Diskus-Finale
Robert Harting will letzten Makel in seiner Vita tilgen
Nach 28 Siegen in Folge kann es für den Berliner Diskuswerfer Robert Harting am Abend nur olympisches Gold geben.
Die Sache mit dem Bett im olympischen Dorf zum Beispiel. Schöne Bettwäsche, ja, klar, sagt Robert Harting ironisch, nur die Matratze, die ist 30 Zentimeter kürzer als die gewohnte, die von zu Hause. "Meine Füße haben fast Bodenkontakt." Aber aufregen darüber? Pfff, macht Harting da nur. "Das ist egal, einfach egal, weißte. Wenn einen das stört, dann verschwendet man Energie, schon am ersten Tag. Ich kann auch auf dem Boden schlafen."
Harting grinst. Er will keine neue Baustelle aufmachen in seiner Seele, davon gibt es eh schon genug. Der beste deutsche Diskuswerfer sieht aus wie von einem Panzer geschützt, wie er so dasteht im Bauch des Londoner Olympiastadions. Hinter dem Panzer jedoch ist er ein Grübler, immer schon gewesen. Wie ihm sein Wurf in der Qualifikation an diesem Montagmorgen gefallen hat? Es ist ja der einzige gewesen, 66,22 Meter (gefordert waren "nur" deren 65) sind ein Pfund, für das Finale der besten Diskuswerfer langte das mehr als genug. Harting überlegt einen Moment. "War vielleicht ein bisschen vorsichtig. Vielleicht war der Wurf aber auch gut. Mein Trainer und ich sind da öfter mal verschiedener Meinung. Ich bin sehr zufrieden, dass es so geklappt hat."
Robert Harting ist ein Getriebener
Zufriedenheit. Damit verhält es sich bei Robert Harting ein bisschen so wie mit dem Esel und der Möhre. Er hechelt ihr hinterher, aber er erreicht sie nicht, oder allenfalls in flüchtigen Momenten. Harting ist ein Getriebener. Der Beste werden, der Beste sein, der Beste bleiben. Nach dieser Logik vollzieht sich sein Leben als Leistungssportler. So hat es der 27-Jährige zu einem der bekanntesten und auch profiliertesten Gesichter der deutschen Leichtathletik gebracht. Er ist einer ihrer leider wenigen Stars.
Jetzt steht Robert "Shaggy" Harting in London kurz davor, einen letzten Makel in seiner beeindruckenden Vita als Diskuswerfer zu tilgen. Er kann Gold gewinnen, nein: er soll es sogar, fast könnte man meinen, er muss, um nachher nicht unzufrieden zu sein. Wenn vor den Olympischen Spielen nach Deutschlands vermeintlich sichersten Goldmedaillen gefragt wurde, nannten die Leute den Ruder-Achter, die Reiter – und ohne zu Zögern auch den Diskusstar Robert Harting. Wobei er in der Reihenfolge auch häufig ganz vorn zu finden war.
In 28 Wettkämpfen hintereinander ist er unbesiegt inzwischen, seinem Weltmeistertitel von 2011 fügte er im Juni 2012 auch noch den Europameistertitel hinzu. Mittlerweile ist er in der Lage, den Diskus auf berauschende Weiten jenseits der 70-Meter-Marke fliegen zu lassen. Eine Schallmauer, die nur vergleichsweise selten durchbrochen wird. Sieben veritable PS leistet sein rechter Arm, fanden Forscher heraus. Ein durchschnittlicher Kleinmotorroller hat deren fünf. Vielleicht sind Robert Harting und sein Arm gerade auf dem Höhepunkt ihrer gemeinsamen sportlichen Schaffenskraft.
Nie war die Bezeichnung "Endkampf" zutreffender
Harting hat darüber nachgedacht. "Sich selber baut man immer Druck auf, das ist ja nichts Neues. Aber der Druck von außen, der ist neu, definitiv. Ein komisches Gefühl", sagt er und wird beinahe philosophisch: "Es ist erdrückend, weil: Druck drückt meistens. Es ist aber auch ein positives Gefühl. Ich muss jetzt gucken, dass ich das gut kanalisiere, um nicht kaputt zu gehen." Am heutigen Dienstagabend (20.45 Uhr) kommt es darauf an. Nie war die Bezeichnung "Endkampf" wohl zutreffender. Im proppevollen Olympiastadion wird Harting auf einige alte Bekannte treffen: den Esten Gerd Kanter zum Beispiel, den Polen Piotr Malachowski oder den Litauer Virgilius Alekna.
Harting versucht, sein positives Gefühl aus der Qualifikation am Montagvormittag mit bis zum Beginn des für ihn so entscheidenden Wettkampfs zu konservieren. "Stadion geil, Leute geil, Ring gut. Mal sehen, wie er ist, wenn's regnet", sagt er, und: "Ich hoffe, es regnet nicht."
Bis zu dem Abend, der seiner werden soll, wird Robert Harting den Fernseher wohl ausgeschaltet lassen. "Wenn ich Fernsehen gucke, dann vermeide ich Leichtathletik. Und wenn ich Leichtathletik gucke, dann ohne Ton", sagt er. "Ist sonst zu viel Adrenalinverschwendung." Und von Adrenalin kann er ja wirklich nie genug haben.
















