28.08.12

Hoher Schaden

Böser Kater nach der Goldparty auf der MS Deutschland

Die deutschen Hockey-Männer feierte nach ihrem Olympia-Gold eine wilde Party. Jetzt fordert die Reederei der MS Deutschland 500.000 Euro.

Foto: DPA
London 2012 - Hockey - Deutschland
Die Hockey-Olympiasieger feiern ihren Final-Triumph über den Erzrivalen Niederlande

Am Morgen danach ging Martin Seeber noch einmal auf das Kasinodeck der MS Deutschland. Keine sechs Stunden waren vergangen, seit die deutschen Hockey-Nationalspieler nach ihrer Goldparty von Bord gegangen und ins olympische Dorf zurückgefahren waren. Es war die heftigste Feier einer deutschen Medaille bei diesen Spielen. Der Schnaps war in Strömen geflossen nach dem Finalsieg über den Erzrivalen Niederlande (2:1), es war geraucht und auf den Tischen getanzt worden, bis die Alkoholvorräte zur Neige gingen. Das Casino des Fünf-Sterne-Luxusliners sah aus wie ein Schlachtfeld aus leeren Flaschen und vollen Aschenbechern, als kurz vor vier Uhr die Musik ausging.

"Zehn Uhr saßen da wieder Gäste und haben ganz normal gefrühstückt", wundert sich der Geschäftsführer der Agentur Top Sportevents, der am Montag aus allen Wolken fiel, als er von der Schadenersatzforderung der Reederei Deilmann erfuhr. Gemeinsam mit den Besitzern der MS Deutschland und dem Reiseveranstalter Dertour, der das Kreuzfahrtschiff während der Spiele gemietet hatte, begutachtete Seeber die Spuren der Feier: "Ich habe nicht mehr gesehen als geringe Schäden. Da war keinerlei Einschränkung zu erkennen." Zur Mittagszeit hätte das übliche Olympiaprogramm an Bord begonnen. Trotzdem soll sich der Schaden auf rund eine halbe Million Euro belaufen. "Es war klar, dass eine Forderung kommen würde", sagt Seeber: "Aber deren Höhe war bisher unklar."

Hauptgrund für die hohe Summe

Der Hauptgrund für die hohe Summe seien die Schäden an Teppichen und Polstermöbeln sagt Reederei-Sprecherin Kornelia Kneissl: "Die können wir nun mal schlecht im laufenden Betrieb austauschen. Dafür muss das Schiff in die Werft." Ein solcher Liegetag des Dampfers, der sonst regelmäßig als Kulisse für die ZDF-Schnulze "Das Traumschiff" dient, kostet die Reederei eine hohe fünfstellige Summe, weil an diesen Tagen die Einnahmen durch Passagiere (Durchschnittspreis für eine Kreuzfahrt auf der MS Deutschland: 400 Euro pro Person) wegfallen.

Normalerweise ist das Schiff nonstop in Nord- und Ostsee, in den kälteren Monaten auch im Mittelmeer und rund um Afrika unterwegs. Nun muss es noch in diesem Jahr für fünf bis sechs Tage in die Werft nach Bremerhaven, hochgerechnet ergibt das schnell eine Summe von etwa einer halben Million Euro. Die Reederei habe die Vertragspartner vorwarnen wollen, damit die sich mit ihren Versicherungen absprechen können, erklärt Kneissl die Rechnung.

Dass Martin Seeber bei seiner morgendlichen Erkundigungstour kaum Schäden entdecken konnte, wundert sie nicht. In einer Art Nachtschicht seien die gröbsten Zerstörungen der etwa 350 Gäste beseitigt worden, unter anderem seien ein zerbrochenes Deckenmosaik aus Glas wieder zusammengesetzt und bestimmte Polstergarnituren einshampooniert worden, es handle sich schließlich um ein Fünf-Sterne-Luxusschiff. Die Schäden an Teppichen und den Möbeln, die just im Mai 2011 aufwendig restauriert worden waren, ließen sich jedoch nicht so schnell korrigieren. Ursprünglich soll die veranschlagte Reparatursumme sogar noch höher gewesen sein, die Rede ist von einem "hohen sechs-, vielleicht sogar siebenstelligen" Betrag. Doch die bei der Feier beschädigte Teakholz-Verkleidung habe sich auch während der Fahrt abschleifen lassen, die Kalkulation habe sich daher als zu üppig erwiesen.

Spieler zunehmend sauer

Nicht nur Martin Seeber findet auch die 500.000 Euro noch zu viel. "Unrealistisch" sei das, schimpft er. Offiziell ist zwar der Reiseveranstalter Dertour der Mieter der MS Deutschland während der Olympischen Spiele gewesen. Zu besagter Party hatte jedoch Seebers Agentur eingeladen, sie könnte somit als Gastgeber haftbar gemacht werden. Die Berliner jedoch sehen vielmehr den Deutschen Hockey-Bund (DHB) und Dertour als Mieter des Dampfers in der Pflicht.

Den DHB in Mönchengladbach hatte bis Dienstag allerdings weder ein Schreiben noch ein Anruf mit einer Schadenersatzforderung erreicht. "Wir sehen uns in keiner rechtlichen Verantwortung", heißt es in einer Mitteilung: "Uns liegen noch keinerlei Anforderungen der Reederei vor." Stattdessen seien die Spieler zunehmend sauer, dass ihr sportlicher Erfolg von einer entgleisten Party überlagert wird. Mehr wolle der Verband nicht sagen, aus Rücksicht auf eine mögliche juristische Fortsetzung des Falles. Das Ärgernis einer durchzechten Nacht droht zu einer handfesten gerichtlichen Auseinandersetzung zu werden.

Nach Informationen von Morgenpost Online existiert ein Schriftstück, in dem der DHB der Reederei zusichert, für die entstandenen Schäden aufzukommen. Es ist am Morgen nach der Feier aufgesetzt und an die entsprechenden Stellen weitergeleitet worden. Etwa zur gleichen Zeit entschuldigten sich Spieler und Verbandsvertreter bei Kapitän Andreas Greulich, der die Vorkommnisse als "Kleinkram" abtat und den Olympiasiegern vergab. Schließlich sei seine Crew stolz darauf, wenige Tage darauf mit ihnen zurück nach Deutschland zu schippern.

Offensichtlich gingen auch die Verbandsvertreter von einem geringen finanziellen Schaden aus. Der Etat des DHB liegt bei gut zwei Millionen Euro im Jahr. Die Agentur Top Sportevents bedankte sich nach der Schlussfeier überschwänglich bei allen Sponsoren, ohne die das Projekt mit einem Volumen von 1,5 Millionen Euro nicht zu stemmen gewesen wäre. Auf beide rollt nun eine gewaltige Geldforderung zu, die ihre finanziellen Möglichkeiten bei weitem übersteigt. Eine juristische Fortsetzung scheint unausweichlich, zumal sich die einzelnen Beschädigungen aus verschiedenen Gründen nicht mehr rekonstruieren lassen.

Die Reederei hat derweil Anfragen vorliegen, die MS Deutschland zu den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi und 2016 in Rio als Anlaufpunkt für deutsche Medaillengewinner zu schicken. In dieser Sache, so heißt es, sei aber noch keine endgültige Entscheidung gefallen.

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