20.02.13

Sporthilfe

Deutsche Sportler manipulieren aus Existenzangst

Die Deutsche Sporthilfe hat eine neue Studie zum Fehlverhalten von Spitzenathleten vorgestellt: 5,9 Prozent dopen nach eigenen Angaben regelmäßig – auch weil ihnen Existenzangst zu schaffen macht.

Foto: pa/dpa
Die deutsche Olympiamannschaft beim Einmarsch ins Londoner Stadion im Juli 2012. Viele Top-Sportler plagen Existenzängste
Die deutsche Olympiamannschaft beim Einmarsch ins Londoner Stadion im Juli 2012. Viele Top-Sportler plagen Existenzängste

Wo die Vorsilbe "dys" ins Spiel kommt, liegt für gewöhnlich etwas im Argen. Ganz bewusst hat die Stiftung Deutsche Sporthilfe daher zum dritten Mal nach 2010 und 2011 eine Studie in Auftrag gegeben, die sich mit dem Status quo des Leistungssportbetriebs hierzulande auseinandersetzt.

Der Titel diesmal lautet: "Dysfunktionen des Spitzensports: Doping, Match-Fixing und Gesundheitsgefährdungen aus Sicht von Bevölkerung und Athleten." Mittwoch wurde sie im Sportausschuss des Bundestages vorgestellt.

Welche Fehlentwicklungen ("Dysfunktionen") nimmt der Spitzensport? Und vor allem: warum? Beim Vergleich der Ergebnisse aus 2008 Telefoninterviews sowie Fragebögen von 1154 Sporthilfe-geförderten Athleten wird deutlich: "In einigen Teilbereichen wird die Wirklichkeit dunkler, in anderen heller gezeichnet, als sie tatsächlich ist", sagt Studienleiter Christoph Breuer von der Sporthochschule Köln.

Wie sieht es etwa mit der Bereitschaft der Deutschen aus, ihre Spitzensportler finanziell zu fördern? Erkennbar ist: Je mehr Athleten über gesundheitliche Risiken klagen, desto größer ist die Bereitschaft zu helfen – "eine Art Mitleidseffekt", nennt Breuer es. 40,5 Prozent der befragten Sportler geben ehrlich an, gesundheitliche Risiken bewusst in Kauf zu nehmen.

Doping als Phänomen wird nicht überbewertet

Je eher die Athleten aber zu einem Fehlverhalten wie Match-Fixing bereit sind, desto geringer ist die Förderbereitschaft. Dabei stellt Manipulation von Spiel- und Wettbewerbsergebnisse aus Breuers Sicht derzeit "das zentrale ökonomische Problem des Spitzensports" dar.

Interessant: Die Einnahme verbotener Substanzen spielt für die Bevölkerung in diesem Zusammenhang keine entscheidende Rolle. Vielmehr scheint sich die Mehrheit der Deutschen mit diesem Phänomen arrangiert zu haben.

Die Befragten glauben, dass 29 Prozent der deutschen Spitzensportler zu Dopingpräparaten greifen – von den Spitzensportlern selber gaben tatsächlich 5,9 Prozent ehrlich zu, regelmäßig Dopingpräparate zu nehmen.

Wer das als wenig empfindet, muss bedenken, dass die Dunkelziffer – jener Prozentsatz an befragten Sportlern also, die die Antwort offen ließen, aus welchen Gründen auch immer – bei 40,7 Prozent liegt. Die Mär vom ach-so-sauberen deutschen Spitzensport wird damit jedenfalls wieder einmal konterkariert. 8,7 Prozent der befragten deutschen Spitzensportler waren zudem nach eigenen Angaben schon einmal an einer Absprache über den Spiel- oder Wettkampfausgang beteiligt.

Irrtum über hohe Netto-Einnahmen

Die Sporthilfe fördert rund 3800 deutsche Sportler finanziell mit bis zu 1500 Euro monatlich. Vorstandchef Michael Ilgner sagt, es sei bei der Studie nicht bloß um eine Bestandsaufnahme gegangen, sondern auch darum "herauszufinden: Woher kommt das eigentlich?" Welches sind die Gründe für ein Fehlverhalten im Spitzensport?

Bemerkenswert: Während 57,7 Prozent der befragten Sportler "Existenzangst" als Grund angeben, glauben nur 12,7 Prozent der Bevölkerung, dass sie ein Grund ist. Möglicherweise ist dieser Eindruck geprägt von der (irrigen) Annahme, Spitzensportler verdienten sich mit Goldmedaillen stets auch eine goldene Nase.

600 Euro monatlich zum Leben

"Im Durchschnitt schätzten die befragten Personen das monatliche Nettoeinkommen eines deutschen Spitzensportlers auf 8844 Euro", heißt es im Bericht. Dass die Realität eine andere ist, hat die Sporthilfe allerdings vor drei Jahren, ebenfalls mit einer Studie durch Breuer, herausfinden lassen. Fazit: Vielen Sportlern bleiben monatlich trotz 60-, manchmal gar 80-Stunden-Woche lediglich 600 Euro zum Leben.

Auch "Druck aus dem Umfeld" (79,8 Prozent), "Streben nach Anerkennung" (69,8) und "Erfolgsdruck" (88,6) nennen die mehr als 1000 befragten Athleten als Gründe für Fehlverhalten im Spitzensport. Aus Sicht der Bevölkerung spielen diese Faktoren hingegen jeweils eine deutlich geringere Rolle.

Neues Förderkonzept vor Rio 2016

Sein Förderkonzept hat die Deutsche Sporthilfe vor den Sommerspielen in Rio de Janeiro 2016 bereits angepasst. Es ist ein laufender Prozess. Es gehe darum, geförderten Sportlern zu vermitteln, "dass eben nicht alles aus ist, wenn sie nicht Gold holen" am Wettkampftag X, erklärt Ilgner.

Der Vorstandschef sagt: "Wir wollen Leistung, ja – aber nicht Erfolg um jeden Preis. Es geht darum, den Druck nicht unnötig zu verschärfen. Gleichzeitig dürfen wir uns nicht davor verschließen, dass Leistungsdruck ein Grundbaustein von Leistungssport ist."

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