10.08.12

Medaillenausbeute

Die realitätsfremden deutschen Olympia-Ziele

Ein Gerichtsurteil zwingt das Innenministerium zur Offenlegung der Olympia-Zielvereinbarungen zwischen dem DOSB und den Fachverbänden: Sie sind fernab jeder Realität formuliert.

Foto: DPA
Christian Ahlmann
Bis hierhin und nicht weiter: Springreiter Christian Ahlmann kommt nicht über die Hürde, weil Codex One den Sprung verweigert

Das Angebot kann sich sehen lassen. Für die Rückreise aus London hat der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) seinen Athleten eine Schiffsreise mit der "MS Deutschland" angeboten, am Mittwochvormittag soll es dann im Hamburger Hafen eine große Willkommensparty für die Helden dieser Sommerspiele geben.

Es ist davon auszugehen, dass es in den zwei Tagen auf See kräftig gefeiert wird. Immerhin hat die deutsche Olympiamannschaft mit 42 gewonnen Medaillen das Ergebnis von 2008 (41) sogar schon leicht übertroffen – allerdings mit einem geringeren Goldanteil (16 in Peking, diesmal bisher zehn). Und die Hockey-Männer haben als Finalisten mindestens Silber sicher.

Beckenschwimmer blieben ohne Medaille

Der seit der Wiedervereinigung stete Abwärtstrend wäre damit erstmals gebremst. Um so mehr verwundert die Vehemenz, mit der sich nun in eine Strukturdebatte über die hiesige Sportförderung gestürzt wird. "Dass Weltspitzenniveau nicht mehr für die Preise aus den 90er-Jahren zu haben ist, muss allen klar sein", meldete sich Antje Buschschulte, die ehemalige Schwimmweltmeisterin, zu Wort – ihre Nachfolger waren im Aquatics Centre erstmals seit 80 Jahren ohne Medaille geblieben. "Im Vergleich mit den Strukturen in den anderen westeuropäischen Ländern sind wir Amateure. Da haben wir einen Standortnachteil", klagte der Säbelfechter Nicolas Limbach.

Und es mosern nicht nur Frustrierte. So fordert auch Kanute Sebastian Brendel, der Gold im Einercanadier gewann, größere finanzielle Unterstützung ein. "In den meisten Sportarten geht es nicht, ohne dass du Profi bist. Sonst kannst du nicht in der Weltspitze mithalten", sagte der Potsdamer. Dabei ist der Wettbewerbsdruck im Kanurennsport noch deutlich geringer als im Schwimmen, wo viermal mehr Nationen Olympiastarter stellen.

Die Stiftung Deutsche Sporthilfe, die den Olympiasiegern auch diesmal eine Prämie von 15.000 Euro zahlt, hat errechnet, dass die 4000 von ihr geförderten Athleten im Schnitt 626 Euro netto im Monat verdienen, und das bei bis zu 60 Stunden Aufwand pro Woche und 124 Tagen Reisetätigkeit im Jahr.

Goldprämien bis zu 200.000 Euro?

Kein Wunder also, dass alle bis auf wenige, mit Sponsorverträgen ausgestattete Stars nach mehr Geld schreien? Der Sportökonom Eike Emrich, früher selbst Leichtathletikfunktionär, schlägt sogar Goldprämien bis zu 200.00 Euro vor. "Unsere Gesellschaft sozialisiert den Imagegewinn durch sportliche Erfolge, belässt das Risiko aber beim Athleten", sagt er der "FAZ".

Michael Vesper jedenfalls dürfte bereuen, dass er dem erwartbaren Diskurs selbst eine monetäre Richtung vorgegeben hat. Sechs Millionen Euro pro Jahr würde der Sport mehr benötigen, um das Niveau zu halten, hatte der DOSB-Generalsekretär vorgerechnet.

Rund 33 von insgesamt 131 Millionen Euro werden bisher jährlich an die Sportfachverbände verteilt, auch auf Grundlage von Zielvereinbarungen, in denen der DOSB angestrebte Medaillengewinne bei Olympischen Spielen festlegt.

Bislang galten diese als Verschlusssache, obwohl es darin um Steuergelder geht. Doch nun musste sie das Bundesinnenministerium (BMI) veröffentlichen, nachdem das Verwaltungsgericht Berlin der Klage eines "WAZ"-Journalisten stattgab und dem BMI ein 10.000 Euro Zwangsgeld androhte. Die fernab jeder Realität formulierten Zielvorgaben – gefordert wurden insgesamt 86 Medaillen, 28 aus Gold – verwundern, nur zwei Sportverbände konnten sie erfüllen.

Neue Transparenz sorgt für Strukturdebatte

"Dies als konkrete Medaillenplanwirtschaft zu interpretieren, wäre naiv. Jeder, der sich im Sport auskennt, weiß, dass sich erfahrungsgemäß nur ein Teil der Jahre zuvor identifizieren Medaillenchancen realisieren lässt", sagte Vesper dazu.

"Das waren keine Vorgaben, sondern Vereinbarungen, die wir vor vier Jahren getroffen haben. Wir wollten damit unsere Ziele definieren. Es ist albern anzunehmen, dass wir mit 28 Goldmedaillen gerechnet haben", betonte Vesper Freitagnacht in der ARD nochmals.

Da die Verbände bislang aber auch nicht voneinander wissen, wer wofür wieviel Geld bekommt, wird die neue Transparenz auf jeden Fall eine tiefer gehende Strukturdebatte gebären.

So hinterfragt Frank Hensel, Generalsekretär des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), nicht nur den Sinn dieser Zielvereinbarungen "(Wir haben nur unterschrieben, um handlungsfähig zu bleiben"), sondern auch die Rolle des DOSB insgesamt. "Ist er Interessenvertreter des Sports? Ist er Mittler zwischen Politik und Sport? Ist er Geldgeber? Mein Eindruck ist, dass er gern steuernde Instanz in fachlichen Fragen sein will. Dafür hat er aber nicht das Know-how", sagte Hensel der "SZ".

Muss das Geld nur besser verteilt werden?

Fakt ist, dass in den nächsten Wochen viel analysiert und diskutiert werden wird. Über Sinn oder Unsinn einer zentralistischen Förderung, wie sie im Kanu oder Turnen Erfolg zeitigt. Über die gesellschaftliche Stellung von Trainern, die mitunter weniger verdienen als Grundschulsportlehrer. Vielleicht auch, ob nicht vielleicht doch genug Geld da ist, nur eben besser verteilt werden muss.

"Wir haben im deutschen Sport ein klares Umsetzungsproblem", sagt beispielsweise Professor Lutz Nordmann, der Direktor der DOSB-Trainerakademie in Köln. "Wir haben eine Fülle von Gremien, die sich oft und immer wieder treffen, die mitunter auch Dinge empfehlen. Vieles ist im Grunde offensichtlich, aber wir verbleiben zumeist und zu lange in vermeintlich tief greifenden Analysen. Doch die Umsetzung findet nur selten statt. Es läuft im deutschen Spitzensport seit ziemlich langer Zeit ziemlich unverändert weiter. Dabei steht ja gerade der Leistungssport für Dynamik, Veränderung und Wettbewerb."

Acht bis zehn Jahre als realistischer Zeitrahmen

Auch dürfe nicht zu kurzfristig gedacht werden. "Die Briten haben 1996 gesagt, dass sich was ändern muss. 16 Jahre später nun ernten sie den Erfolg. Es würde auch bei uns seine Zeit dauern. In Rio de Janeiro in vier Jahren würden wir davon noch nicht viel sehen. Acht bis zehn Jahre, das ist ein realistischer Zeitrahmen, damit Auswirkungen im Spitzensport erkennbar sind", sagte Nordmann der Berliner Morgenpost.

Die Sporthilfe hat die Notwendigkeit zu Veränderungen erkannt und stellt im Herbst ihr neues Förderkonzept vor, das mehr Leistung verspricht, dabei aber noch transparenter und nachvollziehbarer ist. Vergleichbare Änderungen wünscht sich Sporthilfe-Vorstand Michael Ilgner auch in anderen Bereichen des Spitzensports: "Es muss jetzt einen Wettbewerb geben um die besten Konzepte." Der Mut dafür kann sich notfalls ja auf der MS Deutschland angetrunken werden.

Übersicht der Zielvereinbarungen

BADMINTON

Zielvorgabe: 1 Medaille (0 Gold)

Ergebnis: 0 Medaillen

 

BASKETBALL

Zielvorgabe: keine Medaille

Ergebnis: keine Mannschaft qualifiziert

 

BOXEN

Zielvorgabe: 2 Medaillen (0 Gold)

Ergebnis: keine Medaille

FECHTEN

Zielvorgabe: 4 Medaillen (2 Gold)

Ergebnis: 1 Silber, 1 Bronze

 

FUßBALL

Zielvorgabe: 1 Medaille (0 Gold)

Ergebnis: keine Mannschaft qualifiziert

 

GEWICHTHEBEN

Zielvorgabe: 1 Medaille (1 Gold)

Ergebnis: keine Medaille

HANDBALL

Zielvorgabe: 2 Medaillen (1 Gold)

Ergebnis: keine Mannschaft qualifiziert

 

HOCKEY

Zielvorgabe: 2 Medaillen (1 Gold)

Ergebnis: 1 Gold

 

JUDO

Zielvorgabe: 4 Medaillen (2 Gold)

Ergebnis: 2 Silber, 2 Bronze

KANURENNSPORT

Zielvorgabe: 7 Medaillen (3 Gold)

Ergebnis: 3 Gold, 1 Silber, 2 Bronze

 

KANUSLALOM

Zielvorgabe: 2 Medaillen (0 Gold)

Ergebnis: 1 Silber, 1 Bronze

 

LEICHTATHLETIK

Zielvorgabe: 8 Medaillen (2 Gold)

Ergebnis: bisher 1 Gold, 4 Silber, 3 Bronze

MODERNER FÜNFKAMPF

Zielvorgabe: 1 Medaille (0 Gold)

Ergebnis: Wettbewerbe stehen noch aus

 

RADSPORT

Zielvorgabe: 8 Medaillen (3 Gold)

Ergebnis: 1 Gold, 4 Silber, 1 Bronze

 

REITEN

Zielvorgabe: 5 Medaillen (2 Gold)

Ergebnis: 2 Gold, 1 Silber, 1 Bronze

RINGEN

Zielvorgabe: 3 Medaillen (0 Gold)

Ergebnis: noch offen

 

RUDERN

Zielvorgabe: 6 Medaillen (4 Gold)

Ergebnis: 2 Gold, 1 Silber

 

SCHIESSEN

Zielvorgabe: 5 Medaillen (2 Gold)

Ergebnis: keine Medaille

SCHWIMMEN

Zielvorgabe: 8 Medaillen (2 Gold)

Ergebnis: 1 Silber

 

SEGELN

Zielvorgabe: 2 Medaillen (0 Gold)

Ergebnis: keine Medaille

TAEKWONDO

Zielvorgabe: 2 Medaillen (0 Gold)

Ergebnis: bisher 1 Bronze

 

TENNIS

Zielvorgabe: keine Zielvereinbarung

Ergebnis: keine Medaille

 

TISCHTENNIS

Zielvorgabe: 1 Medaille (0 Gold)

Ergebnis: 2 Bronze

TRIATHLON

Zielvorgabe: 1 Medaille (0 Gold)

Ergebnis: keine Medaille

 

TURNEN

Zielvorgabe: 4 Medaillen (1 Gold)

Ergebnis: 3 Silber

 

VOLLEYBALL

Zielvorgabe: 2 Medaillen (1 Gold)

Ergebnis: 1 Gold

WASSERBALL

Zielvorgabe: 1 Medaille (0 Gold)

Ergebnis: keine Mannschaft qualifiziert

 

WASSERSPRINGEN

Zielvorgabe: 3 Medaillen (1 Gold)

Ergebnis: noch offen

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