleben, er schichtet aus Fichtenreisig eine Naturmatratze auf, um Bodenkälte abzuhalten. Später baut er sein Lager bei den Wölfen nach demselben System.

Ein Lippenbär als Maskottchen

Freund leitet das Einzelkampflager in der Pfalz. Sein Bataillonskommandeur will, was bei den Engländern gang und gäbe ist: ein Maskottchen. "Wir Fallschirmjäger brauchten ein Raubtier", sagt Freund. Er besorgt Lippenbärin Alfred, teilt mit ihr eine Höhle im Wald. 17 Jahre lang begleiten Bären das Bataillon: auf Alfred folgen Charly, Braunbärin Kalinka und Kodiakbär Jonny.

Jonny lebt als Baby bei Freunds im Hause. Schreit stündlich nach Milch, zerpflückt Federkissen, zertrümmert Blumentöpfe. Als der Bär in das Ehebett pinkelt, reicht es Erika. Sie verbannt Mann und Bär in die Kaserne.

Werner Freund lacht kurz auf, während seine Frau die Episode schildert. Er ist seit 1986 in Pension und sitzt mit Bundeswehrjacke am Esstisch seines behaglichen Wohnzimmers. Die große Blockhütte steht zwischen Aufzuchtstation und Wolfsgehegen mitten im Merziger Kammerforst. In der Küche kocht Wasser für Kaffee. Auf dem Tisch liegt eine schwarze Katze. Zwei weitere schnurren auf den Stühlen und eine streicht um die Beine von Erika. "Erzähl Du", sagt er zu seiner Frau. Werner Freund ist kein Mann der großen Worte. Er redet nur, wenn er was zu sagen hat.

In Berlin lernten sie sich kennen

1959 hatten Werner und Erika sich kennen gelernt. Beim Tanz in der Eierschale am Breitenbachplatz. "Erst habe ich ihre Freundin aufgefordert, aber dann hielt ich Erika im Arm." 1962 heiratet das Paar. Erika zieht zu ihrem Mann, der zu der Zeit im pfälzischen Bad Bergzabern stationiert ist. Sie, die nie ein Tier hatte, führt nun einen Hauhalt voller Hühner und Hunde, Nasenbären und Papageien, dazu ein Palawan-Bär, ein Mungo und ein Puma. Und als Freund nicht mehr zu Abenteuern rund um den Globus reist, holt er das Abenteuer zu sich nach Hause. Die Wölfe.

1972 kauft er einem Darmstädter Tierhändler ein verwaistes Jungtier aus Jugoslawien ab. Erika nennt den Wildfang Ivan. Weitere folgen. Werner Freund ist inzwischen im Saarland stationiert. 1977 richtet die Stadt Merzig für Freund ein 1,2 Hektar großes Freigehege ein, das längst erweitert wurde und bald 8,2 Hektar umfassen soll. Drei Aussichtstürme wurden errichtet, ein vierter sowie ein Ausstellungsgebäude sind geplant. 1,35 Millionen Euro werden verbaut. "Für die Stadt Merzig", so ihr Sprecher Thomas Klein, "sind Werner Freund und seine Frau Erika ein absoluter Glücksfall".

18 Wölfe leben derzeit auf dem Areal: Vier Timberwölfe, sechs Polarwölfe, dazu je drei sibirische und schwedische Wölfe. Gorbi ist mit 15 Jahren der älteste, er stammt aus Litauen und wohnt allein.

Täglich besucht das Ehepaar Freund alle Reviere. Und achtet auf Kleinigkeiten: Jedes Mal müssen sie Anorak, Hose, Schuhe, Handschuhe und Schal wechseln. Denn die Tiere reagieren auf den Geruch rivalisierender Wölfe mit Angriff.

Fehler wären lebensgefährlich

Geht Freund ins Gehege, kommt der Alphawolf auf ihn zu, leckt ihm den Fang ab, nimmt Freunds Kopf freudig in sein Maul. Der Alphawolf führt das Rudel. Er entscheidet, ob die übrigen Wölfe zu seinem "Freund" dürfen - oder nicht. Der sagt: "Ich stehe über dem Rudel, kann aber nicht machen, was ich will, sondern lebe nach ihren Gesetzen."

Macht Freund Fehler, kann es für ihn gefährlich werden. So 1984 zu Weihnachten bei einem Publikumstermin. Freund pinkelt ins Gehege der Europäischen Wölfe. Für Männer eine Kleinigkeit. Für den Leitwolf Igor ein Signal, dass Freund ihm Konkurrenz in der Arterhaltung machen will. Igor überpinkelt die Stelle und merkt sich die 'Attacke'. Zwei Monate später geht er zum Gegenangriff über. Das Rudel im Rücken prescht Igor auf Freund zu, die Pupillen geweitet, die Ohren gespitzt, die Rückenhaare gesträubt die Rute gestreckt. Freund deutet die Zeichen richtig. Er lässt den Wolf auf einen Meter heranpreschen und wehrt ihn im Sprung mit einem wuchtvollen Tritt unters Kinn ab. Igor jault. Er hat verloren. Das Rudel schlägt sich auf die Seite des Stärkeren. Freund hat gewonnen. Aber er pinkelt nie mehr in ein Gehege.



Erschienen am 07.09.2008

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