08.08.12

Diskuswurf

Olympiaheld Robert Harting genießt seinen Gold-Triumph

An neue Ziele will der Berliner Diskuswerfer noch nicht denken. Erst einmal feierte er seinen Triumph – und wurde prompt beklaut.

Foto: camera 4
C4Olympia120807
Mutter Bettina und Vater Gerd Harting herzen ihren Sohn Robert, den frisch gebackenen Olympiasieger. Der findet's offenbar süß…

Da stand er nun vorm Eingangstor, der Held des Vorabends, und schaute aus müden Augen ein bisschen dumm aus der Wäsche. Alle seine Akkreditierungen hatte ihm ein Langfinger in der Nacht während seiner Siegerparty gestohlen. Ins olympische Dorf gewährten ihm die Ordner folglich keinen Einlass. Da half es Robert Harting (27) auch nichts, dass er just ein paar Stunden zuvor Olympiagold gewonnen und sogar seinen Reisepass in der Tasche hatte. Harting war stinkig. "Ich hätte ihn schon zur Rede gestellt. Und die Themse ist in der Nähe: Er hätte schwimmen müssen", sagte er auf die Frage, was er mit dem Dieb angestellt hätte, wäre er ihm in seine kräftigen Pranken gekommen.

Bis die deutsche Teamleitung ihm eine neue Akkreditierung verschafft hatte, zeigte der Berliner Pragmatismus: "Ich habe dann eine Stunde vor der Tür geschlafen, bis ich rein durfte." Und ergänzte trocken: "In meiner Jugendzeit habe ich auch öfters in der Bahn geschlafen." Und weiter: "Zum guten Sportler gehört auch ein gutes Nachtleben."

400 Gramm Edelmetall mit einer Goldlegierung

Um kurz nach 8 Uhr morgens fiel er endlich ins Bett. "Kaputt. Müde. Erschöpft. Überglücklich. Ich fühl mich einfach gut, dass das alles geklappt hat." 68,27 Meter gegenüber dem zweitplatzierten Iraner Eshan Hadadi (68,18) und dem drittplatzierten Esten Gerd Kanter (68,03). Es war kein überragender Wettkampf gewesen, dafür aber einer, durch den er sich trotz Widrigkeiten durchbiss.

Nun ist sein Plan also tatsächlich aufgegangen. Robert "Shaggy" Harting ist nicht nur Europa- und Weltmeister. Er ist auch Olympiasieger. Der Esel hat seine Möhre erhascht – so darf man es beschreiben, ohne es despektierlich zu meinen. Er ist jetzt ein glücklicher Mann, vorerst zumindest. Doch jemand, der allen gefallen möchte, wird er nie werden. Eines gefällt ihm dann aber doch: nicht nur der eigenen Erwartungshaltung standgehalten zu haben, sondern auch der von außen. Der Druck, klar, der sei zwar nichts Neues. "Aber in der Form, der Intensität, das war schon neu. Er hatte eine ganz neue Dimension, weil auch Historisches mit hineingespielt hat. Das saß während des Wettkampfs alles auf meiner Schulter und wurde Schicht für Schicht schwerer."

Stellt man sich Robert Harting als einen Suchenden vor, lässt sich ermessen, wie bedeutend es für ihn sein muss, sein Glück jetzt gefunden zu haben und in den Händen zu halten: 400 Gramm Edelmetall mit einer Goldlegierung am Bande. Sein Schatz, und er allein hat ihn gehoben. Die nationale Bilanz polierte er mit der sechsten Goldmedaille für Deutschland bei diesen Spielen obendrein auf. Er ist der erste Olympiasieger aus der Leichtathletik seit 2000.


Medaillenspiegel
1.
USA462929
2.
China382723
3.
Großbritannien291719
4.
Russland242632
5.
Südkorea1387
6.
Deutschland111914
7.
Frankreich111112
8.
Italien8911
9.
Ungarn845
10.
Australien71612
11.
Japan71417
12.
Kasachstan715
13.
Niederlande668
14.
Ukraine659
15.
Neuseeland625
16.
Kuba536
17.
Iran453
18.
Jamaika444
19.
Tschechien433
20.
Nordkorea402
21.
Spanien3104
22.
Brasilien359
23.
Südafrika321
24.
Äthiopien313
25.
Kroatien312
26.
Belarus255
27.
Rumänien252
28.
Kenia245
29.
Dänemark243
30.
Aserbaidschan226
Polen226
32.
Türkei221
33.
Schweiz220
34.
Litauen212
35.
Kanada1512
36.
Schweden143
37.
Kolumbien134
38.
Georgien133
Mexiko133
40.
Irland113
41.
Argentinien112
Serbien112
Slowenien112
44.
Norwegen111
Tunesien111
46.
Dom. Republik110
47.
Trinidad & Tobago103
Usbekistan103
49.
Lettland101
50.
Algerien100
Bahamas100
Grenada100
Uganda100
Venezuela100
55.
Indien024
56.
Mongolei023
57.
Thailand021
58.
Ägypten020
59.
Slowakei013
60.
Armenien012
Belgien012
Finnland012
63.
Bulgarien011
Estland011
Indonesien011
Malaysia011
Puerto Rico011
Taiwan011
69.
Botswana010
Gabun010
Guatemala010
Kosovo010
Portugal010
Zypern010
75.
Griechenland002
Katar002
Moldawien002
Singapur002
79.
Afghanistan001
Bahrain001
Hongkong001
Kuwait001
Marokko001
Saudi-Arabien001
Tadschikistan001
86.
Albanien000
Amerikanisch Samoa000
Andorra000
Angola000
Antigua & Barbuda000
Äquatorialguinea000
Aruba000
Bangladesch000
Barbados000
Belize000
Benin000
Bermuda000
Bhutan000
Bolivien000
Bosnien-Herzegowina000
Br. Jungfern-Inseln000
Brunei000
Burkina Faso000
Burundi000
Chile000
Cook-Inseln000
Costa Rica000
Djibouti000
Dominica000
DR Kongo000
Ecuador000
El Salvador000
Elfenbeinküste000
Eritrea000
Fidschi000
FS Mikronesien000
Gambia000
Ghana000
Guam000
Guinea000
Guinea-Bissau000
Guyana000
Haiti000
Honduras000
Irak000
Island000
Israel000
Jemen000
Jordanien000
Jungfern-Inseln000
Kaiman-Inseln000
Kambodscha000
Kamerun000
Kapverdische Inseln000
Kirgisistan000
Kiribati000
Komoren000
Kongo000
Laos000
Lesotho000
Libanon000
Liberia000
Libyen000
Liechtenstein000
Luxemburg000
Madagaskar000
Malawi000
Malediven000
Mali000
Malta000
Marshallinseln000
Mauretanien000
Mauritius000
Mazedonien000
Monaco000
Montenegro000
Mosambik000
Myanmar000
Namibia000
Nauru000
Nepal000
Nicaragua000
Niederl. Antillen000
Niger000
Nigeria000
Oman000
Österreich000
Pakistan000
Palästina000
Palau000
Panama000
Papua-Neuguinea000
Paraguay000
Peru000
Philippinen000
Ruanda000
Salomonen000
Sambia000
Samoa000
San Marino000
São Tomé und Príncipe000
Senegal000
Seychellen000
Sierra Leone000
Simbabwe000
Somalia000
Sri Lanka000
St. Kitts & Nevis000
St. Lucia000
St. Vincent/Grenadines000
Sudan000
Suriname000
Swasiland000
Syrien000
Tansania000
Timor-Leste000
Togo000
Tonga000
Tschad000
Turkmenistan000
Tuvalu000
Uruguay000
VA Emirate000
Vanuatu000
Vietnam000
Zentralafr. Republik000

"Leichtathletik-Botschafter"

Natürlich piesackte den Hünen aus Berlin-Weißensee auch dieses Mal wieder das vermaledeite kaputte Knie. Wie sollte es auch anders sein. Eine Operation im vergangenen Jahr hat keine Besserung gebracht, zwischendurch erwog der Schwerathlet ernsthaft hinzuschmeißen. Das Aufbauprogramm, dem er sich am Olympiastützpunkt Berlin unterzog, zeigte lange nicht die erwünschte Wirkung. Zumindest wurde der sensible Hüne immer ungeduldiger. Demnächst wird sich der 27-Jährige überlegen müssen, wie es damit weitergehen soll in seinem Leben, als Sportler, als Privatmann. Fürs Erste will er einfach den Moment genießen, für den er so lange geschuftet hat. "Es hat sich sehr, sehr gelohnt. Das Beißen, das Kämpfen, was ja immer Gefahr birgt, nicht belohnt zu werden." Die vergangenen drei Jahre, das ließ Harting nicht unerwähnt, "haben mich sehr verändert aufgrund der Schmerzen". Es klang wie ein trauriges Eingeständnis dafür, dass er einen hohen Preis gezahlt hat für den totalen Erfolg.

Die Zukunft. Robert Harting mag ad hoc nicht planen. "Ich habe alles getan sportlich. Ihr müsst jetzt den Rest machen", sprach er in die Mikrofone. "Ich bin erst mal sehr zufrieden und freue mich auf die nächsten Tage als Weltmeister, Europameister und Olympiasieger." Harting wird sich wohl ein bisschen treiben lassen, mal hierhin, mal dorthin, und die Leere in seinem Kopf genießen. Hätte man Dienstagabend dort hinein gerufen, blödelte er, wäre bloß ein Echo zurückgeschallt: "Haaaaallooooooooooo…"

Drum ärgerte er sich auch über eine "typisch deutsche Frage: Was kommt jetzt?" und tadelt: "Wir haben einen Wert geschaffen, freuen uns aber nicht drüber, sondern schaffen gleich eine neue Verpflichtung." Zum Beispiel Olympia in Rio de Janeiro 2016, er wäre dann 31 Jahre alt? Harting antwortete grinsend: "Brasilien ist ein schönes, warmes Land. Aber ich warte einfach mal, was auf mich zukommt – und was darauf folgt."

Sollten sie jemals nach Berlin kommen: Olympische Spiele in Berlin "werde ich als Aktiver wohl nicht mehr miterleben dürfen. Sollte Berlin sich aber zu einer Bewerbung entschließen, würde ich gern beratend helfen. Aber wir es gibt ja auch noch die Leichtathletik-Europameisterschaften 2018 in Berlin." Die Hauptstadt hat sich um deren Ausrichtung beworben, blendende Aussichten auf den Zuschlag, und Harting hat nichts gegen eine Rolle als "Leichtathletik-Botschafter" in seiner Heimatstadt. Seinen Humor bewies er erneut, als sein fröhlicher Hürdensprint im Olympiastadion direkt nach seinem Triumph zur Sprache kam: "Ich werde von meiner aktuellen Hürden-Karriere zurücktreten." Sally Pearson, die nach ihm Gold über die 100 Meter Hürden gewonnen hatte und der er angeblich seine "perfekte Technik" zeigen wollte, wird das bedauern. Sie sagte: "Er ist ja riesig, aber für seine Größe sah das ganz ordentlich aus. Wenn er ein paar Wochen mit mir trainiert, kann er richtig schnell werden."

Bessere TV-Quote als Bolt

Ist er jetzt auch eine Art Galionsfigur für alle deutschen Leichathleten? "Bis jetzt haben sie ja hier keinen anderen", witzelte Harting in London. "Man wird hier und da vorgezeigt. Aber Galionsfigur sein? Weiß ich nicht. Hm. Weiß ich nicht. Es muss sich gut anfühlen."

Die Menschen daheim in Deutschland hat er allemal beeindruckt. Was nicht bloß daran lag, dass er sich wie immer nach bedeutenden Siegen das Trikot handstreichartig vom Leibe riss, auf seiner Ehrenrunde unter dem Gejohle der Stadionbesucher neun Hürden überhüpfte und schlussendlich scheinbar eine der Fackeln mit dem olympischen Feuer reißen wollte. Sage keiner, er würde seinen Bekanntheitsgrad vielleicht überschätzen. Hartings spannender Wettkampf erreichte daheim im ZDF eine Einschaltquote von bis zu 10,3 Millionen, das ist der bisherige Bestwert bei den Spielen. Nur mal zur Einordnung: Beim 100-Meter-Finale von Jamaikas Wunderläufer Usain Bolt schauten rund zwei Millionen weniger zu in deutschen Wohnstuben.

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Diskuswerfen

Die große Karriere des Robert Harting

Rivalität mit Ehsan Hadadi
  • Motivationshilfe

    Mit Ehsan Hadadi verbindet Robert Harting besondere Konkurrenz. So verriet der Berliner im ZDF, dass er sich einen auf Morgenpost Online und in der „Welt am Sonntag“ erschienenen Zeitungsartikel über den Iraner, der sich im Land des Rivalen auf Olympia vorbereitet hatte, als Motivationshilfe auf seinem Computer abgespeichert hatte. Darin stand, dass Hadadi nur abfällige Handbewegungen gemacht hatte, als er darüber sprach, dass er den Deutschen und dessen Auftreten außerhalb des Wurfrings nicht sonderlich mag.

  • Retourkutsche

    Hadadi machte aus seiner Abneigung auch in London keinen Hehl. „Die Menschen in Deutschland sind so freundlich, das sind so nette Leute. Und dann zerreißt er sein Shirt, auf dem Deutschland draufsteht. Das finde ich nicht gut, das verstehe ich nicht“, sagte der Iraner nach dem Wettkampf über seinen Bezwinger.

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