Zweite Liga

So abhängig ist Union von Sebastian Polter

Die Zweitligisten Union und Nürnberg zeigen, wie abhängig Teams im Mannschaftssport Fußball tatsächlich von einem Stürmer sein können.

Union-Stürmer Sebastian Polter erzielte in sieben Rückrundenspielen vier Tore, dazu kommen drei Assists

Union-Stürmer Sebastian Polter erzielte in sieben Rückrundenspielen vier Tore, dazu kommen drei Assists

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Berlin.  Wohl kaum ein Begriff wird im heutigen Profifußball derart inflationär verwendet wie der des Teamgeistes. Er ist der Grund, warum es in einer Mannschaft gerade wirklich gut läuft, im Aufstiegsrennen zum Beispiel. Oder er steht als Synonym für den Zusammenhalt, den man entwickelt, wenn es um den Klassenerhalt geht.Der Teamgeist ist heilig. Droht ein Profi in einer Drucksituation einzubrechen, fangen ihn die anderen auf. Versucht ein Spieler, sich über die anderen zu stellen, wird er von den Kollegen gleich wieder auf den Boden geholt.

Und doch gibt es diese Abhängigkeiten von einer Person. Sie entstehen automatisch, sind nicht unbedingt gewollt, jedoch unabdingbar, soll die Saison erfolgreich verlaufen. Sebastian Polter ist so ein Fall beim 1. FC Union. Seit der Stürmer an die Alte Försterei zurückgekehrt ist, hat der Berliner Zweitligist richtig Fahrt aufgenommen im Kampf um den Aufstieg.

Beim 1. FC Nürnberg, Unions Gegner am Montag (20.15 Uhr, Sport1 und Sky), ist es ähnlich. Der Polter des "Clubs" heißt Guido Burgstaller – doch der spielt seit der Winterpause für Schalke 04 in der Bundesliga. Entsprechend stagniert die Leistungskurve der Franken.

Hoffnungsträger für 1,5 Millionen Euro verkauft

Der 27 Jahre alte Österreicher war der große Hoffnungsträger für die Nürnberger, vielleicht doch noch einmal in dieser Saison an die Tür zur Bundesliga klopfen zu können. Auf Rang neun rangierte der FCN nach der Hinrunde, und Burgstaller hatte von 30 Toren allein 14 erzielt. Jetzt noch, nach sieben Spieltagen in der Rückrunde, liegt er in der Zweitliga-Torjägerliste auf Rang zwei hinter dem Stuttgarter Simon Terodde (15).

Seine Mischung aus Explosivität und Gelassenheit hatten Nürnberg nach dem Fehlstart, der an Spieltag fünf sogar ans Tabellenende führte, wieder Auftrieb gegeben. Bis Schalke kam, und Burgstaller seinen Bundesliga-Traum erfüllte, für eine Ablöse von 1,5 Millionen Euro.

"Wir haben grundsätzlich das Vertrauen in unsere Mannschaft, diesen Verlust aufzufangen und werden alles unternehmen, die Saison erfolgreich fortzusetzen", hatte Sport-Vorstand Andreas Bornemann nach dem Weggang des Top-Stürmers gesagt. Seitdem brachten es die Nürnberger auf gerade einmal sechs Törchen in sieben Partien, dreimal blieb man ohne Treffer. Sogar den Trainer haben sie gewechselt, Michael Köllner löste am 7. März Alois Schwartz ab. Noch immer liegt der "Club" auf Rang neun, von Aufstieg redet am Valznerweiher allerdings niemand mehr, wie auch angesichts des von sieben auf 13 Punkte fast verdoppelten Rückstandes auf Relegationsplatz drei.

Polter an mehr als der Hälfte der Rückrundentore beteiligt

Was Burgstaller für Nürnberg gewesen ist, ist Polter nun für Union. Und noch viel mehr. Mit vier Toren und drei Assists war der 25-Jährige an mehr als der Hälfte aller 13 Union-Treffer im Jahr 2017 beteiligt. Ob als Nutznießer gegnerischer Fehler (wie gegen Bochum), als Abstauber (Bielefeld), per Kopf (Würzburg) oder als Glückspilz (St. Pauli) – der Angreifer ist vor dem Tor zur Stelle, wenn er gebraucht wird.

Seine körperliche Präsenz auf dem Platz, seine Härte in den Zweikämpfen, dieser direkte Drang in Richtung gegnerisches Tor hat die spielerische Qualität der Mannschaft von Jens Keller noch einmal angehoben. Eigenschaften, die in der Saison 2014/15 schon den damaligen Union-Trainer Norbert Düwel gerettet haben. Nur dank Polters 14 Saisontoren schlossen die Köpenicker die Spielzeit auf einem guten siebten Platz ab.

Wenn Coach Keller von seinen Profis sagt: "Ohne Frage besitzt die Mannschaft großes Selbstvertrauen. Das darf sie auch haben. Die Mannschaft weiß, dass sie gut ist", so liegt das nicht zuletzt an 1,6-Millionen-Euro-Mann Polter. Mit seiner Mentalität tue er Union "wahnsinnig gut", so Keller.

Das Trainingsequipment räumt er auch mal selber weg

Polter hält dem entgegen: "Ich will, dass meine Mannschaft gewinnt." Selbst wenn dies nur dadurch gelingt, dass er die Räume für seine Mitspieler schafft. Das ist positiv für das Wir-Gefühl und lenkt gleichzeitig von der latenten Abhängigkeit von einer Einzelperson ab.

Polters Verpflichtung habe "den Glauben an den Aufstieg gestärkt", so Abwehrchef Toni Leistner. Es ist diese positive Aura, die den Angreifer umgibt. Und die sich verstärkt durch Kleinigkeiten, die im Profifußball nicht alltäglich sind – zum Beispiel durch das Wegräumen des Equipments, wie Bälle und Leibchen, nach dem Training. Eine Aufgabe, die meist den jungen Spielern zukommt.

Polter sagt dazu nur: "Ich finde, dass sollte jeder mal tun." Stärker kann ein Zusammenhalt kaum gefördert werden.

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