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01.03.10

Vancouver 2010

Olympia hat ARD und ZDF total überfordert

Die Öffentlich-Rechtlichen haben bei den olympischen Winterspielen die Stärken des Fernsehens herausgearbeitet – und noch mehr seine Schwächen. Sinnlose Beiträge gesellten sich zu gewollt witzigen Moderatoren, selten bewahrten die Berichte ein Mindestmaß an kritischer Distanz. Aber das lag wohl am "Olympiafieber".

Getty Images/Getty

Eishockey, Männer: Kanada

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Es gab Augenblicke, da kann niemand etwas falsch machen. Selbstläufer. Wie jener Höhepunkt der Spiele, als sich die Golden Girls des deutschen Wintersports im Studio der ARD die Ehre gaben. Biathletin Magdalena Neuner und Skirennläuferin Maria Riesch bringen eine Garantie für gute Quoten mit und für unverkrampftes Geplauder.

Dann brachte Michael Antwerpes das Millionenpublikum ein letztes Mal bei Olympia zum Staunen. Obwohl er zwei Wochen lang rhetorisch schon schlimmere Unfälle in seinem Studio verursacht hatte als alle Piloten auf der tückischen Bahn von Whistler mit dem Bob zusammen, gelang dem Moderator noch eine Steigerung: "Jetzt", sagte Antwerpes, "haben wir die besondere Ehre viermal Gold, zwei Damen und eine besondere Wirkung begrüßen zu dürfen – nämlich ein Olympiafieber."

Das Fernsehen hat bei den olympischen Winterspielen ganze Arbeit geleistet. Bei den stundenlangen täglichen Übertragungen haben ARD, ZDF aber auch Eurosport sauber herausgearbeitet, was sie können und, wie der kühl über Fieber halluzinierende Antwerpes, was nicht. Fernsehen ist da schonungslos: So wie es im Jubel und in der Tragik authentisch Gefühle überliefert, hüpfende Goldmedaillengewinner oder weinende Eisschnellläuferinnen, so unmittelbar deckt es Schwächen auf, Fehlbesetzungen, seine Oberflächlichkeit.

Das ZDF hat einen Minuten langen Beitrag gesendet, mit Hypothesen, warum in Sportarenen im Eisschnelllauf oder der Leichtathletik links herum gelaufen wird. Die Erklärung blieb es schuldig. So wie analytische Beiträge, warum im deutschen Wintersport die jungen Sportarten wie Freestyle-Ski oder Snowboarden vom Deutschen Olympischen Sportbund (und vom Fernsehen) vernachlässigt wurden, und warum Russland oder Finnland historisch schlecht waren.

Die öffentlich-rechtlichen Sender hat Olympia überfordert. Die gemeinsame Bilanz scheint zulässig, weil der Masse der Gebührenzahler ohnehin schleierhaft ist, warum ARD und ZDF teure Moderatoren-, Reporter- und Expertenteams nach Kanada fliegen müssen, um miteinander zu konkurrieren.

Fassungslos beobachtete die Nation etwa, dass die ARD tatsächlich ihren Wetterexperten Jörg Kachelmann vor Ort hatte, um Vorhersagen für Vancouver zu erstellen. Ungeschlagenen Nonsens der Spiele lieferte der Fachmann, der sonst zielsicher jedes Tief vorhersieht, als er seinen Schweizer Landsmann Simon Ammann zum Skisprunggold interviewte: Auf Schweizerdeutsch, ohne Untertitel, dabei beherrscht Ammann auch die Amtssprache der ARD dialektfrei.

Obwohl Norbert König die besseren Interviews führte, flog das ZDF noch Michael Steinbrecher ein, um den Gästen die Plüschbiber zu schenken. Auch fragten sich viele, ob Leute wie Sven Voss oder Katja Streso zum Üben extra nach Vancouver exportiert werden müssen.

ARD/ZDF haben viel Geld für die exklusiven Rechte bezahlt, sie hatten privilegierten Zugriff auf alle Stars. Doch sie scheitern an der Verpflichtung, sich journalistisch für Reportagen in Athleten hineinzuversetzen und doch gleichzeitig kritisch Distanz zu wahren. Begeistert lauschten die Fernsehzuschauer, wenn Bernd Schmelzer ihnen den Nervenkitzel auf den rasanten alpinen Talfahrten näher bringt oder Ralf Scholt die Schlitterpartien Anni Friesingers im Eisoval mit Fachkunde und Temperament begleitet, wenn Valeska Homburg charmant mit Dieter Thoma die Tücken des Skisprungs diskutiert.

Doch allzu viele Fernsehleute vergessen ihren beruflichen Auftrag zur kritischen Distanz wie der SWR-Mann Antwerpes, der sich einst live auf Sendung rekordverdächtig devot für den Dopingbericht eines ARD-Kollegen beim Deutschen Skiverband entschuldigte, obwohl ein Gericht später bescheinigte, die Verdachtsberichterstattung sei statthaft.

Während ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender einen Kampf für die Unabhängigkeit von Journalisten austrägt, scheinen sich seine Sportkollegen um Wolf-Dieter Poschmann oft widerwillig zu mühen, nicht den deutschen Medaillengewinnern live vor der Kamera allzu offensichtlich um den Hals zu fallen. Gemeinsame Interessen verbinden: Für Fernsehjournalisten stellen glanzvolle Olympiaauftritte wie für Sportler eine einzigartige Gelegenheit dar, den Marktwert in die Höhe zu treiben – für lukrative Nebentätigkeiten.

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