07.08.12

Gewichtheben

Matthias Steiner will seinen Olympiasieg wiederholen

2008 in Peking ging ein Bild des Gewichthebers um die Welt. Diesmal bezieht Matthias Steiner seine Kraft aus dem Glück einer neuen Liebe.

Foto: AFP
Dieses Bild ging um die Welt: Matthias Steiner mit dem Foto seiner verstorbenen Frau bei der Siegerehrung 2008 in Peking
Dieses Bild ging um die Welt: Matthias Steiner mit dem Foto seiner verstorbenen Frau bei der Siegerehrung 2008 in Peking

Wenn Olympia die größte Show der Welt ist, dann gehört das Gewichtheben im Superschwergewicht ganz zweifelsohne zu den Hauptakten. Vor allem die starken Männer vollbringen Leistungen, für die einem Normalmenschen schlicht die Vorstellungskraft fehlt. Wenn sie mit ihren Armen teils über 250 Kilogramm in die Luft stoßen, wirkt auf den eigenen Körper fast das dreifache Gewicht.

Noch imposanter wirkt das Spektakel, seit Matthias Steiner mit zur Hantel greift. Das liegt zum einem daran, dass er ein expressiver Heber ist, dass er diese gewisse Aura hat, die den Zuschauer quasi mit auf die Bühne zieht. Oder wie sonst ist es bitteschön zu erklären, dass sich die zwei Frauen seines Lebens in ihn verliebten, als sie ihn beim Gewichtheben im Fernsehen sahen? Zum anderen liegt es natürlich an seiner ungewöhnlichen Lebensgeschichte. Diabetes-Diagnose mit 18, Nationalitätswechsel von Österreich nach Deutschland, der Verlust der ersten Ehefrau durch einen Verkehrsunfall. Die aufrichtige und unendlich tapfere Weise, mit der er Kraft aus dieser Tragödie zog.

Kaum ein Athlet rührte die Herzen nicht nur deutscher Zuschauer vor vier Jahren so wie dieser Bär von einem Mann, der sich seiner weichen Seiten nicht schämt. Die Szene, wie er bei der Siegerehrung ein Foto seiner verstorbenen Frau neben seine Goldmedaille hielt, wurde augenblicklich ikonisch. Für Steiner war das damals nicht auf Anhieb zu begreifen, er hatte das mit dem Foto auch schon bei früheren Wettkämpfen gemacht, und da hatte es nie jemanden groß interessiert. Aber sein Fremdeln mit dem plötzlichen Ruhm verflog dann recht schnell. Steiner ist prinzipiell ein Menschenfreund, er mag es, "dass die Leute einen Narren an mir gefressen haben".

Sein Auftritt kommt gerade recht

Seinen Olympiasieg zu wiederholen versucht am heutigen Dienstagabend in London (ab 20 Uhr) ein Mann, der mitten in einem erfüllten Leben steht. Steiner hat gute Werbeverträge, er hat sich wieder verliebt, wieder geheiratet, einen zweijährigen Sohn. Bei Olympischen Spielen, die bisher viele große Momente produziert haben, aber nicht sehr viele große deutsche Momente, kommt sein Auftritt gerade recht.

Gerade deshalb bittet der mittlerweile 29 Jahre alte Ausnahmeathlet um eine gnädige Erwartungshaltung. Denn die Prelude lief eben nicht so glatt wie vor den Spielen in Peking, als er sich ein Dreivierteljahr minutiös auf den Wettkampf vorbereitete, bei dem er mit 461 Kilogramm eine bis heute bestehende persönliche Bestleistung hob. Im Herbst 2011 erlitt der 29-Jährige einen Einriss der Quadrizeps-Sehne oberhalb der Kniescheibe, und das ist die "Herzschlagader eines Gewichthebers", wie sein Trainer Frank Mantek erklärt. Steiner musste operiert werden, er verlor drei Monate Aufbautraining. Zuletzt hob er bei einem Meeting in Heidelberg nur 410 Kilo. Bei der Europameisterschaft zuvor waren es 424. Es klingt nicht allzu optimistisch, wenn er erklärt: "In der Verfassung von Peking würde ich sagen, dass ich den Olympiasieg verteidigen muss. Aber in der bin ich nicht."

Andererseits haben Trainer Mantek und er 445 Kilogramm als Startgewicht für den Zweikampf aus Reißen und Stoßen einschreiben lassen. In der geheimnisumwitterten Heberszene, wo einige Protagonisten seit Monaten keinen Wettkampf mehr bestritten haben, ist diese Angabe das einzig verlässliche Indiz. Von elf Startern in der englischen Hauptstadt trauen sich nur Weltmeister Behdad Salimikordasiabi (Iran/455) und Europameister Ruslan Albegow (Russland/450) mehr zu.

Kommt Matthias Steiner mit einem halbwegs akzeptablen Rückstand aus dem Reißen, seiner schwächeren Disziplin, scheint vieles möglich. Schließlich gilt der Olympiasieger als Wettkampftyp – auf zehn Kilo im Reißen und 15 im Stoßen beziffert er selbst den Beitrag des Adrenalins auf der großen Bühne. Derweil kommt auch von Coach Mantek noch eine vielversprechende Aussage: "Es gleicht einem Wunder, dass er wieder so weit ist, wie er jetzt ist."

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