28.02.2012, 08:12

Scheidender Aufsichtsratschef Hurtado sieht Union für Zukunft gut aufgestellt

Experte: Salzkruste auf Brennstäben gefährdet Kühlung nicht

Foto: picture alliance / dpa / picture alliance / dpa/dpa

Experte: Salzkruste auf Brennstäben gefährdet Kühlung nicht Foto: picture alliance / dpa / picture alliance / dpa/dpa

Von Michael Färber

Hätte jemand Antonio Hurtado vor acht Jahren die aktuelle Situation von Union Berlin prognostiziert, hätte er diese Person für verrückt erklärt. Im Interview mit Morgenpost Online zieht der scheidende Aufsichtsratschef eine positive Bilanz.

Am Mittwoch scheidet Antonio Hurtado nach knapp acht Jahren aus dem Amt als Vorsitzender des Aufsichtsrates beim 1. FC Union.

Morgenpost Online: Es heißt, wenn es am schönsten ist, soll man aufhören. Trifft das auch auf Ihren Rückzug zu?

Antonio Hurtado: Nein. Ich hatte 2007 die Chance, eine ordentliche Professur im Bereich der Energietechnik an der Technischen Universität in Dresden anzunehmen und habe schon damals gesagt: Sollte der Zeitpunkt kommen, wo ich erkenne, ich kann mit meinem Anspruch an Professionalität diese Tätigkeit im Aufsichtsrat nicht mehr so ausüben, dass ich selber zufrieden bin, rede ich offen darüber. Inzwischen haben sich die Aktivitäten derart erhöht, dass sie einen hohen Aufwand in Lehre und Forschung erfordern. Die restliche Zeit würde für Union ausreichen, wenn wir noch Oberliga spielen würden. Aber wir sind ja froh, dass es nicht so ist.

Morgenpost Online: Ihr Amt übernimmt Thomas Koch, der ebenfalls seit 2004 dem Aufsichtsrat angehört. Warum ist er der richtige Nachfolger?

Antonio Hurtado: Weil er Union-verrückt ist, die Strukturen im Verein kennt und in den letzten Jahren gezeigt hat, dass er Aufsichtsmandat vom operativen Geschäft klar trennen kann. In diesem Punkt tickt er ähnlich wie ich.

Morgenpost Online: Wenn Ihnen jemand bei Ihrem Amtsantritt gesagt hätte, Union steht im Februar 2012 als wirtschaftlich nahezu gesunder Verein da, hat den Bau einer Haupttribüne vor sich und riskiert sogar einen Blick in Richtung Bundesliga – was hätten Sie ihm gesagt?

Antonio Hurtado: Ich hätte ihn auf schnellstem Wege zum Arzt geschickt. Ganz ehrlich: So wie sich die Situation damals dargestellt hat, hätten wir konsequenterweise zum Insolvenzverwalter gehen müssen.

Morgenpost Online: Was waren für Sie die entscheidenden Faktoren für die Entwicklung des Klubs?

Antonio Hurtado: Ein Erfolgsfaktor ist Dirk Zingler. Er hat Dinge nicht nur delegiert, sondern vorgelebt, auch unangenehme Entscheidungen getroffen. Diese sind immer in Absprache mit dem Aufsichtsrat und vor allem mit mir erfolgt. Ein weiterer Erfolgsfaktor sind die Sponsoren, die sich zu keinem Zeitpunkt vom Verein abgewendet haben.

Morgenpost Online: Wie weit kann die Entwicklung denn noch gehen – bis in die Bundesliga?

Antonio Hurtado: Diese großartige Hauptstadt hat Platz für mindestens zwei Bundesligavereine. Deshalb wird Unions strategische Ausrichtung darauf abzielen, irgendwann aufzusteigen. Die Fans hätten es verdient.

Morgenpost Online: Sie selbst haben zuletzt von Traditionsbewusstsein und Bodenständigkeit gesprochen als Dinge, die Union auszeichnen. Wie passt da die Bundesliga mit ihrer Kommerzialisierung ins Bild?

Antonio Hurtado: Da sehe ich keine Schwierigkeit. Ich mache das an meiner Person fest. Ich bin Arbeiterkind, meine Eltern hatten wenig Geld. Jetzt bin ich Ordinarius an einer renommierten Universität. Doch die Werte, die man einmal gelernt hat und für sich als Erfolgsfaktoren definiert, übertragen sich in die unterschiedlichen Berufsformen und Lebensphasen. Genauso sehe ich das bei Union, wo die Malochermentalität gelebt wird und sich niemand zu schade ist, die Ärmel hochzukrempeln. Hier wird auch miteinander gestritten, aber immer vor der Frage: Was ist gut für den Verein? Mit diesem Wertepaket wird Union seinen Weg auch ligaübergreifend gehen und den Spagat zwischen Fankultur und wirtschaftlichen Interessen vollziehen.

Morgenpost Online: Mit der Stadionaktie hat Union einen Weg gezeigt, wie dieser Spagat zwischen Kult und Kommerz gelingen kann.

Antonio Hurtado: Ich sehe Union nicht nur auf diesem Weg in der Vorreiterfunktion. Natürlich kann man Ansprüche formulieren, aber es sollte erfolgen, ohne die Bodenhaftung zu verlieren. Die Eigentümer des Vereins sind die Mitglieder. Deshalb ist es wichtig, ihnen Mitsprache zu geben.

Morgenpost Online: Sie sind Spanier, und die gelten als sehr stolz. Als wie groß sehen Sie Ihren Anteil an der Entwicklung des 1. FC Union?

Antonio Hurtado: Es ist schwer, sich selbst zu loben. Doch ich bin fest davon überzeugt, dass die Bereitschaft, vielleicht auch die Stärke, im Hintergrund zu bleiben und nur zu agieren, wenn Absprachen nicht eingehalten wurden oder das Präsidium von außen angegriffen wird, ein großes Plus gewesen ist. Auch das Vertrauen gegenüber dem Präsidium und meine Unabhängigkeit – ich bin dem Verein nicht wirtschaftlich verbunden – zählen dazu.

Morgenpost Online: Was nimmt der Mensch Antonio Hurtado aus den acht Jahren bei Union mit?

Antonio Hurtado: Vor allem die liebevollen, ehrlichen Menschen, die den Verein ausmachen. Und diese Bereitschaft zu helfen, ohne gleich zu fragen, was man selber davon hat. Damit kann man sehr, sehr viel schaffen. Und was wir bei Union geschafft haben, kann sich sehen lassen.

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