Zweite Liga
Beim 1. FC Union ist es doch am schönsten
Home, sweet Home: Gleich sechs Profis beim 1. FC Union stammen aus Berlin. Das fördert nicht nur die Identifikation mit den Eisernen, die Spieler kennen auch die Fußballszene der Hauptstadt bestens.
Von Martin Kleinemas
Die vergangenen Wochen dürfte Halil Savran in vollen Zügen genossen haben. Mindestens ein, manchmal auch bis zu drei Mal wöchentlich kam der stürmende Zugang des 1. FC Union früher nach Berlin gereist, um seine Familie und Freunde zu besuchen. Gut, nach Dresden, wo Savran die vergangenen zwei Jahre bei Dynamo in der Dritten Liga spielte, ist es nicht besonders weit. Trotzdem freute er sich riesig, als er endlich seine neue Wohnung in Oberschöneweide beziehen konnte und ihm die Familie, mit der er im Alter von zehn Jahren nach Berlin zog, sogar beim Einräumen helfen konnte. Die aufreibenden Fahrten gehören nun der Vergangenheit an.
"Ich bin in Wiesbaden geboren", sagt der 25-Jährige, "aber meine emotionale Heimat ist Berlin. Ich würde immer wieder hierher zurückkehren". Und da ist er nicht der Einzige beim 1. FC Union, einem Klub, bei dem nicht nur zufällig das "Berlin" im Namen steht. Denn in Union steckt jede Menge Hauptstadt – und das ist wichtig für einen Verein, der sich vor allem über Bodenständigkeit definiert und dessen Fanbeauftragter Lars Schnell sagt: "Für unsere Fans ist entscheidend, dass die Spieler Gras für den Verein fressen."
Trainer Uwe Neuhaus sind solche Überlegungen zwar herzlich egal. "Darum mache ich mir überhaupt keine Gedanken. Für mich ist doch nur wichtig, wie die Jungs spielen", sagt er. Trotzdem bleibt es eine Tatsache, dass der Klub in Jan Glinker, Christian Stuff, Karim Benyamina, Jerome Polenz, Chinedu Ede und eben Savran allein in der Profiabteilung sechs Spieler beschäftigt, die entweder in Berlin geboren wurden oder aber bei einem Berliner Verein das Fußballspielen erlernten. Dazu kommen noch zahlreiche Nachwuchstalente. "Für die Identifikation mit dem Klub kann das nur gut sein", sagt Teammanager Christian Beeck.
Zwar würde der Verein nicht direkt nach Berlinern suchen. "Aber auch die Integration außerhalb des Platzes ist natürlich einfacher, wenn Familie und Freunde schon da sind", sagt Beeck, der an besondere Motivation glaubt: "Für die Jungs ist es doch eine tolle Sache, für einen Verein ihrer Heimatstadt zu spielen." Diese Überlegungen gibt es natürlich nicht nur bei Union, sondern auch auf der anderen Seite der Stadt: Bei Ligakonkurrent Hertha BSC stehen im erweiterten Kader sogar neun Berliner, allerdings werden einige von ihnen wohl in der U23 spielen.
Ab in den Heimatkiez
Bei Union hingegen stehen die sechs Einheimischen sicher im Profikader. So auch Jerome Polenz, dem zweiten Zugang mit Berliner Vergangenheit in diesem Jahr. Er ist gebürtiger Berliner und begann seine Karriere beim SC Siemensstadt. Der 23-Jährige kam zu dieser Saison von Alemannia Aachen nach Köpenick, davor stand er bereits bei Werder Bremen unter Vertrag – die weite Fußballwelt, meint man. Aber der Verteidiger sagt: "Ich komme zu meiner Familie zurück, das ist doch das Schönste, was es gibt." Polenz wuchs in Charlottenburg auf, und so zog es ihn genau wie Savran bei der Wohnungssuche wieder zu seinen Wurzeln. Nach Moabit zwar, aber ganz in die Nähe zur Bezirksgrenze. Was er in seiner Heimatstadt nun zu sehen bekommt, erstaunt Polenz. Acht Jahre war er fort, und "in der Zwischenzeit hat sich die Stadt unglaublich weiterentwickelt. Berlin ist zu einer echten Weltmetropole geworden", sagt er nicht ganz ohne Stolz in der Stimme.
Auch Karim Benyamina wollte nie weg aus Berlin – sondern einfach Fußball spielen. "Es träumt ja wohl jeder davon, sein Hobby zum Beruf zu machen, ohne dafür auch noch sein Umfeld verlassen zu müssen", sagt er. Und fügt an: "Union hat mir diese Möglichkeit gegeben, deshalb ist der Verein für mich Berlin."
Neben diesen Emotionen bringen die Berliner noch einen weiteren Vorteil mit: Ihnen muss niemand die teils recht komplizierten Freund- und Feindschaften der hauptstädtischen Fußballszene erklären – ein unschätzbarer Vorteil in einer Saison, in der es zu zwei Stadtderbys kommen wird. Sowohl Polenz als auch Savran spielten einst für Tennis Borussia, Savran brachte es dort in der Saison 2007/08 sogar zum Torschützenkönig der Oberliga. Vor allem aber lernten die beiden dort die Rivalität zu Hertha BSC kennen.
Jerome Polenz zumindest muss heute keiner mehr heiß machen auf das erste Derby am vierten Spieltag: "Die Rivalität TeBe gegen Hertha war schon groß, aber sie war nicht real. Dieses Spiel aber ist etwas ganz Besonderes. Darauf haben die Fans seit Jahren gewartet", sagt er. Ein bisschen gelassener sieht es Savran da schon. Auch für ihn sei das ein emotionales Spiel, "aber am Ende geht es doch auch nur um drei Punkte", sagt er. In Dresden habe er viel stärkere Rivalitäten kennengelernt, gegen Aue etwa.
Vielleicht ist es auch diese Abgeklärtheit, die Christian Beeck meint, wenn er über seine Rückkehrer sagt: "Wir freuen uns natürlich, wenn die Spieler in der Fremde Erfahrungen sammeln und dann hier bei uns ausleben." Das allerdings gilt natürlich nicht nur für die Berliner bei Union.
Zwei von sechs Berlinern im Profikader von Union: Karim Benyamina (l.) und Zugang Jerome
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