Ski-Langlauf
Polin nimmt Doping-Vorwurf gegen Björgen zurück
Justyna Kowalczyk vermied nach ihrem siegreichen Kopf-an-Kopf-Rennen über 30 Kilometer weitere Attacken gegen die Norwegerin Marit Björgen. Die polnische Skilangläuferin hatte der erfolgreichsten Starterin von Vancouver indirekt unterstellt, unerlaubte leistungssteigernde Präparate zu nehmen.
Von Jens Hungermann
Es gab dann doch noch einen Gänsehaut-Moment im Olympic Parc zu Whistler, und das lag nicht am kalten Regen, der ins Stadion niederfiel. Zwei Frauen bogen auf die Zielgerade ein, beide in roten Trikots, und beide gleichauf im Finale dieses 30-Kilometer-Langlaufrennens. Auf den Tribünen johlten fast 4000 Zuschauer, sie bekamen einen Showdown der Extraklasse zu sehen. Wäre es nicht so laut gewesen, man hätte Marit Björgen und Justyna Kowalczyk sicherlich laut keuchen hören, als sie sich nebeneinander mit kraftvollen Doppelstockschüben Richtung Ziellinie wuchteten, aufgedreht wie Duracell-Häschen.
Es ging um Zentimeter. In das Brausen und Tosen hinein schob Björgen ihren Fuß nur 0,3 Sekunden später als die Polin über die Ziellinie. Als Kowalczyk (27) beglückt zu Boden sank, gratulierte die Norwegerin ihr fair zum Sieg. Selbstverständlich war das nicht, zumal dieses Rennen zwei eigene Geschichten erzählte.
Die erste hat mit Marit Björgen (29) zu tun. Eine Erfolgsgeschichte ist es, an der die kleine Norwegerin mit den blitzend blauen Augen diese Winterspiele über selber eifrig schrieb. Mit drei Goldmedaillen (Sprint, Doppelverfolgung, Staffel) und einer bronzenen (10 km Freistil) hatte Björgen den inoffiziellen Titel der erfolgreichsten Teilnehmerin von Vancouver schon vor dem Abschlussrennen sicher. Die Frage war eben nur gewesen, ob die "Langlauf-Queen" ("Vancouver Sun") ihrem Repertoire noch eine weitere Goldmedaille zufügen würde, womit sie einen Platz unter den vier erfolgreichsten Teilnehmern bei einer Austragung der Spiele sicher gehabt hätte.
Der Ausgang ist also nun bekannt, doch Björgen grämte sich keineswegs. "Ich bin sehr glücklich. Heute war mein härtestes Rennen, und es war sehr knapp. Es ist schön, dass mich die Leute die olympische Königin nennen, aber ein solcher Titel ist nicht so wichtig für mich. Das Wichtigste ist, meine persönlichen Ziele zu erreichen, und bis jetzt ist es über alle Erwartungen hinausgegangen", sagte die Norwegerin. "Ich hatte den Traum, Gold zu holen bei diesen Spielen – und jetzt habe ich fünf Medaillen, davon drei goldene. Es wird eine Weile brauchen, bis ich das realisiert habe. Vielleicht, wenn ich die Rennen im norwegischen Fernsehen noch einmal sehen, begreife ich es."
Die zweite Geschichte dieses packenden 30-Kilometer-Rennens, das die Deutsche Evi Sachenbacher-Stehle auf dem hervorragenden vierten Platz hinter der Finnin Aino Kaisa Saarinen beendete, ist keine anrührende wie jene von der Hochbegabten aus Trondheim, die 2006 in Turin als multiple Favoritin infolge einer Bronchitis nur Silber gewinnen konnte. Die zweite Geschichte ist ein bisschen hässlich, und in ihr spielen Justyna Kowalczyk die Haupt- und Marit Björgen die Nebenrolle.
Gegenüber einem heimischen Medium hatte die Polin nach Björgens Sieg im Sprint Zweifel an deren Redlichkeit geäußert. Die Norwegerin nimmt – was bekannt und nicht weiter ungewöhnlich ist im Ausdauersport – seit Jahren mit Ausnahmegenehmigung Asthmamedikamente ein. "Ich muss mich damit abfinden, dass sie sehr krank ist, obwohl sie nicht danach aussieht", hatte die zweitplatzierte Kowalczyk via "Gazeta Wyborcza" geätzt. Sie sei traurig gewesen, weil sie sich "gesund und stark" gefühlt hatte und dennoch gegen "eine Kranke" verlor. Die Polin unterstellte ihrer Gegnerin indirekt, deren Medikamente wirkten leistungssteigernd. Pikanterie am Rande: 2005 brummte Kowalczyk eine halbjährige Dopingsperre ab.
Björgen, Norwegens bescheidene Königin der Loipe ("Für Norwegen bedeutet dieses Gold viel mehr als für mich"), reagierte zunächst pikiert, suchte jedoch keinen Streit. "Zunächst war ich ein bisschen enttäuscht, aber jetzt habe ich es abgehakt. Ich habe es nur über die Medien gehört, ich weiß gar nicht genau, was sie geäußert hat", sagte Björgen am Samstag über die lästernde Rivalin, und behauptete: "Ich bin glücklich für Kowalczyk."
Die Polin selber machte, möglicherweise milde geworden durch den eigenen Triumph, einen Teilrückzieher. "Es tut mir leid, es war kein guter Zeitpunkt für die Äußerung", sagte die einzige Goldmedaillengewinnerin ihres Landes. "Es war keine Attacke auf Marit Björgen. Sie ist eine großartige Athletin. Ich habe lediglich versucht zu sprechen über dieses Problem, das wir im Langlauf haben mit Asthma." Ob sie nun die Animositäten mit den Norwegern ad acta legen könne, wurde Kowalczyk noch gefragt – und wich aus: "Nun, es ist gut nach Europa zurückzukehren. Ich habe drei Medaillen hier gewonnen und das sind die Erinnerungen, mit denen ich abreisen werde."
Eines war ihr auf jeden Fall gelungen: Marit Björgens sagenhafte Erfolgsgeschichte um eine durchaus nicht uninteressante Frage zu bereichern: Was macht eine Skilangläuferin so stark, dass sie innerhalb von zwölf Tagen drei von fünf Rennen gegen die Weltelite gewinnen und in den anderen beiden Silber und Bronze holen kann?
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