18.05.09

Tiere

Zoo schickt Murmeltiere an die Luft

Am "Ground Hog Day" werden in den USA Murmeltiere aus ihrem Bau gescheucht, um zu klären, ob der Winter weiter andauert. Dafür ist es nun viel zu spät. Und der Berliner Zoo hat jetzt seine Murmeltiere auch nicht gescheucht, sondern auf Händen getragen - ins Außengehege.

Von Tanja Laninger
Foto: Michael Brunner
Murmeltier im Zoo Berlin
Ausgemurmelt: Im Zoo leben jetzt die Murmeltiere im Außengehege

Sie schauen grimmig. Eindeutig. Wer ist auch schon gut gelaunt, wenn er aus seinem Schlaf geweckt, umgesiedelt wird ins Freie, und es da auch noch regnet? Die Alpen-Murmeltiere Trudl und Sissi jedenfalls nicht. Für sie stand am Morgen an, was in den USA längst als "Ground Hog Day" bekannt geworden ist: Die Murmeltiere werden aus ihrem Bau gescheucht. Und wenn das Tier bei dem ersten Freiluftkontakt seinen Schatten sieht, dann soll der Winter noch sechs Wochen andauern.

Im Zoo wurden die Murmeltiere nun nicht verscheucht, sondern auf Händen getragen. Tierarzt André Schüle hatte zwar einen Käscher parat gelegt, doch Reviertierpfleger Kurt Goedicke konnte seine Schützlinge freihändig aus der hölzernen Schlaftruhe einfangen und in eine übergroße Art Katzenbox heben. Dann hievten beide die Box aus dem Keller des Kletterfelsens. Nur ihre Finger durften sie nicht durchs Gitter stecken. "Dann werden die abgenagt", sagt Goedicke. Murmeltiere sind zwar Vegetarier, aber wütende Murmeltiere beißen alles – doch dazu später mehr.

Im dem Kellergewölbe hatten die Murmeltiere überwintert und zwar im Winterschlaf. "Das ist etwas anderes als die Winterruhe, die Braunbären halten", erklärt Tierarzt Schüle. Die Bären schreckten auf, wenn ein Wanderer in ihrer Höhle Unterschlupf sucht – und greifen an. Murmeltiere dagegen stehen nicht mal auf, wenn Ratten an ihnen nagen. "Es dauert Tage, bis sie aus ihrer Ruhe erwacht sind", sagt Schüler, "denn sie fahren Stoffwechsel und Kreislauf bis auf ein Minimum herunter."

Es hat geklappt: In diesem Frühjahr wurden der Reihe nach alle der insgesamt fünf "Murmels" wieder munter. Die Männchen Anton und Franzl durften als erste raus, die Mädels erst jetzt. Denn Goedicke und Schüle hatten sich Hoffnungen gemacht, dass sie schwanger sein könnten. "Vom Alter her wäre jetzt der früheste Zeitpunkt zur Geschlechtsreife gegeben", sagt Schüle. Doch als die mögliche Tragezeit von 33 Tagen verstrichen war, passierte nichts. Also transportierten Schüle und Goedicke ihre Zöglinge statt ins Mutterbett zum Doppelgehege. Dort hielten sich die Männchen. unter einem Steinhaufen bedeckt. Die Weibchen wollten ihnen zunächst gar keine Gesellschaft leisten: Goedicke musste die Box auf den Kopf stellen und die Nager herausschütteln. Kaum hatten sie Erdboden unter den vier krallen, rasten sie schon in den Bau. Zurück ins Dunkle.

"Wer sie sehen will, kommt am Besten morgens zwischen neun und elf Uhr oder nachmittags nach 16 Uhr in den Zoo", sagt Goedicke. Dann kriegen sie draußen ihr Futter. In der Mittagshitze bleiben sie in ihrem Bau – so wie in ihrer Heimat, den Alpen.

Dort graben die reinlichen Tiere bis zu zehn Meter tiefe Gänge und Höhlen, fein säuberlich getrennt nach Schlafzimmer, Küche und Toilette. "Bei uns können sie nicht so tief, weil sie sonst ausbrechen", sagt Schüle. Das Gehege ist nach unten mit Beton, Kies und Gittern abgesichert.

Vier Murmeltiere leben nun im Freien. Ein fünftes, der Senior, nagt hinter den Kulissen an Möhren und Äpfeln und Heu. Im Obergeschoss des Kletterfelsen hat der von einer Tierpflegerin nach einem Freund benannte Amadeus sein Altenteil bezogen. Der 17-Jährige gebürtige Berliner konnte sich nämlich nicht mit der aus Österreich stammenden Viererbande befreunden – und umgekehrt. "Im Winter war immer eins unserer Exemplare wach", sagt Goedicke. Deshalb ist die geplante Familienzusammenführung gescheitert. Genauer gesagt: Es konnte nicht zusammengebettet werden, was nicht zusammen gehört. Murmeltiere akzeptieren sich über ihren Familiengeruch. "Sie lehnen alle ab, die nicht so riechen wie sie – und beißen auch zu", sagt Schüle.

Das berühmteste Murmeltier ist wohl das Waldmurmeltier Punxsutawney-Phil, das durch den US-amerikanischen Kinofilm "Und ewig grüßt das Murmeltier" von 1993 mit Andie MacDowell und Bill Murray international bekannt wurde. Insgesamt, so ist es bei Wikipedia zusammengefasst, gibt es etwa zwei Dutzend Murmeltiere, die jährlich befragt werden. Darunter sind z. B. Balzac Billy (Balzac, Alberta/Kanada), General Beauregard Lee (Stone Mountain, Georgia), Jimmy the Groundhog (Sun Prairie, Wisconsin), Shubenacadie Sam (Shubenacadie, Neuschottland/Kanada), Staten Island Chuck (Staten Island (New York City), New York) und Wiarton Willie (Wiarton, Ontario/Kanada).

Doch Ruhm und Ehre fichten Traudl und Sissi nicht an. Sie haben nur verstockt geguckt. Schatten gab es keine zu sehen, weil der Himmel bedeckt war. Was das für das Wetter heißt? "Ach, der amerikanische Ground Hog Day ist doch nur ein Marketing-Gag", sagt Tierarzt Schüle, "der findet am alljährlich am zweiten Februar statt, da schläft doch noch jedes normale Murmeltier." Doch wenn er die Zoo-Tiere so betrachte, die seien so gut genährt – "das kann ja nur ein prima Sommer werden."

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