10.08.12

London 2012

Deutsches Olympia-Team verfehlt aberwitzige Zielvorgaben

Mit zehn Goldmedaillen steht Deutschland kurz vor Ende der Spiele auf auf Rang sechs im Medaillenspiegel. Der DOSB hatte weit mehr erwartet.

Foto: DPA
Wollte der DOSB 28 mal: eine Goldmedaille in London
Wollte der DOSB 28 mal: eine Goldmedaille in London

Das Angebot kann sich sehen lassen. Für die Rückreise aus London hat der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) seinen Athleten eine Schiffsreise mit der "MS Deutschland" angeboten, am Mittwoch soll es dann im Hamburger Hafen eine große Willkommensparty für die Helden dieser Sommerspiele geben. Es ist davon auszugehen, dass in den zwei Tagen auf See kräftig gefeiert wird. Immerhin hat die deutsche Olympiamannschaft mit bisher 42 gewonnenen Medaillen schon ein besseres Ergebnis als 2008 sicher. In Peking waren es 41 Medaillen – nur mit weniger Goldanteil (16 in Peking, diesmal bisher zehn). Und die Hockey-Männer stehen ja heute noch im Finale, haben Medaille Nummer 43 also sicher.

Der seit der Wiedervereinigung stete Abwärtstrend wäre damit gebremst. Um so mehr verwundert die Vehemenz, mit der sich nun in eine Debatte über die hiesige Sportförderung gestürzt wird. "Dass Weltspitzenniveau nicht mehr für die Preise aus den 90er-Jahren zu haben ist, muss allen klar sein", meldete sich Antje Buschschulte, die ehemalige Schwimmweltmeisterin, zu Wort – ihre Nachfolger waren im Aquatics Centre erstmals seit 80 Jahren ohne Medaille geblieben. "Im Vergleich mit den Strukturen in den anderen westeuropäischen Ländern sind wir Amateure. Da haben wir einen Standortnachteil", klagte der Säbelfechter Nicolas Limbach.


Medaillenspiegel
1.
USA462929
2.
China382723
3.
Großbritannien291719
4.
Russland242632
5.
Südkorea1387
6.
Deutschland111914
7.
Frankreich111112
8.
Italien8911
9.
Ungarn845
10.
Australien71612
11.
Japan71417
12.
Kasachstan715
13.
Niederlande668
14.
Ukraine659
15.
Neuseeland625
16.
Kuba536
17.
Iran453
18.
Jamaika444
19.
Tschechien433
20.
Nordkorea402
21.
Spanien3104
22.
Brasilien359
23.
Südafrika321
24.
Äthiopien313
25.
Kroatien312
26.
Belarus255
27.
Rumänien252
28.
Kenia245
29.
Dänemark243
30.
Aserbaidschan226
Polen226
32.
Türkei221
33.
Schweiz220
34.
Litauen212
35.
Kanada1512
36.
Schweden143
37.
Kolumbien134
38.
Georgien133
Mexiko133
40.
Irland113
41.
Argentinien112
Serbien112
Slowenien112
44.
Norwegen111
Tunesien111
46.
Dom. Republik110
47.
Trinidad & Tobago103
Usbekistan103
49.
Lettland101
50.
Algerien100
Bahamas100
Grenada100
Uganda100
Venezuela100
55.
Indien024
56.
Mongolei023
57.
Thailand021
58.
Ägypten020
59.
Slowakei013
60.
Armenien012
Belgien012
Finnland012
63.
Bulgarien011
Estland011
Indonesien011
Malaysia011
Puerto Rico011
Taiwan011
69.
Botswana010
Gabun010
Guatemala010
Kosovo010
Portugal010
Zypern010
75.
Griechenland002
Katar002
Moldawien002
Singapur002
79.
Afghanistan001
Bahrain001
Hongkong001
Kuwait001
Marokko001
Saudi-Arabien001
Tadschikistan001
86.
Albanien000
Amerikanisch Samoa000
Andorra000
Angola000
Antigua & Barbuda000
Äquatorialguinea000
Aruba000
Bangladesch000
Barbados000
Belize000
Benin000
Bermuda000
Bhutan000
Bolivien000
Bosnien-Herzegowina000
Br. Jungfern-Inseln000
Brunei000
Burkina Faso000
Burundi000
Chile000
Cook-Inseln000
Costa Rica000
Djibouti000
Dominica000
DR Kongo000
Ecuador000
El Salvador000
Elfenbeinküste000
Eritrea000
Fidschi000
FS Mikronesien000
Gambia000
Ghana000
Guam000
Guinea000
Guinea-Bissau000
Guyana000
Haiti000
Honduras000
Irak000
Island000
Israel000
Jemen000
Jordanien000
Jungfern-Inseln000
Kaiman-Inseln000
Kambodscha000
Kamerun000
Kapverdische Inseln000
Kirgisistan000
Kiribati000
Komoren000
Kongo000
Laos000
Lesotho000
Libanon000
Liberia000
Libyen000
Liechtenstein000
Luxemburg000
Madagaskar000
Malawi000
Malediven000
Mali000
Malta000
Marshallinseln000
Mauretanien000
Mauritius000
Mazedonien000
Monaco000
Montenegro000
Mosambik000
Myanmar000
Namibia000
Nauru000
Nepal000
Nicaragua000
Niederl. Antillen000
Niger000
Nigeria000
Oman000
Österreich000
Pakistan000
Palästina000
Palau000
Panama000
Papua-Neuguinea000
Paraguay000
Peru000
Philippinen000
Ruanda000
Salomonen000
Sambia000
Samoa000
San Marino000
São Tomé und Príncipe000
Senegal000
Seychellen000
Sierra Leone000
Simbabwe000
Somalia000
Sri Lanka000
St. Kitts & Nevis000
St. Lucia000
St. Vincent/Grenadines000
Sudan000
Suriname000
Swasiland000
Syrien000
Tansania000
Timor-Leste000
Togo000
Tonga000
Tschad000
Turkmenistan000
Tuvalu000
Uruguay000
VA Emirate000
Vanuatu000
Vietnam000
Zentralafr. Republik000

Und es mosern nicht nur Frustrierte. So fordert auch Kanute Sebastian Brendel, der Gold im Einercanadier gewann, größere finanzielle Unterstützung ein. "In den meisten Sportarten geht es nicht, ohne dass du Profi bist. Sonst kannst du nicht in der Weltspitze mithalten", sagte der Potsdamer. Dabei ist der Wettbewerbsdruck im Kanurennsport noch deutlich geringer als im Schwimmen, wo viermal mehr Nationen Olympiastarter stellen.

Die Stiftung Deutsche Sporthilfe, die den Olympiasiegern auch diesmal eine Prämie von 15.000 Euro zahlt, hat errechnet, dass die 4000 von ihr geförderten Athleten im Schnitt 626 Euro netto im Monat verdienen, und das bei bis zu 60 Stunden Aufwand pro Woche.

Bald 200.000 Euro für Gold?

Kein Wunder also, dass alle – bis auf wenige, mit Sponsorverträgen ausgestattete Stars – nach mehr Geld schreien? Der Sportökonom Eike Emrich, früher selbst Leichtathletikfunktionär, schlägt sogar Goldprämien bis zu 200.00 Euro vor. "Unsere Gesellschaft sozialisiert den Imagegewinn durch sportliche Erfolge, belässt das Risiko aber beim Athleten", sagt er der "FAZ".

Michael Vesper jedenfalls dürfte bereuen, dass er dem erwartbaren Diskurs selbst eine monetäre Richtung vorgegeben hat. Sechs Millionen Euro pro Jahr würde der Sport mehr benötigen, um das Niveau zu halten, hatte der DOSB-Generalsekretär vorgerechnet.

Rund 33 von insgesamt 131 Millionen Euro werden bisher jährlich an die Sportfachverbände verteilt, auch auf Grundlage von Zielvereinbarungen, in denen der DOSB angestrebte Medaillengewinne bei Olympischen Spielen festlegt. Bislang galten diese als Verschlusssache, obwohl es darin um Steuergelder geht. Doch nun musste sie das Bundesinnenministerium (BMI) veröffentlichen, nachdem das Verwaltungsgericht Berlin der Klage eines "WAZ"-Journalisten stattgab und dem BMI ein 10.000 Euro Zwangsgeld androhte.

Die fernab jeder Realität formulierten Zielvorgaben – gefordert wurden insgesamt 86 Medaillen, 28 aus Gold (das wäre Platz drei der Nationenwertung) – verwundern, nur zwei Sportverbände konnten sie bislang erfüllen. "Dies als konkrete Medaillenplanwirtschaft zu interpretieren, wäre naiv. Jeder, der sich im Sport auskennt, weiß, dass sich erfahrungsgemäß nur ein Teil der Jahre zuvor identifizierten Medaillenchancen realisieren lässt", sagte Vesper dazu. Da die Verbände bislang auch nicht voneinander wissen, wer wofür wieviel Geld bekommt, wird die neue Transparenz eine tiefer gehende Strukturdebatte gebären. So hinterfragt Frank Hensel, Generalsekretär des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, nicht nur den Sinn dieser Zielvereinbarungen ("Wir haben nur unterschrieben, um handlungsfähig zu bleiben"), sondern auch die Rolle des DOSB insgesamt. "Ist er Interessenvertreter des Sports? Ist er Mittler zwischen Politik und Sport? Ist er Geldgeber? Mein Eindruck ist, dass er gern steuernde Instanz in fachlichen Fragen sein will. Dafür hat er aber nicht das nötige Know-how", sagte Hensel der "SZ".

"Klares Umsetzungsproblem"

Viel wird in den nächsten Wochen analysiert und diskutiert werden. Über Sinn oder Unsinn einer zentralistischen Förderung, wie sie im Kanu Erfolg zeitigt. Über die gesellschaftliche Stellung von Trainern, die mitunter weniger verdienen als Grundschulsportlehrer. Vielleicht auch, ob doch genug Geld da ist, das nur besser verteilt werden muss.

"Wir haben im deutschen Sport ein klares Umsetzungsproblem", sagt beispielsweise Professor Lutz Nordmann, der Direktor der DOSB-Trainerakademie in Köln. "Wir haben eine Fülle von Gremien, die sich oft und immer wieder treffen, die mitunter auch Dinge empfehlen. Vieles ist im Grunde offensichtlich, aber wir verbleiben zumeist und zu lange in vermeintlich tief greifenden Analysen. Doch die Umsetzung findet nur selten statt. Es läuft im deutschen Spitzensport seit ziemlich langer Zeit ziemlich unverändert weiter. Dabei steht ja gerade Leistungssport für Dynamik, Veränderung und Wettbewerb."

Auch dürfe nicht zu kurzfristig gedacht werden. "Die Briten haben 1996 gesagt, dass sich was ändern muss. 16 Jahre später nun ernten sie den Erfolg. Es würde auch bei uns seine Zeit dauern. In Rio de Janeiro in vier Jahren würden wir davon noch nicht viel sehen. Acht bis zehn Jahre, das ist ein realistischer Zeitrahmen, damit Auswirkungen im Spitzensport erkennbar sind", sagte Nordmann der Morgenpost.

Die Sporthilfe hat die Notwendigkeit zu Veränderungen erkannt und legt demnächst ihr neues Förderkonzept vor, das mehr Leistung verspricht, dabei transparent und nachvollziehbar ist. Vergleichbare Änderungen wünscht sich Sporthilfe-Vorstand Michael Ilgner auch in anderen Bereichen des Spitzensports: "Es muss jetzt einen Wettbewerb geben um die besten Konzepte." Den Mut dafür kann man sich ja auf der "MS Deutschland" antrinken.

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