Zweite Liga
Unions Trainer Neuhaus will in die Bundesliga
Dienstag, 22. Dezember 2009 12:38 - Von Michael FärberUwe Neuhaus, Trainer des Aufsteigers und Fußball-Zweitligisten 1. FC Union, hat sich für die Köpenicker entschieden – ohne Wenn und Aber. Die Arbeit bestimmt seinen Tagesablauf, seinen Vertrag hat er bis 2012 verlängert. Neuhaus’ neues Ziel steht fest: Die Mannschaft soll in die Bundesliga aufsteigen.

Wer Uwe Neuhaus morgens in seinem Büro im ersten Stock der Geschäftsstelle des 1. FC Union antrifft, sieht einen Mann beim Videostudium des nächsten Gegners, daneben eine seitenlange Analyse der Stärken und Schwächen. Der Trainer des Berliner Fußball-Zweitligisten lebt seit seinem Amtsantritt im Juni 2007 Tag für Tag vor, was er von seinen Spielern verlangt. Mit Morgenpost Online spricht Neuhaus (50) über seine erfolgreiche Zeit beim Köpenicker Klub. Und sagt, dass der Aufstieg in die Bundesliga mit Union für ihn nicht tabu ist.
Morgenpost Online: Herr Neuhaus, Union beendet die Hinrunde nach dem Aufstieg in die Zweite Liga mit 26 Punkten in den Top sieben. Was schwingt dabei eher mit: Erleichterung, dass man nach zuletzt mageren Wochen dank des guten Saisonstarts immer noch so gut dasteht, oder doch Enttäuschung, dass nicht noch mehr herausgesprungen ist?
Uwe Neuhaus: Natürlich hätten wir gern so weiter gemacht. Doch ich bin mit dem Verlauf absolut zufrieden. Wir stehen in sicheren Regionen, und in Sachen Aufstieg haben wir ja ohnehin immer die Kirche im Dorf gelassen.
Morgenpost Online: Ist diese Bodenständigkeit, die Sie immer wieder fordern und selbst an den Tag legen, mit ein Grund gewesen, dass Sie sich seinerzeit für den 1. FC Union entschieden haben?
Neuhaus: Man weiß ja im Vorfeld nie, was auf einen zukommt. Sicher macht man sich schlau über den neuen Arbeitgeber. Aber man weiß ja erst, wie es hinter den Kulissen abläuft, wenn man selbst dort arbeitet.
Morgenpost Online: Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Eindruck, als Sie bei Union zu Gesprächen eingeladen wurden und man Ihnen mitteilte, dass man Sie verpflichten will?
Neuhaus: Daran kann ich mich noch sehr gut erinnern, alle Gespräche verliefen positiv. Doch die wahre Stärke eines Vereins zeigt sich erst dann, wenn es einmal nicht ganz so gut läuft. Wir sind ja damals sehr holprig in die Saison gestartet (Platz 13 nach zehn Spieltagen in 2007/08, nur drei Siege, d. Red.), trotzdem ist im Verein die Ruhe bewahrt worden. Da habe ich schon festgestellt, dass das hier sehr fruchtbarer Boden ist, auf dem man arbeiten kann. Und von da an ging es ja nur noch steil nach oben, dann sind in der Regel die Arbeitsbedingungen ohnehin sehr positiv und gut.
Morgenpost Online: Haben Sie Angst, dass irgendwann ein Rückschlag kommen könnte?
Neuhaus: Angst nicht, aber ich weiß, dass man damit rechnen muss und es nicht immer nur nach oben geht. Das ist normalerweise nicht machbar. Ich hoffe, dass der Verein und das Umfeld darauf vorbereitet sind. Ich bin es auf jeden Fall.
Morgenpost Online: Sie haben auf der Mitgliederversammlung eine bemerkenswerte Rede gehalten, wo sie den Unionern mit auf den Weg gaben, stets bescheiden und realitätsbewusst zu handeln. Wie wichtig war es Ihnen, dies den Fans mitzuteilen?
Neuhaus: Ich glaube schon, es ist ganz gut, so etwas zu sagen. Das ist auch nicht gespielt oder aufgesetzt. Das ist einfach das Gefühl, dass ich hier kennengelernt habe und seit zweieinhalb Jahren in mir trage.
Morgenpost Online: Heißt das im Umkehrschluss, dass Sie sich bei einem elitären Klub nicht so wohl fühlen würden? Bayern München oder Schalke 04 zum Beispiel, oder auch hier in Berlin bei Hertha BSC…
Neuhaus: Ich habe mich bei einem elitären Klub auch schon wohlgefühlt, wenn auch nicht in verantwortlicher Position. Die sieben Jahre bei Borussia Dortmund waren für mich auch wie ein Traum, weil ich damals ja aus der Oberliga dorthin gegangen bin. Von daher schließe ich keinen Verein aus.
Neuhaus: Auch um ein Zeichen zu setzen. Einmal gegenüber dem Verein, dass ich mich hier sehr wohl fühle, die Arbeitsbedingungen sehr gut sind. Dass wir natürlich Stück für Stück noch alles verbessern müssen, darüber sind wir uns einig. Doch da sind wir auf einem guten Weg. Zum anderen sollte es ein Zeichen gegenüber der Mannschaft sein. Jeder weiß jetzt, woran er ist. Derjenige, der mit dem Trainer vielleicht nicht zufrieden ist, der kann sich schon mal so langsam umsehen (lacht). Jeder weiß jetzt, was auf einen zukommt. Das hat nur Vorteile.
Morgenpost Online: Und lässt viel Spielraum nach oben. Als Sie 2007 bei Union angetreten sind, sagten Sie, der Verein hätte die gleichen Ziele wie Sie auch: die Zweite Liga. Das Ziel ist jetzt erreicht. Mit der Vertragsverlängerung setzt man sich doch ein neues Ziel, das da nur Bundesliga lauten kann, oder?
Neuhaus: Das ist auch gut so. Wenn der Verein dieses Ziel nicht gehabt hätte, hätte ich auch nicht unterschrieben, da sind wir schon deckungsgleich. Aber wie lange oder wie weit der Weg ist, weiß doch keiner. Der Aufstieg kann ja im schlechtesten Fall auch nie stattfinden. Im optimalen Fall kann es in der nächsten Saison schon sein. Aber davon kann man nicht ausgehen. Wir werden zusehen, dass wir nicht nur träumen, sondern hart arbeiten, um den größtmöglichen Erfolg zu erreichen.
Morgenpost Online: Sie sind ein Kind des Ruhrgebiets und arbeiten bei einem Klub, der sich stets auf seine Ost-Wurzeln besinnt und stolz darauf ist. Hatten Sie ein wenig Sorge, dass es Ressentiments gegen den „Wessi“ geben würde, der 2007 bei Union angeheuert hat? Schließlich heißt es ja in der Vereinshymne von Nina Hagen: „Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen? Eisern Union!“
Neuhaus: Überhaupt nicht. Mein Vorgänger (Christian Schreier, d. Red.) kam ja auch aus dem Westen. Da ist auch schon zu viel Zeit ins Land gegangen. Darüber habe ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht.
Morgenpost Online: Ihre ersten „Ost-Erfahrungen“ hatten Sie ja bereits 20 Jahre zuvor. Als Spieler des damaligen Zweitligisten Wattenscheid 09 waren Sie beim legendären Wiedervereinigungsspiel gegen Hertha BSC am 11. November 1989 im Olympiastadion (1:1) dabei, als der Großteil der 45.000 Zuschauer zwei Tage nach dem Fall der Mauer aus dem Ostteil der Stadt kam. Erinnern Sie sich daran noch?
Neuhaus: Es war eine bewegende Zeit. Man wusste ja nicht, was in den nächsten Tagen passieren wird, was auf einen zukommt. Und am Abend vor dem Spiel gab es die berühmte Geschichte mit den Lodenmänteln…
Morgenpost Online: … wo Sie und ihre Teamkollegen wegen Ihres Erscheinungsbildes fälschlicherweise für Stasi-Mitarbeiter gehalten wurden…
Neuhaus: Genau. Da war die Stadt so voller Menschen. Der abendliche Spaziergang, der normalerweise eine Viertelstunde dauert, ist dann etwas länger ausgefallen. Die Atmosphäre musste man einfach aufsaugen. Präzise Erinnerungen an das Spiel habe ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass im Stadion eine komische Stimmung herrschte. Da gab es keine zwei Fanlager, die ihre Mannschaften angefeuert haben, das war in diesen historischen Tagen auch zweitrangig.
Morgenpost Online: Hätte Union aufgrund seiner besonderen Fans auch ein Klub im Westen, aus Ihrer Heimat sein können?
Neuhaus: Grundsätzlich sind sich die Menschen hier und dort ziemlich ähnlich. Aber trotzdem haben die Union-Fans dieses gewisse Etwas, das liegt sicher auch an der Historie – Stichwort: Leidensfähigkeit. Oft geprüft, und oft bestanden.
Morgenpost Online: Sie sind jetzt seit zweieinhalb Jahren bei Union. Was hat sich – abgesehen von der Spielklasse – hier am meisten verändert?
Neuhaus: Das Stadion. (lacht)
Morgenpost Online: Was noch? Die Erwartungshaltung vielleicht?
Neuhaus: Ich glaube, das kann man erst feststellen, wenn es wirklich mal nicht so gut läuft. Ob dann die Unzufriedenheit hochkommt oder ob jeder sagt: Wir müssen auf dem Teppich bleiben, wir sind Aufsteiger, jetzt haben wir drei, vier oder fünf Spiele hintereinander verloren, stehen eben nicht mehr in Schlagdistanz zu den Aufstiegsplätzen. Das wird man dann auch an den Reaktionen der Zuschauer sehen. Aber da mache ich mir keine großen Sorgen. Ich glaube, jeder hat sich mit unserem Saisonziel hundertprozentig identifiziert. Wenn wir es in dieser Saison schaffen, die Klasse zu halten, dann sind wir erst mal zufrieden. Ich weiß aber auch, dass nach so einem guten Saisonstart mit einem Abrutschen ins Mittelfeld, vielleicht sogar in Richtung Abstiegsplätze, am Ende Platz zwölf für eine schlechtere Stimmung sorgt, als wenn es umgekehrt ist. Wenn man den Nichtabstieg am letzten Spieltag schafft, dann ist eine unglaubliche Euphorie da. So geht es andersrum, obwohl die Saison vielleicht besser verlaufen ist.
Morgenpost Online: Haben Sie sich in der Zeit verändert, seit Sie bei Union sind?
Neuhaus: Das glaube ich nicht, da ich ja auch vorher schon einige Stationen erlebt habe, wo ich in derselben Art und Weise, wie ich charakterlich gestrickt bin, gearbeitet habe. In dem einen oder anderen Detail muss man sich vielleicht immer wieder korrigieren. Aber die Grundlinie habe ich, die werde ich auch nicht mehr verändern.
Morgenpost Online: Seit einiger Zeit feiern die Fans Sie mit „Uwe, Uwe“-Sprechchören als Vater des sportlichen Erfolgs. Wie reagieren Sie darauf?
Neuhaus: Das freut mich natürlich, gar keine Frage.
Morgenpost Online: Und wie passt das mit Ihrer Bescheidenheit zusammen?
Neuhaus: Manchmal nicht so gut (lacht). Ich weiß, dass die Öffentlichkeitsarbeit ein Bereich ist, dem ich mich stellen muss. Persönlich ist es nicht unbedingt mein Ding, mich hier so feiern zu lassen. Ich würde auch im Privatleben am liebsten unerkannt durch die Welt ziehen.
Morgenpost Online: Funktioniert das?
Neuhaus: Natürlich nicht. Es gibt immer mehr Leute, die einen auch erkennen und ansprechen, sei es im Baumarkt oder beim Einkaufen. Aber das macht mir nichts aus, im Moment ist ohnehin alles fast nur positiv. Die Kehrseite der Medaille ist, dass man beim Misserfolg natürlich auch angesprochen wird, nur in anderer Form. Insofern will ich ihn eigentlich gar nicht erleben.
Morgenpost Online: Und dann platzt so eine Schocknachricht wie die vom Freitod von Nationaltorwart Robert Enke in die Welt. Wie sind Sie damit umgegangen, wo haben Sie davon erfahren?
Neuhaus: Zu Hause. Natürlich war ich betroffen, hatte Mitleid mit den Angehörigen. Das ist wohl jedem so ergangen. Ich persönlich habe es bislang so gehalten, mich nicht zu diesem Thema zu äußern. Weil es in solchen Momenten immer viele schlaue Köpfe gibt, die sich vor die Kamera ziehen lassen und ihren Teil dazu zu sagen haben. Es ist vielleicht auch Teil meines Wesen, dass ich dazu keine Stellung nehmen möchte. Mich hat aber überrascht, dass Frau Enke so offensiv damit umgegangen ist und schon am nächsten Tag auf der Pressekonferenz gesessen hat. Ich glaube nicht, dass ich die Kraft hätte, so damit umzugehen.
Morgenpost Online: Werden Sie bei ihrer Arbeit im Umgang mit dem Thema Depression etwas ändern?
Neuhaus: Das ist ja kein Thema, was wirklich neu ist, sondern nur durch den tragischen Tod wieder aktuell ist. Ich glaube, dass sich viele, die davon betroffen sind, ohnehin genug Gedanken darüber machen. Beispiel Amerika: Die sind in diesem Punkt sicher zehn, fünfzehn Jahre voraus. Dort ist es Gang und Gebe, dass jeder seinen persönlichen Psychologen hat, der ihm bei alltäglichen Dingen behilflich ist. Das sind private Dinge, die jeder für sich selbst entscheiden muss.
Morgenpost Online: Derzeit ist bei Union kein Psychologe angestellt, weder frei noch fest. Könnte sich das nach den Vorkommnissen der vergangenen Tage ändern?
Neuhaus: Ich beschäftige mich schon seit ungefähr vier Jahren mit diesem Thema. Oft spricht man ja auch von einem Mentalcoach. Es gibt schon Bedarf, nicht nur im Fußball, sondern im Sport allgemein. Ich glaube, dass es immer noch schwierig ist, der Mannschaft jemanden vorzustellen und zu sagen: Da ist jemand, der euch helfen kann. Eine Fußballmannschaft ist ja ein ganz sensibles Gebilde. Wenn man dieses Thema zu offensiv angeht, kann das ins Gegenteil umkippen. So dass es fast ins Lächerliche gezogen wird. So ein Psychologe muss auch von der Chemie her passen und Sporterfahrung besitzen. Ich glaube, dass der Bereich immer wichtiger wird, weil auch der Druck auf jeden einzelnen immer größer geworden ist, nicht zuletzt durch die veränderte Medienlandschaft.
Morgenpost Online: Gibt es bei Ihnen eigentlich ein Leben außerhalb des Fußballs? Wie entspannen Sie, haben Sie sich in den zweieinhalb Jahren schon Berlin anschauen können?
Neuhaus: Grundsätzlich wird der Tagesablauf natürlich von Fußball bestimmt. Sicher habe ich mir auch schon ein wenig von der Stadt angeschaut, von typischen Touristenattraktionen bis zu Insidertipps. Doch so viel freie Zeit ist ja nicht. Ich glaube, in diesem Jahr hatte ich 17 oder 18 freie Tage. Da versucht man schon, einmal völlig vom Fußball abzuschalten, spazieren zu gehen, manchmal nimmt man auch einen Theaterbesuch mit, um neue Eindrücke zu gewinnen.
Morgenpost Online: Ist Berlin so etwas wie eine zweite Heimat für Sie geworden?
Neuhaus: Das kann man schon sagen, ohne Wenn und Aber.
Morgenpost Online: Und ist Union das Beste, was Ihnen passieren konnte?
Neuhaus: Man weiß ja nicht, ob nicht hätte noch etwas Besseres passieren können. Ich bin mit dem zufrieden, was ich habe, was ich jetzt tue, auch wie die Aussichten für die Zukunft sind. Ich war auch nie jemand, der einen Vertrag, den er unterschrieben hat, hinterher in Zweifel gestellt hat. Weil man die Entscheidung vorher treffen muss, genau wie am Spieltag bei der Mannschaftsaufstellung. Was dann hinterher kommt, kann man nicht immer beeinflussen. Aber die Entscheidung Union Berlin habe ich in keinster Weise bereut.
Erschienen am 21.12.2009


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