DFB-Pokal
Hertha und Union wollen holprigen Saisonstart wettmachen
Blamieren oder Kassieren heißt es für die beiden Klubs: Im DFB-Pokal wollen die Zweitligisten aufholen. Maik Franz wird sein Comeback geben.
Die erste Runde im DFB-Pokal – in kaum einem anderen Wettbewerb trifft David auf mehr Goliath als beim Auftakt des nationalen Cupwettbewerbs. Für die Davids, die Fußballklubs aus den unteren Ligen, ist es die große Gelegenheit, sich ins Rampenlicht zu spielen und mit einer Sensation nicht gleich wieder in den regionalen Niederungen zu verschwinden. Die Goliaths der kickenden Branche wollen vor allem eines: eine Blamage gegen den Underdog verhindern.
Berlins Goliaths sind derzeit weit davon entfernt, wirklich riesig zu sein. Sowohl Hertha BSC als auch der 1. FC Union sind – mit allergrößtem Wohlwollen – mäßig in die Saison gestartet. Die beiden Hauptstadtklubs haben jeweils ein Remis und einer Niederlage zu Buche stehen – macht die Plätze 13 und 16 in der Zweiten Liga. Enttäuschung statt Euphorie, sowohl in Charlottenburg als auch in Köpenick. Es muss ein Erfolgerlebnis her, und zwar schnell. Am Sonntag in Worms zum Beispiel, wenn Hertha als Bundesliga-Absteiger im Wormatia-Stadion antritt. Oder einen Tag später, wenn Union das neue städtische Stadion in Essen einweiht. Zwei Regionalligisten aus dem tiefsten Westen der Republik sollen für Aufbauhilfe Ost sorgen.
Selbstbewusst, nicht überheblich
Und was machen die blau-weißen und rot-weißen Lager? Selbstbewusstsein ja, Überheblichkeit nein, so lautet die Devise bei beiden Klubs. "Ich will nicht überheblich klingen. Aber wir sind Hertha BSC", sagte Jos Luhukay, Trainer der Herthaner: "Wir haben die Qualität, um top in der Zweiten Liga zu spielen und aufzusteigen. Jetzt spielen wir gegen eine unterklassige Mannschaft im Pokal. Wir sehen es als unsere Pflicht, eine Runde weiterzukommen." Wenn auch nicht die Wortwahl, so ist doch der Duktus der Statements von Lokalrivalen praktisch deckungsgleich. "Wir wollen ein Pokal-Aus in der ersten Runde wie in den vergangenen Jahren unbedingt verhindern", verkündete Uwe Neuhaus, Coach der Unioner: "Jeder weiß, was die Stunde geschlagen hat. Ich erwarte den Einzug in die zweite Runde."
Die Lokalrivalen erwarten dabei ähnliche Szenarien. Kleine Stadien, gefüllt mit Fans, die die Heimmannschaften frenetisch anfeuern werden. In Worms werden es gut 5000 Anhänger sein, in Essen doppelt so viele. Das heißt: Die Berliner Gäste müssen einen kühlen Kopf bewahren, um selbigen in einem möglichen Hexenkessel nicht zu verlieren. Und sie müssen darauf gefasst sein, dass der Kampf das Mittel ist, seine Vormachtstellung zu behaupten, nicht das schöne Spiel. "Ich habe Zeit und Geduld, was spielerische Fortschritte angeht", sagte Luhukay. Erst seit Juli leitet der Niederländer die Geschicke bei Hertha. Da ist es nur logisch, dass noch nicht alles nach Plan läuft. Doch Luhukay sagt auch: "Ich habe keine Zeit und keine Geduld, was Charaktereigenschaften betrifft. Das muss eine Mannschaft immer ausstrahlen." Eine letzte Anspielung auf die seelenlose Vorstellung der Berliner am Sonntag im Ligaspiel beim FSV Frankfurt (1:3). "Die Einstellung, nicht die Aufstellung muss stimmen", erklärte Neuhaus dazu lapidar, wenn auch treffend. Für den Union-Trainer wäre es nach vier Erstrundenpleiten der erste Sprung in die zweite Runde seit seinem Amtsantritt im Jahre 2007.
Warten auf den ersten Saisonsieg
Vorteile für die beiden Berliner Klubs, abgesehen von der nominellen Überlegenheit aufgrund der höheren Spielklasse? Vielleicht die Gegner selbst. Die Wormser warten wie Hertha noch auf den ersten Saisonsieg, zum Start gab es in der Regionalliga Südwest ein 2:2 gegen Bayern Alzenau sowie ein 1:1 beim zweiten Team des 1. FC Kaiserslautern.
Die Essener wiederum sind in die Regionalliga West 4:2 bei Rot-weiß Oberhausen und einem 3:2 beim SC Verl gestartet. "Zwei Spiele gewonnen, eine Ausbeute, die ich auch gerne hätte", sagte Union-Coach Neuhaus, der in der Neuauflage des Erstrundenduells vom Vorjahr nicht unbedingt einen Nachteil sieht. "Vielleicht erleichtert es die Aufgabe, dass wir den Gegner schon kennen", so Neuhaus: "Gedanken wie 'Das werden wir irgendwie schon schaffen' wird es in diesem Jahr nicht mehr geben." Vor Jahresfrist waren die Unioner im Elfmeterschießen an Essen gescheitert, nachdem sie sich nach einem 0:2-Rückstand erst in letzter Sekunde in die Verlängerung retten konnten.
"Wir brauchen Eingewöhnungszeit"
Nico Schäfer, Unions kaufmännisch-organisatorischer Leiter und wie Neuhaus einst in Essen tätig, hat indes eine ganz andere Sichtweise auf das erneute Duell. "Bei der Auslosung habe ich drei Sekunden nachgedacht und dann Fernseher und Handy sofort ausgeschaltet", erzählte Schäfer: "Ich dachte nur 'Das darf doch nicht wahr sein' und wollte mit niemandem darüber reden."
Geredet wurde auf Seiten der Herthaner und Unioner in den vergangenen Tagen dennoch viel. Weil schlichtweg die Leistungen auf dem Platz noch nicht dem entsprachen, was sich vor allem die Trainer vorgestellt haben. In beiden Mannschaften ist die Integration der neuen Spieler immer noch in vollem Gange. "Wir brauchen Eingewöhnungszeit", forderte Luhukay Geduld beim Unternehmen sofortiger Wiederaufstieg. Das hört sich rund 30 Kilometer weiter östlich ganz ähnlich an. "Wir sind erst noch dabei, uns zu finden", sagte Unions Mittelfeldspieler Michael Parensen, "doch wir sind auf einem sehr guten Weg, eine Mannschaft zu werden."
Hubnik Rot-gesperrt
Wie die Berliner Mannschaften aussehen, die in Worms und Essen auflaufen werden, darüber hüllen sich die Trainer noch in Schweigen. Klar ist jedoch, dass Maik Franz 260 Tage nach seinem Kreuzbandriss sein Comeback in Herthas Innenverteidigung geben wird. Zumal Kollege Roman Hubnik eine Rot-Sperre vom Viertelfinale des vergangenen Wettbewerbs (0:2 nach Verlängerung gegen Borussia Mönchengladbach) abzusitzen hat. Luhukay hat weitere Veränderungen in der Startelf bereits angekündigt. Und Union? "Ich habe noch keine konkrete Aufstellung im Kopf", sagte Neuhaus. Was zumindest ein wenig bezweifelt werden darf.
Doch egal, wer auflaufen wird: An der Rolle des Goliaths kommen weder Hertha BSC noch der 1. FC Union vorbei. An der Verpflichtung, den Sprung in die nächste Runde zu schaffen, auch nicht.
Wormatia Worms – Hertha BSC am Sonntag, 14.30 Uhr
Rot-Weiss Essen – 1. FC Union am Montag, 18.30 Uhr
















