#Rio2016

Das sind die schönsten Bilder der Olympischen Spiele

Wie unser Fotograf Sascha Fromm unter 50.000 Menschen im Stadion den einsamen Olympiasieger fand. Eine Auswahl seiner besten Bilder.

Rio de Janeiro.  Als Usain Bolt ins Ziel kommt, fällt für Sascha Fromm (Foto) der Startschuss. Im Leichtathletik-Stadion von Rio hat er am Abend des 100-Meter-Finales der Männer einen Fotografen-Platz im Stadiongraben gewählt. Der enge Gang führt zwischen Rängen und Laufbahn um das Oval herum. Hinter dem Ziel stehen die Kollegen wie stets in dichter Formation gedrängt, vor ihnen zwei Dutzend mit Fernauslöser versehene Kameras, die wie Geschosswerfer lauern.

Das olympische Finale der schnellen Männer zählt zweifellos zu den großen Showdowns des Weltsports, vergleichbar mit dem Super Bowl oder dem Finale einer Fußball-WM. Hier schaut der Globus zu. Und in diesem öffentlichsten aller Räume sucht Sascha Fromm wieder einmal den anderen Blick. Im Blitzlichtgewitter der Beliebigkeit das Besondere. Das noch nicht dagewesene Foto. Er wird es auch in dieser brasilianischen Nacht finden.

Zunächst aber muss er erst einmal los. Und das möglichst schnell. Schneller als Bolt. Der Jamaikaner, unüberhörbarer Liebling der 50.000, ist im Ziel. Wieder mal als gefeierter Erster, es ist sein dritter Olympiasieg über die Distanz, ein Kapitel für die Ewigkeit. Tänzelndes Auslaufen, Jubelgesten Richtung Publikum, das Übliche. Umringt von Kameras macht er sich auf zur Ehrenrunde.

Das Bild des Abends soll erst noch kommen

Da ist Sascha Fromm unten im Graben schon unterwegs. Mit 15 Kilogramm Gepäck an den Schultern hält er den Vorsprung auf Bolt und steht fast genau unter ihm, als der Jamaikaner spontan auf die Brüstung steigt und die Hände in die Zuschauermenge reicht. Schon das ist ein außergewöhnlicher Augenblick, eine besondere Sicht auf den Star.

Die ist Fromm übrigens schon während des Rennens geglückt. Weil er von der Gegengerade fotografiert, laufen die Sprinter auf seinem Bild von rechts nach links. Ein frischer Blick. 99 Prozent aller 100-Meter-Lauf-Bilder zeigen die Läufer von vorn oder von links nach rechts – weil die Fotografen auf der Zieltribüne stehen. Es ist beim Fotografieren wie im Leben: Manchmal muss man die Dinge von der anderen Seite betrachten.

Doch das Bild des Abends soll erst noch kommen.

Weiter geht es auf der Ehrenrunde. Fromm, kamerabepackt, unten im Graben vornweg. Bolt, umjubelt, oben auf dem Tartan hinterher. Vom Fotografen da unten ahnt der Sprinterkönig nichts. Noch nicht. Doch dann kommt Fromm an eine Treppe, die hinaufführt zur Laufbahn. Instinktiv bleibt er stehen, weil er weiß, hier kommt Bolt jetzt gleich vorbei. Von unten sind nur noch eine Fernsehkamera und die Objektive dreier anderer Fotografen nach oben gerichtet.

Zwei von 40 Bildern einer Szene zeigen Bolt allein

Sascha Fromm drückt schon auf den Auslöser, als nur die leere Treppe zu sehen ist. Dutzende Bilder entstehen in den folgenden Sekunden. Schaut man sie sich auf seiner Kamera an, kann man wie im Daumenkino die Szene nachempfinden. Erst schiebt sich oben ein Kameramann ins Bild, der die Fernsehbilder aufnimmt, dann kommt ein Kabelträger, ein Fotograf, schließlich Bolt.

Der Kameramann passiert die Treppe und verschwindet rechts aus dem Blickfeld. Und plötzlich, er ist selbst schon fast vorbei, entdeckt Bolt die Fotografen unten an der Treppe. In einem Anflug von Gönnerhaftigkeit dreht er sich für einen Moment um, breitet die Arme aus und posiert ein, zwei Sekunden lang für die Männer in der Tiefe.

Von den rund 40 Bildern, die Sascha Fromm anschließend auf seiner Kamera von dieser Szene sichtet, findet er genau zwei, in denen außer Bolt kein Mensch weiter zu sehen ist. Kein Kameramann, kein Kabelträger, niemand. Am Abend des größten leichtathletischen Sportereignisses in einem tosenden Stadion mit tausenden Augen hat er ein Bild fotografiert, das wie eine Studioaufnahme wirkt. So, als sei der schnellste Mann der Welt nur für ihn da.

An einem Wettkampftag fotografiert Sascha Fromm bis zu 10.000 Bilder. Diese sichtet er mit dem Finger auf der Weiter-Taste des Laptops. Tak-tak-tak-tak-tak. In Bruchteilen von Sekunden filtert sein Auge jedes Bild. Das dauert fast ein Stunde. Danach bleiben etwa 700 bis 800 Fotos übrig.

Nach einer zweiten Prüfung hat er rund 150 Fotos ausgewählt, die er – sorgfältig beschriftet – in das Redaktionssystem schickt. Als ich am Morgen nach dem Bolt-Sieg aufstehe, ist Sascha Fromms Bett unberührt. Er hat, wieder einmal, die Nacht arbeitend im Pressezentrum verbracht. Mit 10.000 Fotos. Und einem Kunstwerk.

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