06.08.12

Olympia 2012

Usain Bolt dankt seinem Arzt Müller-Wohlfahrt

Der Jamaikaner Usain Bolt stellt in London wieder alle Gegner in den Schatten. Und ein Stück von seiner Goldmedaille geht nach Deutschland.

Foto: Getty

Vor dem Finale nichts Neues: Usain Bolt hat zur Einstimmung eine kleine Choreographie einstudiert.

15 Bilder

Seit zehn Tagen nun brennt das olympische Feuer in der Arena in London-Straford. Es flackert nicht am Stadiondach, auch nicht auf dem ArcelorMittel Orbit, einer bizarren, 115 Meter hohen Stahlskulptur, die ein bisschen so aussieht, als hätte ein Riese spaßeshalber vier rote Kräne ineinander verknotet.

Stattdessen haben sie das olympische Feuer hier im Stadioninnenraum stehen lassen, wo es munter vor sich hin lodert. Damit es nicht ganz in Vergessenheit gerät, und damit es viel mehr Leute sehen können als die, die mit Glück eine der teuren Eintrittskarten erworben haben, griff das lokale Organisationskomitee zu einem Kniff: Wenn keine Leichtathletik-Wettbewerbe stattfinden, werden die Live-Bilder des Feuers ständig auf den vier großflächigen Videoleinwänden auf dem Stadiondach gezeigt. Das sieht dann so aus, als habe jemand eine Kaminfeuer-DVD eingelegt. Lauschig.

Der Sprint ist wie "Wetten dass..."

Wenn man so möchte, ist der 100-Meter-Lauf der Männer bei Olympia ja auch immer aufs Neue so etwas, wie "Wetten, dass…?" es früher im Fernsehen war: ein Herdfeuer für die ganze Familie. Mehr als zwei Milliarden Zuschauer am Bildschirm wurden gestern Abend erwartet zur spektakulärsten Wette der Spiele. Yohan Blake, Justin Gatlin, Asafa Powell und einige andere wetteten, dass der schnellste Mann der Welt keineswegs unbesiegbar ist: Usain Bolt.

Hatte Blake es nicht erst kürzlich bewiesen? Bei den Olympiaausscheidungsrennen in Jamaika rannte er Bolt Ende Juni gleich zwei Mal deutlich davon, sowohl über die 100 als auch über die 200 Meter, Bolts Leib-und-Magen-Distanz. Der Weltrekordler sah alles andere als amüsiert aus. Ihm musste dämmern, dass sein Plan in Gefahr zu geraten drohte. Dreimal Gold in London sah der vor, auf dass sich Bolts Mantra erfülle: "Ich möchte eine Legende werden."

Sieben Läufer unter zehn Sekunden

Sonntagabend hat er dann aber doch den ersten Schritt dazu getan. In 9,63 Sekunden gewann Bolt den 100-Meter-Lauf vor Landsmann Blake (9,75 Sekunden) und dem Amerikaner Justin Gatlin (9,79). Weil nur knapp dahinter Tyson Gay (9,80) und Ryan Bailey (9,88) aus den USA folgten und zwei weitere Läufer unter 10,0 Sekunden, verkündete der Stadionsprecher unter Gejohle die historische Dimension dieses Abends: "Dies war der schnellste 100-Meter-Endlauf der olympischen Geschichte." Und die Bühne gehörte einer der bedeutendsten Figuren darin.

Als er gegen zwanzig vor zehn Uhr Ortszeit ins Stadion geschlendert kam, schien zunächst irgendetwas um eine Nuance anders zu sein als sonst. Womit nicht die schwarze Wollmütze gemeint ist, die Jamaikas prominentester Exportstar nach Bob Marley trotz 20 Grad Außentemperatur zum langen Trainingsanzug trug. Es war eher eine Ahnung von Angespanntheit. Hatte man den Witz-Bolt nicht schon relaxter gesehen, cooler, schelmischer und mehr Faxen machen? Doch spätestens, als der dreifache Weltrekordhalter (100, 200, 4x100 Meter) aus seinem Startblock schoss, an Geschwindigkeit zulegte und nach 50 Metern die Backen aufblasend die Führung übernahm, da war allen klar, es würde wieder werden wie schon vor vier Jahren in Peking. Diesmal vielleicht nicht mit losem Schuhband und zwei Autolängen Vorsprung, aber doch so deutlich, dass kein Zweifel bestehen konnte: Bolt ist und bleibt der Beste. Er bleibt der größte Renner. An ihn reicht keiner ran. "Er ist einfach der schnellste Mann der Welt", stellte Blake später bewundernd fest.

Dank nach München

Insofern geriet der Verlauf des Abends auch zu einer Genugtuung für den Schlaks mit den 2,65 Meter langen Schritten. "Wenn es drauf ankommt, dann bin ich da." Und dann schickte er sofort einen Dankesgruß nach Deutschland, an seinen Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt in München. "Er ist der beste Arzt auf der Welt", sagte der Superstar aus Jamaika. Gut einen Monat vor den Spielen hatte sich der 25-Jährige wegen Rückenproblemen vom Orthopäden der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und des FC Bayern München behandeln lassen. "Ein Stück dieser Medaille geht auch nach Deutschland", sagte Bolt.

Sein Schlüsselerlebnis war die Olympiaausscheidung daheim vor einigen Wochen gewesen. Bolt erklärte dazu: "Ich habe aus den Trials eine Menge gelernt. Das hat mir die Augen geöffnet." An der Freundschaft zu Yohan Blake hat das das Konkurrentenverhältnis gleichwohl angeblich nichts geändert. In Jamaika trainieren beide gemeinsam in einer Sprintergruppe von Glen Mills, dem Trainer-Guru der Insel. Auch Sonntagabend sah man Blake – seine Spitznamen "The Beast" verpasste ihm übrigens der drei Jahre Ältere – und Bolt Seite an Seite über den Aufwärmplatz schlendern.

"Ich wollte zwar gern gewinnen, aber ich danke Gott auch für die Silbermedaille", sagte Blake nach einem Lauf, der ihm seinen zweitgrößten Erfolg nach dem Weltmeistertitel 2011 einbrachte. "Ich bin Zweiter in einem wunderbaren Rennen. Das ist großartig."

Aus den Lautsprecherboxen wummerte das passende Lied, als Bolt unter dem Gejohle von 80.000 Zuschauern seine Ehrenrunde antrat: Daft Punks "One more time / celebrate with me!" Und endlich formte er mit den Armen dann den berühmten Bolt-Bogen. Es war perfekt gelaufen. Er war perfekt gelaufen. Wer jetzt noch Zweifel hat, dass der nun viermalige Olympiasieger nicht auch die 200 Meter am kommenden Mittwoch gewinnt, muss Samstagabend weggeschaut haben. Ins Feuer, oder so.

Es gibt keinen Vergleichbaren

Das Geschäft mit und um den Wundersprinter aus der Karibik brummt, und es wird wohl alles nur noch krasser werden, sollte Bolt in London tatsächlich wieder drei Goldmedaillen hamstern. Meeting-Veranstalter wie in Ostrava/Tschechien, wo Bolt jedes Jahr aufs Neue startet, fleddern ja jetzt schon ihre Kassen, um dem entzückten Publikum "Athletics' Biggest Star" vorführen zu können. Rund 250.000 US-Dollar Antrittsgage seien pro Start fällig, wird in der Szene kolportiert.

Einer wie Alfons Juck kann sehr gut beschreiben, was Bolt für eine Branche bedeutet, die nach Megastars lechzt. Seit 27 Jahren promotet Juck Leichtathletik-Meetings, er sagte der Zeitschrift "Sports Illustrated": "Wenn man Usain hat, hat man ein ausverkauftes Stadion, man hat Sponsoren, die Fernsehsender sind happy. Jemand Vergleichbares wie Bolt hat er nie gesehen. "Keiner der anderen großen Athleten von früher, sei es Carl Lewis, sei es Sergej Bubka, war wie er." Patrick Magyar, Meetingdirektor in Zürich, meint: "Usain ist in einer speziellen Kategorie, er ist ein Kulturphänomen."

Wobei auch dieses Mal wie immer gilt: Erst wenn die Ergebnisse der Dopingtests vorliegen, ist die Sache amtlich. Und das auch nur unter Vorbehalt solange, bis die Achtjahresfrist für Nachtests auf bislang undetektierbare Substanzen abgelaufen ist.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams
U.S. President Barack Obama and First Lady Michelle wave as they board Air Force One to depart from Berlin
19.06.13Minutenprotokoll
Obama in Berlin – Bye Bye, Mr. President

US-Präsident Barack Obama, Ehefrau Michelle und die Töchter Sasha und Malia haben in Berlin ein eng getaktetes Programm absolviert. Der Tag der Obamas im Minutenprotokoll. mehr...

Dritter Gang  Königsberger Klopse, Rote Bete und Stampfkartoffel
19.06.13Abendessen
Obamas Berliner Menü - die Rezepte zum Nachkochen

Eigentlich hat Zwei-Sterne-Koch Tim Raue ein Faible für Asien – für den Empfang des US-Präsidenten und die Kanzlerin kocht er aber bodenständig. Ein Gericht ist trotzdem sehr aufwendig geraten. mehr...

Obama in Berlin
19.06.13Obama in Berlin
Michelle Obama und ihr Gespür für Mode - eine Stilkritik

Besonders Michelle Obama zieht mit ihrem Outfit die Blicke auf sich. Ihre Töchter Sasha und Malia stehen ihr da in nichts nach. Wir zeigen, wie stylish der Berlin-Ausflug der Präsidentenfamilie ist. mehr...


„Das Internet ist für uns alle Neuland“, sagte Kanzlerin Merkel in einer Pressekonferenz mit US-Präsident Obama
19.06.13Häme bei Twitter
"Die kleine Angela möchte aus #neuland abgeholt werden"

Mit einer Bemerkung über das Internet zog Kanzlerin Merkel im Netz viel Spott auf sich. In Sekundenschnelle wurde "#Neuland" zum meistdiskutierten Begriff auf Twitter in Deutschland. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
Multimedia
Grafik

So funktioniert der 100-Meter-Lauf

Top-Thema

Aus dem Bett ihrer Suite im „Ritz-Carlton“ kann das Präsidentenpaar auf den Potsdamer Platz schauen
Obamas Hotel in Berlin

Hier übernachtet die First Familiy

Video Nachrichten mehr
Berlin-Besuch Obamas Rede in voller Länge
Berlin-Besuch Absperrungen und Hitze am Brandenburger Tor
Deutschland-Besuch Familie Obama zu Gast in Berlin
Berlin-Besuch Obama von Bundespräsident Gauck empfangen
 
Top Bildershows mehr
US-Präsident

Barack Obama und sein Tag in Berlin

Eigenes Programm

First Lady Michelle Obama in Berlin

First Lady

Das ist die Stilikone Michelle Obama

Staatsbesuch

Von Kennedy bis Bush – US-Präsidenten in Berlin

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote