08.08.12

Gewichtheber-Drama

Steiner – "Es gibt keinen Grund aufzuhören"

196 Kilogramm krachen auf ihn: Gewichtheber Matthias Steiner hat Riesenglück bei einem Unfall. Obwohl Gold möglich gewesen wäre, ist sein Umfeld mehr als nur glücklich. Er selbst blickt schon voraus.

Foto: DPA

Matthias Steiner versucht das Gewicht aus der Hocke nach oben zu stemmen, ...

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Am Morgen danach fuhr bereits ein roter Bagger durch die Gewichtheberhalle. Die silbernen Stahlrohrtribünen wurden abgebaut, die Fahnen der teilnehmenden Nationen abgehangen, die Anzeigentafeln abmontiert. Nur die Scheiben lagen noch auf der Bühne. Diese verdammten Scheiben. Diese monströsen Gewichte.

Matthias Steiner hatte sich an ihnen im wahrsten Sinne des Wortes verhoben. Mit 196 Kilogramm ließ er zu seinem zweiten Versuch im Reißen die Stange beladen. Er hievte sie nach oben, machte einen Fehler, wollte sie trotzdem halten. Sie krachte ihm in den Nacken. Er stürzte, er musste ausscheiden. Das jüngste Drama einer dramatischen Karriere.

Wie ein nasser Waschlappen

"Es hat richtig wehgetan", beschrieb er am Mittwoch die Momente nach dem Crash. "Meine Wirbelsäule hat sich angefühlt wie ein nasser Waschlappen, den man mit den Händen auswringt. Ich war froh, als ich merkte, dass ich die Beine bewegen und aufstehen kann."

Noch auf der Matte hob Steiner die Faust zur Entwarnung, eine erste Diagnose in der Kabine bestätigte das Gefühl, er wurde dennoch vorsichtshalber ins Krankenhaus gebracht. Als in der Nacht in seinem Bett im olympischen Dorf das Wettkampfadrenalin aus dem Körper strömte, wurden die Beschwerden schlimmer, er musste Schmerzmittel nehmen.

Weitere Medizinchecks am Mittwoch ergaben eine Bandverletzung an der Halswirbelsäule, eine Prellung des Brustbeins und eine Muskelzerrung im Bereich der Brustwirbelsäule. Aber keine bleibenden Schäden. "Es war auf jeden Fall richtig, den Wettkampf abzubrechen", sagte Steiner.

"Das hätte auch anders ausgehen können"

Unmittelbar nach Bekanntgabe des Rückzugs hatte es über die Gefahren der Situation noch unterschiedliche Auffassungen gegeben. Als er ursprünglich weitermachen wollte, hätten die medizinischen Betreuer nicht interveniert, hieß es. "Er musste der Vernunft gehorchen", so Michael Vesper, Deutschlands Chef de Mission. "Im Gewichtheben passiert so was schon einmal", ergänzte Almir Velagic, der Achter wurde und berichtete, Steiner habe ihm nach seinem Malheur noch alles Gute gewünscht.

Die Mauer der Beschwichtigung, welche die harten Burschen nach dem Unfall errichteten, durchbrach denn auch erst eine Frau. Inge Steiner, die Gattin, die sich inzwischen auch ein bisschen mit Gewichtheben auskennt, durchlitt schlimme Ängste, als Helfer direkt nach dem Sturz eilig eine blaue Olympiaplane vor den Tatort zogen. "Für Außenstehende ist das vielleicht so nicht erkennbar, aber es war ganz eng", erklärte sie. "Das hätte auch anders ausgehen können. Wenn 196 Kilo in den Nacken gehen, hätte das ein normaler Mensch nicht überlebt."

Die Fernsehmoderatorin hatte sich, wie große Teile der Nation, in einen jubelnden Steiner verliebt, damals, als er 2008 in Peking mit der Goldmedaille auch ein Foto seiner verstorbenen Ex-Frau Susann in die Höhe hielt. Ähnlich emotionale Szenen hätte es diesmal wohl nicht gegeben, das hatten beide vorher ausgeschlossen.

Gold wäre möglich gewesen

Aber Olympiagold hätte er natürlich trotzdem gern wieder gewonnen – und angesichts der Ergebnisse wäre das möglich gewesen. Der Gewinner, Behdad Salimikordasiabi aus dem Iran, stemmte insgesamt 455 Kilogramm und damit sechs weniger als Steiner vor vier Jahren in Peking. Silber gab es schon für 449 Kilo. Hätte Steiner die 196 Kilo gerissen bekommen, ihm hätten in seiner Spezialdisziplin Stoßen, wo er 251 Kilo als Einstieg anvisierte, alle Türen offen gestanden.

Hätte, wäre – alles egal. "Dass er keine Medaille hat, dass er vier Jahre umsonst trainiert hat, spielt keine Rolle", sagte seine Frau. "Es gibt einen libanesischen Gewichtheber, dem ist vor 20 Jahren ähnliches passiert. Der sitzt heute im Rollstuhl." Zuletzt krachte dem Ungarn Janos Baranyai bei den Spielen in Peking eine 148 Kilogramm schwere Hantel in den Nacken. Auch er hatte noch Glück im Unglück – verletzte sich aber dennoch so schwer, dass er ein halbes Jahr pausieren musste und erst zwei Jahre später wieder bei internationalen Wettkämpfen zu sehen war.

Am Mittwoch ließen dann auch die Betreuer erkennen, dass Steiner gerade noch einmal davon gekommen war. "In den ersten Schrecksekunden mussten wir mit allem rechnen", sagte Frank Mantek, der Bundestrainer und Intimus des Superschwergewichtlers. "Wir sind haarscharf an einer schlimmeren Geschichte vorbei geschrammt."

"Papa aua, aber Papa gut"

Wie schlimm, erklärte Andree Ellermann, Cheforthopäde der Arens-Sportklinik in Pforzheim. "Jeder andere hätte sich wohl einen Halswirbel gebrochen", sagte der mit Steiner bekannte Arzt der Berliner Morgenpost. Nur Steiners "Stiernacken" habe ihn davor bewahrt. Ein Normalsterblicher hätte sich eine Halswirbelsäulenfraktur zugezogen, mit allen Konsequenzen, "im schlimmsten Fall dem Tod. Das Rückenmark kann so stark geschädigt werden, dass die Atmung aussetzt. Der zweitschlimmste Fall ist eine Lähmung von der Halswirbelsäule abwärts". Wie bei "Wetten, dass"-Kandidat Samuel Koch.

Was bleibt, ist die Frage, ob Steiner zu viel wollte. Ob er nach seiner Leidensgeschichte in den vergangenen zwölf Monaten – unter anderem eine Sehnenoperation – mehr Vorsicht hätte walten lassen sollen. Teamkollege Velagic berichtete, dass Steiner schon in den vergangenen Tagen über Schulterschmerzen geklagt habe. Er sei nicht in der Verfassung von 2008, sagte er selbst. Dennoch er legte fast genauso viel Gewicht auf.

Es ist ein schmaler Grat, das Gewichtheben gefährlich. Zu Hause verfolgte sein zweijähriger Sohn den Wettkampf. Als er sah, dass sein Vater nach dem Unfall wieder stand, habe er gesagt: 'Papa aua, aber Papa gut'." Auf gewisse Weise hat Matthias Steiner in London mehr Glück gehabt als vor vier Jahren in Peking.

Und vielleicht kommt ja noch ein weiterer olympischer Auftritt dazu. "Es wird weiter trainiert, dann werde ich sehen, ob es noch Spaß macht", sagte Steiner: "Es gibt für mich aber derzeit keinen Grund, aufzuhören."

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