Zweite Liga

Der Unioner, der nur Fußball spielen möchte

Eroll Zejnullahu (r.) absolvierte in dieser Saison elf von 14 Zweitligaspielen für den 1. FC Union

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Eroll Zejnullahu (r.) absolvierte in dieser Saison elf von 14 Zweitligaspielen für den 1. FC Union

Dank Eroll Zejnullahu gibt es einen Lichtblick in den tristen Union-Wochen. Das hat auch etwas mit seiner Familie zu tun.

Berlin.  Die erste Reaktion, wenn man ihm begegnet, ist immer noch dieselbe: Man möchte sich am liebsten gleich hinsetzen und ihm bei den Hausaufgaben helfen. Dass Eroll Zejnullahu längst dem Schülerdasein entwachsen ist, wird erst allmählich deutlich. Denn selbst mit seinen 21 Jahren erfüllt der Profi des 1. FC Union die Rolle des Lausbuben nahezu perfekt.

Dies fällt seinem Gegenüber vor allem dann auf, wenn Zejnullahu über seine Situation beim Berliner Fußball-Zweitligisten spricht: "Schön, dass der Trainer mich spielen lässt. Und so lange ich meine Leistung abrufe, kann er mich auch ruhig weiterspielen lassen." Begleitet wird dies von jenem Grinsen, welches für Lausbuben nun einmal so typisch ist. Und seine Einsatzchance im Spiel am Freitag beim VfL Bochum (18.30 Uhr, Sky) ist auch nicht die schlechteste.

In solchen Momenten offenbart sich, welch Lichtblick Zejnullahu in den vergangenen, doch eher trist gehaltenen Union-Wochen ist. Das gilt sowohl für sein Tun auf dem Spielfeld als auch abseits des Platzes. Sein Trainer, Sascha Lewandowski, hatte die Wertigkeit des Berliners im Kader der Köpenicker Kicker einmal wie folgt umschrieben: "Er bereichert unser Spiel durch seine quirlige Art." Es ist die Art eines Jungprofis, der sich seinen spielerischen Idealismus aus Jugendtagen hat bewahren können. Das Bild des "einfachen Jungen, der nur Fußball spielen möchte " (Zejnullahu), hat sich in den vergangenen Monaten verfestigt.

Im defensiven Mittelfeld statt Mattuschkas Erbe

Lewandowski spricht von der "Qualität des permanenten Andribbelns des Gegners", die Zejnullahu habe und die im Union-Jahrgang 2015/16 nicht so sehr vertreten ist. Im Zeitalter des gnadenlosen Passspiels bildet der Union-Profi da eine angenehme Ausnahme. Man schaut ihm gern zu, wenn er mit dem Ball am Fuß auf seinen Gegenspieler zuläuft und im letzten Moment den Ball doch abspielt. Das schafft Räume für die Kollegen. Und man ärgert sich auch über ihn, wenn er mit dem Ball am Fuß auf seinen Gegenspieler zuläuft und sein Abspiel im letzten Moment doch noch hängen bleibt.

Dann kommt der Erwachsene in ihm durch. Der Profi, der lernen will. In seine neue Rolle "habe ich mich ganz gut reingefunden", sagt Zejnullahu, das Union-Eigengewächs, das einst auserkoren schien, die Rolle der Klub-Ikone Torsten Mattuschka im offensiven Mittelfeld zu erben und das sich nun auf der im modernen Fußball so wichtigen Sechser-Position vor der Abwehr wiederfindet. "Ich weiß, dass ich jetzt nicht mehr diesen Risikopass spielen darf", erklärt Zejnullahu seine Rolle. Die Wahrscheinlichkeit, dass sein Ball auch den Mitspieler erreicht, "muss jetzt eher 70:30 sein, nicht mehr 50:50".

Trainer Lewandowski sagt dazu: "Er lernt defensiv viel dazu. Es macht Spaß, seine Entwicklung zu sehen. Er ist jedoch noch nicht der konstante, konsequente Balleroberer. Aber er hat noch viel Potenzial. Schließlich spielt er ja erstmals regelmäßig im Profifußball." Elf Spiele stehen für ihn in dieser Saison zu Buche, zehn von Beginn an. Die übrigen 28 Zweitliga-Einsätze entsprangen Kurzauftritten in den vergangenen beiden Spielzeiten.

Der Jung-Profi übernimmt Verantwortung

Defensiv dazulernen heißt vor allem, mehr Verantwortung zu übernehmen. Dass Zejnullahu dies als Fußballprofi gerade jetzt tut, kommt nicht von ungefähr. Seit einigen Monaten lebt der Mittelfeldspieler allein in einer Wohnung in Köpenick. Es ist sicher nichts Außergewöhnliches dabei, wenn 21 Jahre junge Männer ihr Zuhause verlassen, um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen – es sei denn, die Familie stammt aus dem Kosovo, so wie die von Zejnullahu.

Anfang der 90er-Jahre waren seine Eltern aus dem Kosovo nach Berlin geflüchtet und fanden zunächst in einem Heim in Reinickendorf eine Bleibe. Dort erblickte auch Eroll im Jahr 1994 das Licht der Welt. Inzwischen wohnt die Familie in Zehlendorf, der talentierte Sohn fand jedoch erst 2012 nach mehreren Versuchen bei anderen Klubs (Fortuna Biesdorf, FC Internationale, Hertha Zehlendorf, SV Tasmania) seine sportliche Heimat.

Es zählt zu den Eigenarten der Kosovaren, dass erwachsene Männer die Eltern erst mit 25 Jahren verlassen. Sonst werfe dies ein schlechtes Licht auf das Innenleben der Familie. Insofern war die Entscheidung, die der kosovarische Nationalspieler getroffen hat, nämlich seinen Lebensmittelpunkt komplett nach Köpenick zu verlegen, schon keine leichte, dafür jedoch umso notwendiger, wenn er sich als Profi bei Union behaupten will.

Vom Trainer bekommt er das Vertrauen

Statt mehr als zwei Stunden mit den öffentlichen Verkehrsmitteln quer durch die Stadt und wieder zurück unterwegs zu sein, dauert Zejnullahus Weg zur Alten Försterei und wieder nach Hause nur noch wenige Minuten. Und um einen eigenen Haushalt zu führen, gibt es eben viele Dinge, die geregelt werden müssen. Dinge, die einen Menschen wachsen lassen, ihm Selbstvertrauen geben, um auf eigenen Füßen stehen zu können.

Dies muss Zejnullahu auch bei Union. Erst recht, da ihm sein Trainer immer wieder das Vertrauen schenkt, ja sogar den Vorzug vor Stephan Fürstner gibt. Der 28 Jahre alte Ex-Fürther war von Lewandowskis Vorgänger Norbert Düwel als Verstärkung für das defensive Mittelfeld und als Führungsspieler geholt worden. Doch längst stellt sich nicht mehr die Frage "Fürstner oder Zejnullahu?", sondern Zejnullahu mit oder ohne Fürstner. Was in all den Jahren bereits im normalen Leben praktisch eine Selbstverständlichkeit gewesen ist, hat sich endlich auch bei Union vollzogen: Eroll Zejnullahu ist vollständig integriert.

Als der Jungprofi gegen den FC St. Pauli (3:3) Mitte Oktober nach einer Mischung aus Flanke, ungewolltem Torschuss und totalem Blackout von St.-Pauli-Torwart Himmelmann sein erstes Profitor erzielt hatte, war ihm das auf dem Rasen sichtlich peinlich. Später ließ er nur wissen: "Ich habe ja auch lange genug auf meinen ersten Treffer gewartet." Es scheint, als habe Eroll Zejnullahu seine Hausaufgaben längst schon gemacht.

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