12.08.12

Olympia in London

Das war richtig groß, Britannien!

Die Olympischen Spiele gehen zu Ende. Sie waren ein Erfolg und veränderten das Land. Britische Segler, Radfahrer und Ruderer gelten als Pioniere der erfolgreichen systematischen Förderung.

Foto: REUTERS
Farah
Mo Farah wurde in London Olympiasieger über die 5000 und 10.000 Meter

Es war ein britischer Sommerabend, mild mit gelegentlichen Schauern, als die Olympischen Spiele ihren Groove bekamen und Lord Sebastian Coe eine bemerkenswerte Ansprache hielt. In den Jahren, Monaten, Wochen und sogar noch Tagen zuvor hatte es Unkenrufe gegeben. London benötige diese Spiele nicht, London wolle diese Spiele nicht, London könne diese Spiele nicht. Coe, früher Mittelstreckenläufer, jetzt Organisationschef, hatte das nie geglaubt.

Neigung zum Pathos

Gegen Ende einer schillernden Eröffnungsfeier stand er vor einer saftig grünen Hügellandschaft mit den Fahnen aller Teilnehmernationen und sagte: "Für uns, für jeden Briten, gilt wie für jeden Wettkämpfer: Das ist unsere Zeit. Und eines Tages werden wir unseren Kindern und Enkeln erzählen: Als unsere Zeit kam, haben wir es richtig gemacht."

Zwei frenetische Wochen später gehen die XXX. Sommerspiele zu Ende. Nach vielen Emotionen und viel Adrenalin, nach wenig Schlaf und Rast gibt es immer eine gewisse Neigung zum Pathos, und so werden heute noch einmal große Worte fallen.

Es wird heißen, dass diese Spiele ein Land verändert haben und vielleicht sogar ein bisschen die Welt. Das wird vielleicht ein bisschen übertrieben sein. Aber eines lässt sich doch auf jeden Fall festhalten: Richtig gemacht, ja, das haben sie es.

Zehn Millionen Zuschauer

Die Briten haben ihre unvergleichliche Sportbegeisterung gezeigt: Rund zehn Millionen Zuschauer werden in der Endabrechnung die Wettbewerbe gesehen haben – einsamer Rekord. Bis zuletzt standen Fans die ganze Nacht für Resttickets an.

Nach einer aktuellen Umfrage des "Guardian" finden 55 Prozent der Bevölkerung, angesprochen auf die horrenden Kosten von 9,3 Milliarden Pfund (zwölf Milliarden Euro) an öffentlichen Geldern: Das war es wert.

Mehr denn je galt dies wohl voriges Wochenende, als mit sechs Goldmedaillen allein am Samstag "das 'Groß' zurück nach 'Britannien' kam", wie der "Daily Telegraph" jubilierte. Angesichts der imposanten Ausbeute – bis gestern Nachmittag 26-mal Gold und 59 Medaillen insgesamt – erscheint es unvorstellbar, dass Großbritannien noch 1996 mit nur einer Goldmedaille von den Spielen aus Atlanta nach Hause kam.

Systematische Förderung

1996 war die Stunde null für den olympischen Sport im Vereinten Königreich. Damals, lange bevor London 2005 den Zuschlag für die Ausrichtung bekam, wurde mit der systematischen Förderung begonnen, die für die Heimspiele dann nur noch intensiviert werden musste.

"No Compromise", lautete dabei das martialische Schlagwort der Regierungsagentur UK Sport: Nur wer sich 100 Prozent professionell verhalte und die entsprechenden Ergebnisse vorweise, könne mit Unterstützung rechnen.

Dass der britische Goldrausch von Ruderern und Radfahrern in Gang gebracht wurde, war dabei kein Zufall. Zusammen mit den Seglern gehören sie zu den Pionieren des Erfolgsmodells.

"Mehr Geld brauchen wir nicht"

Im laufenden Jahr investiert UK Sport in etwa den gleichen Betrag in den Spitzensport (111 Mio. Pfund) wie in Deutschland das Innenministerium (rund 150 Mio. Euro). Dabei fällt jedoch der Anteil für die Winterdisziplinen nur marginal aus, und auch im Sommer wird stärker gestaffelt.

Das erklärt, warum der deutsche Bahnradsportler Maximilian Levy für seinen Sport sagen kann: "In der Förderung sind wir hoffnungslos unterlegen." Im abgelaufenen Olympiazyklus hatten die Briten an ihrem Leistungszentrum in Manchester rund 36.Millionen Euro zur Verfügung.

Dave Brailsford sagt daher, was von einem Sportmanager so auch nicht alle Tage zu hören ist: "Mehr Geld brauchen wir nicht." Der Waliser ist der Stratege sowohl hinter Bradley Wiggins' Tour-de-France-Sieg als auch hinter der Goldjagd im Velodrom.

Er entwarf die Philosophie der "marginalen Zugewinne", er heuert Trainer, Psychologen und Materialforscher an, sorgt für Wissenstransfer und reibungslose Abläufe. Und notfalls wird er auch mal laut.

Als die Resultate im Herbst nicht stimmten, verpasste er seinen Fahrern einen amtlichen Einlauf. Fortan drehten sie schon 7.30 Uhr am Morgen ihre Trainingsrunden.

"Wir reden hier über einen olympischen Sport, in dem nicht viel getan wurde, und du kippst dieses ganze Geld da rein", sagt er: "Das macht einen entscheidenden Unterschied. Über 14 Jahre müsstest du unfassbar dämlich sein, um damit keinen Erfolg zu haben."

Obwohl der Radsport-Weltverband mit einigen Regeländerungen die Dominanz einer einzelnen Nation zu verhindern versuchte, räumten die Briten wie schon 2008 in Peking sieben der zehn Goldmedaillen auf der Bahn ab. "Unser Job jetzt ist, es noch mal besser zu machen", sagt Brailsford. "Dein Ausgangspunkt muss sein: Lass uns beim nächsten Mal rausgehen und alle zehn gewinnen."

40 Millionen Pfund stehen auf der Kippe

Wenn in der britischen Öffentlichkeit dieser Tage viel über das Erbe dieser Spiele gesprochen wird, dann spielt dabei auch das Geld eine Rolle. Bis 2014 bleibt das Investitionsvolumen von UK Sport gesichert.

Danach stehen rund 40 Millionen Pfund, die aus dem Finanzministerium kommen (der Rest sind Lotteriegelder), auf der Kippe. Ob Britannien auch künftig Rang drei des Medaillenspiegels belegen kann, ist fraglich. Die Vergangenheit zeigt allerdings, siehe Südkorea oder Australien, dass Ausrichternationen noch lange von dem Sportboom durch Olympia profitieren.

Fairness und Perspektive

"Eine Generation zu inspirieren", lautete das Postulat dieser Spiele. Wie die Umfragen zeigen, war die Begeisterung unter Jugendlichen und Kindern am größten. Sie bekamen eine Palette heimischer Vorbilder präsentiert, von Ruderern und Seglern aus den Privatschulen bis zu Aufsteigergeschichten wie der von Jessica Ennis und Boxerin Nicola Adams oder dem tapferen Somalia-Flüchtling Mo Farah.

Bei allem nationalen Stolz über ihren Beitrag haben die Briten dabei stets Fairness und Perspektive bewahrt. Als Coe kürzlich gefragt wurde, was für ihn der herausragende Moment dieser Spiele gewesen sei, nannte er nicht Ennis oder Sir Chris Hoy, auch nicht die Eröffnungsfeier.

Coe, ganz der alte Mittelstreckenläufer, nannte den Weltrekord über 800 Meter von David Rudisha. Eines Kenianers. Sebastian Coe wird davon noch seinen Kindern und Enkeln erzählen.

Foto: REUTERS

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