15.08.12

Für das Wir-Gefühl

Diskussion um die Hymne spaltet den Sport

Die Olympiahelden von London begreifen nicht, warum die deutschen Fußball-Nationalspieler stumm bleiben. "Das entfacht ein Wir-Gefühl", sagt Eric Johannesen, Goldmedaillengewinner im Achter.

Foto: DAPD
Deutschland - Argentinien
Während Marco Reus (M.) und Holger Badstuber (r.) die Hymne vor dem Argentinien-Spiel singen, schweigen Mesut Özil, Jerome Boateng und Sami Khedira (v.l.)

Es war mitreißend und bewegend zugleich, die strahlenden Gesichter der deutschen Hockeyspieler zu sehen. Das olympische Finale hatten sie gegen die Niederlande gewonnen, und nun spielten sie Doppelpass mit August Heinrich Hoffmann von Fallersleben und Joseph Haydn. Einigkeit und Recht und Freiheit, dieser schwarz-rot-goldene Ohrwurm, krönte ein Spiel, das mit der Goldmedaille belohnt wurde. Und sie, die Spieler, wurden zu einem Vorbild für die Fischer-Chöre.

Nur wenige Tage später, die Helden des blauen Kunstrasens von London feiern ihren Olympiasieg auf der "MS Deutschland", einige meinen, die Hymne bereits in Hamburg zu hören, Seemeile für Seemeile ein bisschen lauter, da platzt in Frankfurt am Main dem deutschen Fußball-Nationalspieler Sami Khedira bei einer Pressekonferenz der Kragen.

Er habe die Kritik am Ausscheiden bei der Europameisterschaft verfolgt. Das sei schon alles ganz schön hart gewesen. Und: Nein, also, er werde auch künftig nicht die Nationalhymne singen, auch wenn ganz Deutschland der Meinung sei, Fratelli d'Italia, die schwungvolle Hymne ihrer EM-Halbfinalgegner habe die Italiener zum Sieg getragen. Und genau das tat Khedira dann auch vor Deutschlands Duell mit Argentinien am Mittwochabend in Frankfurt/Main: Er blieb stumm, so wie Mesut Özil und Jerome Boateng.

Eine große Ehre

Auf dem "Traumschiff" reagieren die Olympiasieger derweil verwundert über die Hymnendiskussion rund um das Fußballteam, das es ja – Achtung, Seitenhieb – leider nicht bis London geschafft hatte.

Tobias Hauke, der schon 195 Länderspiele für die Hockey-Nationalmannschaft absolviert hat, singt jedenfalls immer mit, behauptet er: "Das ist der Moment, in dem mir noch mal klar wird, für wen ich spiele – und was für eine große Ehre es ist, für Deutschland anzutreten. In der Mannschaft ist das auch noch nie ein Diskussionsthema gewesen, meines Wissens singen alle mit."

Das Startsignal

Bei Großveranstaltungen wie den Olympischen Spielen sei auch der Motivationsschub nicht zu unterschätzen: "Da müssen wir uns voll fokussieren, um Erfolg zu haben. Und die Hymne ist für viele das Startsignal dazu", glaubt Hauke und wird dabei unterstützt vom Ruderer Eric Johannesen. Er hatte Gold mit dem Achter gewonnen und anschließend gesungen.

"Das gehört für mich einfach dazu. Das entfacht ein Wir-Gefühl und zeigt nach innen und außen unsere Zugehörigkeit zu Deutschland noch mal ganz besonders", sagt Johannesen. "Die Italiener singen übrigens auch beim Rudern immer besonders laut – das ist schon beeindruckend, und da müssen wir auch akustisch mithalten."

"Beim DFB gibt es keine Hymnenpflicht"

"Beim DFB gibt es keine Hymnenpflicht", entgegnet Bundestrainer Joachim Löw und betont, er "akzeptiere und respektiere", wenn gerade Spieler mit Migrationshintergrund auf ein Mitsingen verzichteten: "Ich finde es fatal, wenn den Spielern unterschwellig dann gar der Vorwurf gemacht wird, dass sie keine guten Deutschen seien. Die Hymne zu singen, ist wunderschön. Aber das ist kein Beleg für Qualität und Willen der Mannschaft."

Für Hauke nur wenig nachvollziehbar. "Ich würde mir im Fußball auf jeden Fall wünschen, dass alle Nationalspieler mit so viel Stolz wie wir dabei sind", sagt er. Wie zum Beispiel sein Mannschaftskollege Moritz Fürste. Der sagt: "Es steht außer jeder Diskussion, dass ich die Hymne mitsinge. Ich freue mich einfach immer, wenn sie gespielt wird. Ich singe auch bei Fußball-Länderspielen vor dem Fernseher die Hymne mit."

Sami Khedira hält das Thema für "künstlich aufgebauscht. 2009 wurden wir mit der U 21 Europameister, und da waren acht Spieler mit Migrationshintergrund dabei. Da wurden wir gelobt und die Hymnen waren überhaupt kein Thema. Du wird kein guter Deutscher, indem du die Hymne mitsingst. Ein guter Deutscher wirst du, wenn du die Sprache gut sprichst und die Werte lebst. Und das ist bei uns allen der Fall".

Buffon machte es vor

Dabei geht es in der Diskussion nicht um gute oder nicht so gute Deutsche. Vielmehr ging es darum, wie der Torhüter Gianluigi Buffon die italienische Hymne sang und dadurch schon vor dem Spiel keinen Zweifel daran ließ, dass er diese Partie gewinnen will.

So jedenfalls sieht es auch die Hockey-Nationalspielerin Janne Müller-Wieland, sie sagt: "Wir singen alle die Hymne mit. Das ist selbstverständlich für uns. Je wichtiger das Spiel ist, desto lauter singen wir. Du konzentrierst dich bei der Hymne noch einmal auf das bevorstehende Spiel und motivierst sich noch einmal."

Von Fallersleben, Haydn und ein ganz besonderes Wir-Gefühl.

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