Kommentar
Deutsche Sportler werden zu Geiseln Olympias
Vom Deutschen Olympischen Sportbund werden die Athleten regelrecht geknebelt, im Auftrag Olympias, meint Hajo Schumacher. Ein Kommentar.
So, nun ist er vorbei, der Sportsommer, den die kickenden Millionarios mit der EM eröffneten und überwiegend gering verdienende Olympioniken beendeten. Nur im Investmentbanking klaffen Leistung und Bezahlung derart auseinander wie im Spitzensport. Und Olympia ist ein besonders erschreckendes Beispiel: Hier der Konzern IOC mit seinen geheimen Milliardenströmen, dort Kanuten, Schützen, Bahnradfahrer, Leichtathleten, die mit Almosen abgespeist werden dafür, dass sie jenes Programm liefern, das weltweit verkauft und vermarktet wird. Dieses Olympia zwischen Moneten und Mindestlohn repräsentiert keiner so elegant wie Thomas Bach. Als DOSB-Chef gibt Bach den Athleten-Kümmerer, als IOC-Funktionär sorgt er dafür, dass sich Sportler dem Regime der Geldgeber unterwerfen.
"Im Fokus aller Überlegungen stehen Athletinnen und Athleten sowie deren Betreuer", heißt es in den Regeln des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), den Sportlern wolle man "optimale Rahmenbedingungen" verschaffen. Schön gesagt, leider falsch. Denn ausgerechnet vom DOSB werden die Athleten regelrecht geknebelt, im Auftrag Olympias. Als Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ist Thomas Bach zugleich Mitglied der mächtigen Kommissionen für Marketing und Fernsehrechte, wo die Pipelines mit Fernseh- und Sponsorengeld enden. Und deren Interessen werden im Namen der fünf Ringe erbittert verteidigt, vor allem auf Kosten der Sportler. So werden Förderer der Athleten, etwa aus deren Region, erbittert bekämpft.
Nett im Ton, aber knallhart in der Sache knebelt ein 20-seitiger Leitfaden des DOSB für "den Umgang mit PR und Werbung" die Sportler gnadenlos, auch über das Ende der Spiele hinaus. Ein Gewitter an Verboten und Vorschriften, das vor keinem deutschen Gericht Bestand hätte.
Wer auf einem Formblatt nicht per Unterschrift auf einige seiner Grundrechte verzichtet, darf gar nicht erst mitmachen. So heißt es im DOSB-Leitfaden: "Grundsätzlich gilt, dass jeder Olympiateilnehmer sich mit Unterzeichnung der "Eligibility"-Erklärung verpflichtet, dass seine/ihre Person, sein/ihr Bild, sein/ihr Name oder sein/ihr Erfolg während der Spiele zu Werbezwecken nicht von Nicht-Olympia-Sponsoren verwendet werden darf." Wie aber sollen Judoka, Bahnradfahrer oder Kanuten, die nur wenige Tage im Licht der Öffentlichkeit stehen, ein paar Euro dazu verdienen, wenn praktisch ein generelles Werbeverbot besteht? Eine Gratulationsanzeige des heimischen Sponsors wäre schon untersagt.
Werbeverbot gilt quasi lebenslänglich
Dieser Vertrag macht Sportler zu Geiseln Olympias. Und steht prototypisch für ein deutsches Sportsystem, wo Intransparenz ein trübes Milieu schafft, in dem Funktionäre wie Bach, aber auch Verbandsfürsten und Rechtehökerer ungestört ihre Interessen verfolgen. Dass das Bundesinnenministerium die Zielvereinbarungen für die Athletenförderung geheim hält, verstärkt den Eindruck der Dunkelzone noch.
Leidtragende sind ausgerechnet die, die die Show liefern - die Athleten. Zumal das Werbeverbot quasi lebenslänglich gilt. So heißt es im Leitfaden: "Auch nach Ende der Olympischen Spiele dürfen Bilder mit folgenden Inhalten zu keiner Zeit werblich genutzt werden: Medaillen der Olympischen Spiele, wenn die Olympischen Ringe, die Logos, oder die Bezeichnungen der betreffenden Olympischen Spiele sichtbar sind. Wettkampfbilder, die Logos oder Bezeichnungen der Olympischen Spiele beinhalten." Was aber ist ein Olympiasieg wert, wenn eine seit Jahren sponsernde Bankfiliale ihren Sportler nicht mal bei der Siegerehrung herzeigen darf, sobald die Ringe im Bild sind?
Wie rührend der DOSB sich um die Interessen von Sponsoren und TV-Stationen bedient, zeigen auch die Regeln für den Internet-Auftritt der Athleten. Wer ein Olympia-Tagebuch schreibt, muss dafür sorgen, dass jede andere Seite des eigenen Online-Angebots frei ist von Sponsoren-Logos. "Es ist strikt verboten, bei Internet-Aktivitäten oder öffentlichen Tagebucheinträgen in irgendeiner Art für eine Marke, ein Produkt oder eine Dienstleistung zu werben", warnt der DOSB. Selbst Hinweise auf Mäzene, die womöglich über Jahre den Aufstieg eines Athleten gefördert haben, müssen entfernt werden. Für wen schafft der DOSB hier "optimale Rahmenbedingungen"?
Ähnlich restriktiv sind auch die Bekleidungsvorschriften abgefasst. Jegliche Logos außer den offiziellen sind verboten, auch wenn der Athlet vom olympischen Ausrüstervertrag gar nicht profitiert. Eigene Sponsoren müssen dagegen überklebt werden. Wie aber sollen gerade Athleten in Randsportarten das kostspielige und riskante Abenteuer Olympia finanzieren, wenn ihre wenigen Einnahmequellen verstopft wird?
Damit auch kein Schlupfloch bleibt, kümmert sich der Leitfaden um alle Details: "Hinweise auf Herstellermarken und Sponsoren sind ebenfalls auf dem Körper (Tattoos), auf Kontaktlinsen, auf Brillengläsern, auf Zahnschutz und auf Trinkflaschen strengstens verboten! Zu den Verboten eines werblichen Auftritts gehört auch jegliche Form von offensichtlicher oder versteckter Anspielung auf den persönlichen Sponsor (z. B. Schriftart, Unternehmensfarbe etc.)"
Und was passiert bei einem Verstoß? Da sind IOC und DOSB wenig zimperlich: "Der zuwiderhandelnden Person drohen im schlimmsten Fall die Disqualifikation, der Entzug der Akkreditierung und eventuell weitere Sanktionen wie z. B. eine Geldstrafe." Der Vollzeitjob Leistungssport wird mit solchen Knebelverträgen für die vielen Ich-AGs immer schwerer zu finanzieren. Was Wunder, dass viele junge Menschen sich gegen das Risiko Leistungssport entscheiden.
















