06.08.12

Kommentar

Nach dem Bolt-Triumph bleibt ein schales Gefühl

Von Usain Bolt erwarten die Menschen Besonderes. Und er gibt es ihnen. Doch Jens Hungermann fragt, ob wir glauben dürfen, was wir sehen.

Quelle: dapd
06.08.12 4:16 min.
Olympia Magazin: Usain Bolt bleibt der schnellste Mann dieser Erde: Schon wieder hat er das olympische 100-Meter-Finale gewonnen. Außerdem: Die deutschen Fechter sind sauer trotz Bronze-Medaille.

Faszination – sie kann als Gefühl beschrieben werden, in dem der Eindruck den eigenen Verstand kidnappt. Eine Geiselnahme auf Zeit, sozusagen. So verhält es sich mit Usain Bolts Wundersprints. Peking hat vor vier Jahren während der Olympischen Spiele einen abnormen Moment erlebt, als Bolt den Weltrekord über 100 Meter auf wahnwitzige 9,69 Sekunden drückte, Berlin ein Jahr später während der Weltmeisterschaften, als Bolt die Strecke gar in 9,58 Sekunden rannte.

Auch im Olympiastadion von London bahnte sich wieder eine Art entrückte Euphorie ihren Weg. Der schnellste 100-Meter-Endlauf der Geschichte mit sieben Zeiten unter 9,99 Sekunden, einem olympischen Rekord und drei persönlichen Bestzeiten – muss nicht als Spielverderber verpönt werden, wer da nörgelt und Zweifel an der Glaubhaftigkeit anmeldet, anstatt mit in das tosende Entzücken einzustimmen, als einer, der die gute Show nicht goutiert?

Herrlich elegant sah Bolts Lauf wieder aus in der ihm eigenen Dynamik, raumgreifend und ästhetisch, kraftvoll und irgendwie anmutig. Gut 41 Schritte, gegen Ende jeder mehr als 2,60 Meter lang, benötigt er dafür. Sagenhaft. Oder: märchenhaft?

Kompliziert wird es dann, wenn sich der Verstand aus seiner Geiselnahme zurückmeldet. Die Kernfrage, die zu stellen ist, lautet: Dürfen wir glauben, was wir gesehen haben?

Wer die Olympischen Spiele nicht bloß als "Greatest Show on Earth" begreifen will, muss sie sich stellen. Wie kann es sein, dass Heerscharen nachweislich gedopter Sprinter nur weit schlechtere Zeiten zuwege gebracht haben? Liegt es bloß an zunehmend verwissenschaftlichtem Training, gesunder Ernährung oder dem extra harten Bodenbelag? Ben Johnson hätte mit seiner 100-Meter-Zeit aus Seoul 1988 (9,83 Sekunden) am Sonntag mehr als zwei Meter Rückstand auf Bolt gehabt.

Von Usain Bolt erwarten die Menschen längst nichts Gewöhnliches mehr. Von ihm erwarten sie Besonderes. Und er gibt es ihnen. Zuverlässig. Dennoch bleibt ein schales Gefühl. Vergleichbar mit dem, wenn wir uns auf eine spannende Dokumentation im Fernsehen mit unbekanntem Bildmaterial freuen, dann aber feststellen müssen, dass die entscheidenden Szenen mit Schauspielern nachgestellt worden sind.

Ob und inwieweit dieser schnellste 100-Meter-Lauf der Olympiageschichte nachwirken wird, das muss sich zeigen. Spätestens in acht Jahren werden wir es erfahren – dann läuft die Verjährungsfrist für eingefrorene Dopingproben ab, innerhalb derer sie auf Substanzen überprüft werden können, die heute noch nicht detektierbar sind. Faszinierend.

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