Vor dem Lokalderby
Eisern Union!
Union? Das war doch der Verein, der seine Spiele meistens verlor. Aber das war egal. Schon nach 90 Minuten gehörte sein Herz den Eisernen. So wurde Morgenpost-Redakteur Lars Gartenschläger zum Union-Fan.
Von Lars Gartenschläger
Es war ein Sonnabend im Oktober 1982. Ich war 11 Jahre alt, als mich ein Virus gepackt und bis heute nicht mehr losgelassen hat. Dank meiner Horterzieherin, Gott hab' sie selig, durfte ich erstmals ins Stadion. Sie wusste um meine Fußball-Begeisterung und hatte meinen Eltern offeriert, dass mich ihr Mann und ihr Sohn, Ralf hieß er, zum 1.FC Union mitnehmen würden.
Union? Ich wusste, dass der Verein seine Spiele meistens verlor. Aber das war mir egal. In einem Wartburg fuhren wir durch Ostkreuz, durch Rummelsburg und parkten irgendwann in Köpenick am Waldrand. Wir liefen eine Weile durchs Unterholz, bis wir im Stadion "Alte Försterei" waren. Ralf und sein Vater standen immer unten am Zaun, schräg gegenüber von der heutigen VIP-Tribüne. Nach 90 Minuten wurde es auch mein Stammplatz.
-> Und so wird man zum Hertha-Fan!
Sachsenring Zwickau hieß der Gegner, 1:1 endete das Spiel, schön mit anzusehen war es nicht. Dennoch war ich fasziniert. Von Fans, die ihr Team bedingungslos angefeuert hatten und von Spielern, deren fußballerische Qualität teilweise zwar limitiert war, die aber bis zum Ende gekämpft hatten. Dieser Einsatz, dieser Wille und alles im Einklang mit Anhängern, die ihr Team immer wieder nach vorn brüllten – ich fand es genial. Noch am Abend rief ich meine Oma an und bat sie, mir einen rot-weißen Schal zu stricken.
Nach einer Woche war er fertig; ich war jetzt Fan von Union. Nur zu Feiern gab es nicht viel. Da hätte ich zum BFC Dynamo gehen müssen. Was sogar sehr praktisch gewesen wäre, denn der Klub vom damaligen Stasi-Chef Erich Mielke spielte nur zehn Minuten zu Fuß entfernt von meinem Elternhaus. Ab und zu bin ich auch mal hin. Dann saß ich mit vielen anderen Berlinern direkt neben dem Gästefanblock. Ansonsten war der BFC ein rotes Tuch. Ein Verein, gehätschelt von der Regierung, bestückt mit den besten Spielern des Landes, die auf Befehl zu Dynamo kamen. Siege waren programmiert, notfalls half der Schiedsrichter mit zweifelhaften Entscheidungen nach. Unvergessen der skandalöse Elfmeterpfiff 1986 bei einem Spiel in Leipzig in der 95. Minute.
Und Union? Obwohl der Klub immer zwischen DDR-Oberliga und DDR-Liga pendelte, lag er in der Gunst viel, viel höher. Durch das Image des "Underdogs" und die Missbilligung durch die DDR-Führung wurde der Verein ein Sammelbecken für Menschen, die ihrem Unmut gegen das System Luft machen wollten. Menschen jubelten einer Mannschaft zu, die im DDR-Fußball so unterdrückt wurde wie ein Großteil von ihnen im Alltag.
In der Saison, in der ich mein Herz an den Klub verlor, feierten wir am Ende den Klassenerhalt. Im Jahr darauf stieg Union ab. Wir hatten am letzten Spieltag Chemie Leipzig besiegt, beide Mannschaften waren jetzt punkt- und torgleich; die folgenden zwei Entscheidungsspiele entschied Chemie für sich. Doch Union stieg nach nur einem Jahr wieder auf und spielte unter Karl Schäffner eine grandiose Saison. Am Ende stand Union auf Platz sieben und im Pokalfinale. Das gewann Lok Leipzig zwar klar 5:1. Dennoch feierten 45.000 von 50.000 Menschen im Stadion das Team.
Als Fußball-Fan in der DDR hatte man, so kannte ich es auch von meinen Freunden, immer zwei Vereine im Herzen. Einen aus dem Osten – den anderen aus dem Westen: in meinem Fall Hannover 96, das ergab sich durch Westverwandtschaft.
Für einen Unioner war aber auch Hertha BSC immer ein Thema, für einige sogar ein großes. Wie viel dem einen oder anderen Hertha bedeutete, lässt sich sogar in Zahlen ausdrücken. Vor Heimspielen von Union gab es hinter dem Fanblock immer einen, nennen wir es Schwarzmarkt. Besonders begehrt waren Devotionalien aus dem Westen. Ich hatte Glück und bekam im Sommer regelmäßig von meinem Onkel das "kicker"-Sonderheft geschickt. Für das Mannschaftsfoto eines Bundesligisten – es hatte damals wie heute A-4-Größe – bekam ich fünf Ost-Mark. Für das der Bayern zehn, für das von Hertha BSC so viel wie monatlich als Taschengeld von meinen Eltern: 20 Mark.
Wie ernst es einige Anhänger von Hertha mit uns meinten, erlebte ich am 28.Mai 1988. Rund 3500 Union-Fans fuhren zum Abstiegs-Endspiel nach Karl-Marx-Stadt – darunter rund 100 Hertha-Fans. Sie hatten sich mit blau-weißen Schals zu erkennen gegeben und für Union nicht einmal den Zwangsumtausch von 25 D-Mark gescheut. Union musste gewinnen und auf einen Punktverlust von Frankfurt/Oder hoffen, um die Klasse zu halten. Frankfurt spielte 1:1. Aber in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, waren noch einige Sekunden zu spielen. Es stand 2:2, als es Ecke für Union gab. Die letzte Chance. Der Ball kam hoch rein, Mario Maek erwischte ihn und traf zum 3:2.
Was für ein Moment: Ich sehe mich noch heute auf dem Zaun stehen. Ich sehe die Spieler wie wild über den Platz und Fans auf den Rasen stürmen. 22 Jahre ist es her, aber ich kriege immer noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Später, auf der Heimfahrt, fragte mich bei Tempo 80 ein Hertha-Fan nach meiner Union-Mütze. Ich gab sie ihm während der Fahrt und bekam dafür eine Flasche Sekt.
Doch lang, lang ist es her. Natürlich war ich damals, zwei Tage nach dem Mauerfall, auch einer von tausenden Union-Fans beim Hertha-Spiel gegen Wattenscheid. Nur so schön das alles war, irgendwann ging man eben wieder seinen eigenen Weg. Ich war Unioner, was hatte ich – bitteschön – mit Hertha am Hut? Nun gibt es das Derby. Klar, das hat was. Aber ich mache mir mehr Sorgen über das grundsätzliche sportliche Befinden der Truppe als darüber, ob sie Hertha BSC schlägt.
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