Alpine Erfolge
Wolfgang Maier erklärt das deutsche Ski-Wunder
Die deutschen Alpinen haben schon drei Goldmedaillen bei den olympischen Winterspielen in Vancouver eingefahren. Mitverantwortlich dafür ist Sportdirektor Wolfgang Maier. Im Interview mit Morgenpost Online spricht der 49-Jährige über die Gründe für das überraschend starke Abschneiden und die Aussichten für die Zukunft.
Von Jens Hungermann
Seit 2006 ist der frühere Frauen-Cheftrainer Wolfgang Maier (49) Alpindirektor im Deutschen Skiverband (DSV). Unter seiner Federführung veränderte die vormals darbende Sparte einige Strukturen. Der Erfolg wird nun sichtbar: In den olympischen Alpinwettbewerben gewann Maria Riesch (25) am Freitag im Slalom ihre zweite Goldmedaille, Viktoria Rebensburg (20) holte sensationell Gold im Riesenslalom, zudem stellt der DSV zwei Weltmeister (Riesch/Slalom, Kathrin Hölzl/Riesenslalom). Was sich getan hat bei den Skirennläufern, und was ihm noch Sorge bereitet, erklärt Maier im Interview.
Morgenpost Online: 2006 in Turin gewannen die deutschen Skirennläufer keine einzige Medaille. Jetzt sind da plötzlich etwa vier Frauen und ein Mann, die je eine holen könnten. Was hat sich da getan im DSV, Herr Maier?
Wolfgang Maier: Augenblick! Man darf nicht vergessen: 2006 fehlten mit Maria Riesch und Hilde Gerg unsere beiden besten Läuferinnen, zu dem Zeitpunkt Dritte und Vierte im Gesamtweltcup. Somit waren unseren wirklichen Medaillengewinner nicht am Start. Wir hatten zwar akzeptable Ränge eingefahren, aber keine Medaille. Um aber für die Spiele 2010 vorbereitet zu sein bzw. die Möglichkeit einer schlagkräftigen Mannschaft zu erarbeiten, hatten wir bereits 2003 eine aggressive Umstellung bei den Frauen vorgenommen. Damals war ich noch Cheftrainer und holte Mathias Berthold als Trainer hinzu.
Morgenpost Online: Und dann...
Wolfgang Maier: ...uns war klar: Wenn wir zu diesem Zeitpunkt nicht den richtigen Schritt machen, fallen wir für viele Jahre in die Zweitklassigkeit zurück. Ich war extrem froh, dass man mir damals im DSV trotz Kritik den Rücken frei gehalten hat, als wir zwölf Frauen aus dem A- und B/C-Kader herausgenommen und ganz andere Förderkriterien angesetzt haben. Die Sportler sollen sich am Leistungsprinzip orientieren. Wer gut ist, wird dafür belohnt. Inzwischen hat sich aus unserer konsequenten Arbeit und dem Talent einiger junger Sportler eine sehr schlagkräftige, junge Mannschaft entwickelt. Darüber bin ich sehr froh und ein bisschen stolz darauf. Die Trainer leisten klasse Arbeit, und die Läufer akzeptieren, wie das Spiel gespielt wird. Für die Zukunft sehe ich, vor allem bei den Frauen, keine großen Probleme auf uns zukommen. Wir sind sicher nicht die Nation, die quantitativ herausragt – aber wir haben einzelne herausragende Leute.
Morgenpost Online: Werden die Jungen, die nachrücken – etwa die im Slalom auf Rang 14 platzierte Junioren-Weltmeisterin Christina Geiger –, nahtlos anknüpfen können?
Maier: Ob nahtlos oder nicht, ist schwer abzusehen. Wir können als Skiverband die Zeit bis zu möglichen Siegen überbrücken, indem wir zumindest an der Weltspitze mitfahren. Wir müssen nicht jedes Mal gewinnen, sollten uns aber permanent unter den besten Fünf oder Zehn sein. Ob dann eine Seriensiegerin darunter ist, steht auf einem anderen Blatt Papier.
Morgenpost Online: Wie sehr profitiert der Verband noch immer von den Erfolgen Maria Rieschs?
Maier: Die Frage ist immer: Wer profitiert von wem? Maria profitiert genau so vom DSV wie umgekehrt. Man hat sehr wohl die Förderkonzepte auch auf Personen wie sie zugeschnitten. Ich denke nicht, dass es ihr oder Felix Neureuther zum Beispiel an irgendetwas mangelt. Der DSV investiert sehr wohl in die richtigen Personen und erhält dafür etwas von seinen Athleten zurück. Unser Ziel war immer, eine Monostruktur Maria Riesch zu brechen – und zwar für sie, nicht gegen sie. Wenn es bei ihr mal nicht läuft, springt eine Hölzl, Rebensburg oder Susanne Riesch ein. So ist Maria nicht immer im Fokus. Das ist uns diesen Winter erstmals in einer gewissen Breite und Stabilität gelungen und entlastet auch Maria.
Morgenpost Online: Wie sehr schmerzt es sie da, dass die Männer in der Mehrheit der Weltspitze nach wie vor hinterherhinken?
Maier: Natürlich tut mir das weh. 2006 bin ich Alpindirektor geworden, ich war sicher, dass man die Männer in die richtige Richtung bringen konnte. Was ich nicht ahnte, war der tatsächliche Zustand des Teams. Der hat mich dann in der Praxis völlig überrascht. Wenn du glaubst, du änderst Athleten im Alter von 20 bis 25 Jahren innerhalb von zwei, drei Jahren völlig, dann liegst du leider etwas neben der Realität. Für uns gilt es, auch gegen Widerstände konsequent den Leistungsgedanken zu fördern. Bei den Männern hatten wir viele Jahre zu einfache Förderrichtlinien. Wir haben seit 2006 versucht, die Strukturen bereits bei den 12- bis 14-Jährigen nachhaltig zu verändern. In absehbarer Zeit werden nun aus dem System junge Leute kommen, die anders erzogen und ausgebildet sind. Die eine klare Ausrichtung auf den Leistungssport zeigen. Früher oder später sollten wir drei bis vier Männer haben, die in der Weltspitze mitfahren werden.
Morgenpost Online: Und wie zuversichtlich sind Sie, dass zuvor noch bei Felix Neureuther das Pendel zwischen Genie und Wahnsinn dauerhaft in die gewünschte Richtung ausschlägt?
Maier: Das Thema Neureuther ist für alle Beteiligten ein sehr schwieriges. Der Junge hat extrem viel Talent, gleichzeitig unterliegt er sehr vielen Einflüssen, welche man sehr oft gar nicht mitbekommt. In ihn setzt man extrem hohe Erwartungen, einfach, weil er der Sohn von Christian Neureuther und Rosi Mittermaier ist. Damit allein kämen viele ja nie zurecht. Felix ist ein äußerst sympathischer Sportler, eine sehr gewinnender junger Mann, und ich glaube, seine verzögerte Reife schreitet mit jedem Erfolg fort (schmunzelt) .
Lesen Sie am Samstag in der Tageszeitung "Die Welt", was Frank Wörndl, Silbermedaillen-Gewinner im Slalom 1988, Felix Neureuther bei Olympia zutraut.
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