24.12.12

Weihnachtssingen

Wenn Jesus und Fußball beim 1. FC Union zusammentreffen

Haben Kirche und Fan-Kultur etwas gemeinsam? Pfarrer Peter Müller über das Gänsehaut-Feeling beim Weihnachtssingen in der Alten Försterei.

Von Michael Färber
Foto: dpa

Es ist längst zu einer Tradition geworden und zieht jedes Jahr mehr Besucher an: das Weihnachtssingen des 1. FC Union im Stadion An der alten Försterei in Berlin-Köpenick.

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Alle Jahre wieder wird in der Alten Försterei gesungen. Zum zehnten Mal seit 2003 hatte der 1. FC Union am Sonntag zum Weihnachtssingen geladen. Unverzichtbarer Bestandteil war auch dieses Jahr das Vorlesen der Weihnachtsgeschichte durch Peter Müller (75). Die Berliner Morgenpost sprach vor der Jubiläumsveranstaltung mit dem Pfarrer im Ruhestand der evangelischen Stadtkirchengemeinde Köpenick.

Berliner Morgenpost: Sind Sie ein wenig neidisch auf den 1. FC Union, Herr Müller?

Peter Müller: Neidisch? Nein. Sie meinen wegen der vielen Besucher beim Weihnachtssingen?

Die Kirche würde sich doch bestimmt glücklich schätzen, wenn sie solch einen Zulauf hätte wie Union am Sonntagabend…

Das mag für das Weihnachtssingen sicherlich gelten. Aber Jahr für Jahr geht immer noch ein Vielfaches an Menschen in die normalen Gottesdienste als in die Stadien.

Umso erstaunlicher ist es, dass in diesem Jahr rund 20.000 Menschen den Weg in die Alte Försterei gefunden haben, um sich auf Heiligabend einzustimmen. Was macht das Weihnachtssingen denn so besonders?

Es ist die gesamte Stimmung. Das ist etwas, was mich immer wieder frappiert, dass auch bei hart gesottenen Leuten Gänsehaut-Feeling aufkommt. Ein Großteil der Menschen, die zum Weihnachtssingen kommen, geht sonst nicht zu einem normalen Gottesdienst, weil sie gesagt haben, mit Kirche und Glauben habe ich nichts am Hut. Ohne Weihnachtsgeschichte wäre es auch bloß ein Singen zu Väterchen Frost oder einem Geschenkefest.

Wie passt das zusammen? Tausende von Menschen, die eher atheistisch veranlagt sind, kommen zu einem christlichen Ereignis zusammen…

Das ist für mich immer wieder ein Wunder. Weihnachten darf man auch von einem Wunder sprechen. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass vielen einfach die Weihnachtsgeschichte gefehlt hat.

Was macht die Weihnachtsgeschichte aus Ihrer Sicht so besonders?

Für mich öffnet die Weihnachtsgeschichte ein Tor, durch das Gott zu den Menschen gekommen ist. Vor Weihnachten und danach versuchen Menschen immer wieder, zu Gott zu kommen, durch fromme Werke, Glauben, rechtschaffenes Leben und Tun. Aber dieser Weg scheint doch nicht zu funktionieren. Es geht nur anders herum, wenn Gott zu den Menschen kommt.

Ist der Wunsch nach Gemeinsamkeit, nach Gesellschaft, vielleicht auch ein Grund?

Auf jeden Fall, gerade in unserer heutigen Zeit, wo vieles auseinander bricht, wo sicher in großer Freiheit vieles oder fast alles möglich ist. Wo man aber am eigentlichen, einem echten und offenen Miteinander, vorbeigeht.

Kommen auch deshalb so viele zum Weihnachtssingen, weil es nicht in eine Kirche geht, sondern in ein Fußballstadion? Ist der Fußball für viele eine Art Ersatzreligion?

Wenn man sich die Einzelpunkte eines Fußballspiels anschaut, gibt es ganz viele bei der Religion entlehnte Verhaltensweisen. Man singt miteinander wie ein Bekenntnis die Vereinshymne. Man steht auf am Anfang und am Ende eines Spiels. Die Akteure, sprich die Spieler, schreiten vor Spielbeginn feierlich im Rahmen einer Zeremonie ein.

Man hat auch seine (Fußball-)Götter, auch wenn es der Kirche vielleicht ein wenig widerstrebt.

Ja, nun hat die Kirche aber keine Angst vor Göttern, weil sie sagt: Es gibt nur einen Gott. Aber es gibt einen heiligen Raum, den nur die Geweihten betreten dürfen, sprich den Rasen. Und trotzdem ist es eigenartig, dass man bei der Entstehung des Weihnachtssingens sagte: Uns fehlt etwas.

Sind Sie eigentlich erstaunt über die Entwicklung des Weihnachtssingens? Und haben Sie gezögert, ehe Sie für Ihre erste Veranstaltung im Jahr 2004 zugesagt haben?

Mich überrascht von Jahr zu Jahr, dass immer mehr Menschen kommen. Und nein, ich musste nicht lange überlegen. Weil ich mir sagte, wenn nach der Weihnachtsgeschichte verlangt wird, dann kann man nicht nein sagen.

Was empfinden Sie, wenn Sie auf der kleinen Bühne stehen und die Geschichte lesen?

Mir fällt da nur ein Wort ein, das wenig in unsere Zeit passt: erschauern. Es gibt viele, die sprechen Teile der Geschichte Wort für Wort mit. Außerdem ist es für mich immer noch ein Wunder und natürlich eine große Freude, mit welcher Selbstverständlichkeit man in einem Fußballverein in einer atheistisch geprägten Umgebung sagt: Die Weihnachtsgeschichte gehört dazu.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihr erstes Weihnachtssingen 2004, damals noch in der baufälligen Alten Försterei?

Nun ja, es waren vielleicht 250 Leute gekommen. Mit der Beleuchtung klappte es nicht, ich glaube, wir hatten auch noch keine Verstärkeranlage. Und wenn, dann funktionierte die auch nicht. Wenn ich so zurückschaue, erinnerte mich das mehr an den Ort und die Umstände des ersten Weihnachtsgeschehens als heute. Bethlehem, ein Ehepaar mit einem zur Welt kommenden Kind in einem Stall, nicht in einem Hotel oder in einer Pension. Alles war eher improvisiert, es herrschte große Ungewissheit.

Große Ankündigungen, dass in der Alten Försterei gesungen wird, gab es auch nicht.

Ja, wobei in der Weihnachtsgeschichte schon große Ankündigung war. An die Hirten, an die Weisen, die man oft die heiligen drei Könige nennt, die aber eher Sternenforscher waren und denen durch Konstellationen von Gestirnen angekündigt wurde: Da ist etwas Bedeutendes geschehen für die Welt durch die Geburt in dem kleinen Israel.

Fehlt Ihnen dieser ursprüngliche Charakter nicht?

Die Sache ist ja gewachsen, und man musste diesem Wachstum gerecht werden, um jedem die Teilnahme daran zu ermöglichen. Da trauere ich nicht irgendeiner falschen Romantik und einem Sich-in-Heimeligkeit-zurückziehen-Wollen nach. Das ist eben 2012.

Nun wird Jahr für Jahr beim 1. FC Union gesungen und nicht bei einem anderen Verein, nicht bei Hertha BSC, Energie Cottbus, Borussia Dortmund oder Bayern München. Kann eine solche Veranstaltung nur bei Union stattfinden?

Vielleicht sind manch andere Vereine inzwischen ein bisschen traurig und neidisch. Aber Union ist nun mal ein besonderer Verein in vielerlei Hinsicht. Die Unioner halten auch in Niederlagen der Mannschaft zu ihren Spielern und somit zusammen. Auch das sehr enge Verhältnis der Fans untereinander zeichnet diesen Verein aus. Ich bezweifele nicht, dass auch in anderen Vereinen die Fans enthusiastisch für ihre Spieler da sind. Doch Union ist bis hinein in seine Stadion- und Finanzpolitik sehr auf dem Boden der Realität geblieben. Ich denke, auch da schwappt etwas rüber, viele finden sich da wieder, gerade hier im Osten. Kürzlich fragte mich jemand mal, ob ich auch Fußballfan geworden bin. Da sagte ich ganz zögerlich: Nein, aber ich bin Union-Fan im Laufe der Jahre geworden. Sicherlich bin ich auch im Laufe der Jahre ein wenig gewachsen, manche Einstellung hat sich verändert. Es wäre auch schlimm, wenn man immer nur derselbe bleiben würde.

Was wünschen Sie sich für das Jahr 2013? Etwas Besonderes?

Es sind banale Begriffe, weil sie beinahe abgenutzt scheinen, aber trotzdem nicht weniger wichtig und bedeutungsvoll sind: Frieden und Gerechtigkeit. Frieden in den Stadien und auch davor, vor allem aufgrund der aktuellen Diskussion. Frieden in der Welt, in den Ländern, die sich ein Stückchen mehr Gerechtigkeit auf manchmal unbeholfene Art und Weise erkämpfen wollen. Und Gerechtigkeit in der Hinsicht, dass alle Menschen satt werden und ein menschenwürdiges Leben führen dürfen. Und dabei denke ich auch sofort wieder an Union. Der Verein tut mit seiner einfühlsamen Nachwuchspolitik sehr viel dafür. Und das nicht nur aus sportlichem Eigeninteresse, sondern auch aus sozialer Verantwortung für Kinder und Jugendliche der Umgebung. Ich freue mich jedenfalls sehr darüber und bekenne mich auch dazu, Union-Fan und seit zwei Jahren Vereinsmitglied zu sein.

Ist es zu romantisch gedacht, wenn man sagt, dass das Weihnachtssingen vielleicht einen kleinen Teil dazu beitragen kann, dass Ihre Wünsche für 2013 in Erfüllung gehen?

Nein. Der Gedanke, dass das Weihnachtssingen zum Frieden und zur Gerechtigkeit beitragen kann, ist ein schöner Gedanke.

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