08.08.12

London 2012

Kanute Sebastian Brendel holt Gold – und teilt aus

Der Kanute verschafft Deutschland die siebtes Goldmedaille, doch er übt er Kritik an der deutschen Sportförderung.

Foto: DPA
London 2012 - Kanu
ebastian Brendel paddelte in Eton zu Gold

Am schönsten ist Olympia vor den Toren Londons. Das Radrennen rund um das malerische Schloss Hampton Court Palace hat optisch schon Maßstäbe gesetzt, noch beeindruckender sind allerdings Ruder- und Kanustrecke auf dem Lake Dorney. In der Morgensonne glitzert das Wasser fast silbern, an der Seite sorgen 25.000 entrückte Fans für eine beim Kanu selten erlebte Stimmung. Hier, wo die Sommerspiele daherkommen wie aus einem Bilderbuch, sollte Deutschland am Mittwoch seinen bis dahin besten Tag bei diesen Olympischen Spielen erleben. Die Kanuten sorgten innerhalb von 68 Minuten für eine goldene, eine silberne und zwei bronzene Medaillen.

Am Morgen, als noch keine Fans auf den Tribünen saßen und sich die Kanuten zum Warmmachen aufrafften, hatte Sebastian Brendel noch rasch eine Videobotschaft per Telefon erhalten. "Mein Papa, viel Glück", sagte die zweijährige Hanna ins Handy, ein Gruß aus Potsdam, der den Erfolg bringen sollte.

Mit dem Beistand der Tochter und entsprechend motiviert gewann Brendel die Goldmedaille im Einercanadier. Im Ziel nach 1000 Metern hatte er fast eine Sekunde Vorsprung auf den Spanier David Cal. "Wahnsinn, grandios", sagte Brendel und musste erst einmal kräftig nach Luft schnappen. "Ich bin gut weggekommen und habe schon nach 250 Metern gemerkt, dass es heute auf jeden Fall was wird. Dann konnte ich noch richtig was draufpacken." Zum Schluss des Rennens habe er noch mal "den inneren Schweinehund überwinden müssen und an etwas Schönes gedacht, um die Schmerzen zu vergessen". Und so dachte er an Potsdam, "an die Fans, die zu Hause vor der Leinwand stehen und wahrscheinlich ausrasten".

Lohn für die harte Arbeit

Die Goldmedaille sei der Lohn für die harte Arbeit gewesen, sagte der 24-Jährige. 4000 Kilometer hat Brendel in den vergangenen zwölf Monaten zurückgelegt, auf dem Wasser, nicht mit dem Auto. Das habe sich ausgezahlt. Nur die Familie sei ein bisschen zu kurz gekommen, seine Frau Romy und eben Tochter Hanna. Das wolle er jetzt nachholen und viel Zeit mit der Familie verbringen. Im September allerdings geht für den Olympiasieger schon die Ausbildung bei der Polizei weiter: "Ein bisschen mehr Urlaub hätte ich mir schon gewünscht." Er sagte das, weil ihm die Bedingungen in Deutschland nicht gefallen. "Es gibt auf jeden Fall bessere Förderungssysteme. Wenn wir wollen, dass der deutsche Sport in den nächsten Jahren erfolgreich ist, müssen wir mehr investieren", sagte Brendel. Im Kanu-Rennsport sieht er vergleichsweise wenig Probleme: "Wir haben in Potsdam eine superstarke Trainingsgruppe und pushen uns gegenseitig. Das ist der Schlüssel zum Erfolg, dass alles zentriert ist. Das System greift."

Brendels Goldgewinn hat neben der familiären noch eine zweite Geschichte mit Happy End. Bei den Weltmeisterschaften vor einem Jahr in Szeged/Ungarn brach ihm im Vorlauf das Paddel. Ohne Arbeitsgerät musste er mitansehen, wie die Konkurrenten davonzogen. Er habe nicht mehr groß daran gedacht, sagte Brendel, nur eines: "Das Paddel lasse ich jetzt nicht mehr aus den Augen, ich habe daraus gelernt."

Möglicherweise war es schon ramponiert gewesen, als Brendel auf die Strecke ging. "Ich war voriges Jahr der Pechvogel, aber das ist mir jetzt alles egal", sagte er. Immerhin wurde er mit olympischem Gold entschädigt, "aber die Medaille ist ganz schön schwer, ich hoffe, dass mein Nacken locker bleibt".

An derartige Folgen der Medaillenzeremonie dachte Max Hoff nicht. Er hatte eine bronzene Plakette vor dem Bauch hängen und war recht glücklich. Noch vor Brendel hatte er quasi den Tag der Deutschen eröffnet und im Kajak-Einer den dritten Platz hinter dem Norweger Erik Veras Larsen und dem Kanadier Adam van Koeverden belegt. "Das war ein hartes Stück Arbeit", sagte der Essener. "mit dem Rennen kann ich nicht ganz zufrieden sein, mit Bronze aber schon." Möglicherweise hätte ihn die ungewöhnliche Atmosphäre eher gestört, denn angespornt. "Ich war zum Anfang vielleicht gehemmt, weil die Leute auf der Tribüne so geschrien haben." Immerhin zog Hoff aber noch im Endspurt von Platz sechs auf drei, so dass sein Fazit letztlich positiv ausfiel. "Das war mein Mindestziel. Die Jungs, die vorn waren, haben das auch verdient."


Medaillenspiegel
1.
USA462929
2.
China382723
3.
Großbritannien291719
4.
Russland242632
5.
Südkorea1387
6.
Deutschland111914
7.
Frankreich111112
8.
Italien8911
9.
Ungarn845
10.
Australien71612
11.
Japan71417
12.
Kasachstan715
13.
Niederlande668
14.
Ukraine659
15.
Neuseeland625
16.
Kuba536
17.
Iran453
18.
Jamaika444
19.
Tschechien433
20.
Nordkorea402
21.
Spanien3104
22.
Brasilien359
23.
Südafrika321
24.
Äthiopien313
25.
Kroatien312
26.
Belarus255
27.
Rumänien252
28.
Kenia245
29.
Dänemark243
30.
Aserbaidschan226
Polen226
32.
Türkei221
33.
Schweiz220
34.
Litauen212
35.
Kanada1512
36.
Schweden143
37.
Kolumbien134
38.
Georgien133
Mexiko133
40.
Irland113
41.
Argentinien112
Serbien112
Slowenien112
44.
Norwegen111
Tunesien111
46.
Dom. Republik110
47.
Trinidad & Tobago103
Usbekistan103
49.
Lettland101
50.
Algerien100
Bahamas100
Grenada100
Uganda100
Venezuela100
55.
Indien024
56.
Mongolei023
57.
Thailand021
58.
Ägypten020
59.
Slowakei013
60.
Armenien012
Belgien012
Finnland012
63.
Bulgarien011
Estland011
Indonesien011
Malaysia011
Puerto Rico011
Taiwan011
69.
Botswana010
Gabun010
Guatemala010
Kosovo010
Portugal010
Zypern010
75.
Griechenland002
Katar002
Moldawien002
Singapur002
79.
Afghanistan001
Bahrain001
Hongkong001
Kuwait001
Marokko001
Saudi-Arabien001
Tadschikistan001
86.
Albanien000
Amerikanisch Samoa000
Andorra000
Angola000
Antigua & Barbuda000
Äquatorialguinea000
Aruba000
Bangladesch000
Barbados000
Belize000
Benin000
Bermuda000
Bhutan000
Bolivien000
Bosnien-Herzegowina000
Br. Jungfern-Inseln000
Brunei000
Burkina Faso000
Burundi000
Chile000
Cook-Inseln000
Costa Rica000
Djibouti000
Dominica000
DR Kongo000
Ecuador000
El Salvador000
Elfenbeinküste000
Eritrea000
Fidschi000
FS Mikronesien000
Gambia000
Ghana000
Guam000
Guinea000
Guinea-Bissau000
Guyana000
Haiti000
Honduras000
Irak000
Island000
Israel000
Jemen000
Jordanien000
Jungfern-Inseln000
Kaiman-Inseln000
Kambodscha000
Kamerun000
Kapverdische Inseln000
Kirgisistan000
Kiribati000
Komoren000
Kongo000
Laos000
Lesotho000
Libanon000
Liberia000
Libyen000
Liechtenstein000
Luxemburg000
Madagaskar000
Malawi000
Malediven000
Mali000
Malta000
Marshallinseln000
Mauretanien000
Mauritius000
Mazedonien000
Monaco000
Montenegro000
Mosambik000
Myanmar000
Namibia000
Nauru000
Nepal000
Nicaragua000
Niederl. Antillen000
Niger000
Nigeria000
Oman000
Österreich000
Pakistan000
Palästina000
Palau000
Panama000
Papua-Neuguinea000
Paraguay000
Peru000
Philippinen000
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St. Vincent/Grenadines000
Sudan000
Suriname000
Swasiland000
Syrien000
Tansania000
Timor-Leste000
Togo000
Tonga000
Tschad000
Turkmenistan000
Tuvalu000
Uruguay000
VA Emirate000
Vanuatu000
Vietnam000
Zentralafr. Republik000

"Silber ist das neue Gold"

Mit Mindestzielen ist das ja immer so eine Sache, auch die Frauen im Viererkajak hatten eines ausgegeben und offiziell eine Medaille angestrebt. Weil es für die Deutschen in diesem Boot und über die 500-Meter-Distanz aber seit 1996 bei den Spielen in Atlanta immer olympisches Gold gegeben hatte, sollte auch in Eton Dorney erneut eine Triumphfahrt anstehen.

Es wurde dann aber doch nur Silber für Carolin Leonhardt, Franziska Weber, Katrin Wagner-Augustin und Tina Dietze. Im Ziel fehlte eine halbe Sekunde auf Ungarn. "Das ist schon okay, wir haben alles gegeben", sagte Routinier Wagner-Augustin (34). "Die deutsche Mannschaft gewinnt hier lauter Silber. Silber ist das neue Gold, und wir haben uns da angeschlossen Ich bin froh, dass es jetzt vorbei ist."

Dabei hatte es auch für die Frauen Beistand am Rande gegeben. Kugelstoß-Silbermedaillengewinner David Storl war extra angereist, um seine Freundin Carolin Leonhardt zu Gold anzuspornen. Nach dem Zieleinlauf nahm er die Schlagfrau des Vierers tröstend in den Arm. Auch Wagner-Augustins Sohn Emil war am Tag nach seinem ersten Geburtstag die Farbe der Plakette seiner Mama reichlich egal.

Komplettiert wurde der beeindruckende Tag für die Deutschen durch die Bronzemedaille für den Zweierkajak. Martin Hollstein und Andreas Ihle mussten sich zwar Ungarn und Portugal geschlagen geben, waren aber zufrieden. "Das war das härteste Rennen in dieser Saison, wir sind stolz auf uns", sagte Hollstein. Und als er Kugelstoßer Storl neben sich stehen sah, schickte er noch einen ganz persönlichen Gruß an den 122-Kilogramm-Koloss. "'Storli', sei froh, dass du keine Ausdauersportart machst."

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