05.08.12

Lilli Schwarzkopf

Erst disqualifiziert – dann doch noch Silber im Siebenkampf

Was für ein Drama. Lilli Schwarzkopf hat nach einer Disqualifikation über 800 Meter am Ende doch eine Medaille im Siebenkampf gewonnen.

Foto: DAPD
Olympia 2012: Leichtatheltik.
"Das ist eine Art von britischem Humor, die ich bis an mein Lebensende nicht verstehen werde", sagte Lilli Schwarzkopf nach dem kuriosen Wettkampf

Lilli Schwarzkopf strahlte, sie winkte ins Publikum, hauchte der Kamera ein Küsschen zu. In der Form ihres Lebens hatte sich die deutsche Siebenkämpferin gewähnt. Und tatsächlich: Vor dem abschließenden 800-Meter-Lauf hatte sie auf dem fünften Rang auf ihre Chance gelauert.

Sie war das Rennen dann schnell angegangen, nach der Eingangskurve als Erste auf die Innenbahn gezogen und am Ende als Vierte ins Ziel gestürzt. Das musste reichen, mit den Punkten für diese kämpferische Klasseleistung hatte sie mindestens zwei Konkurrentinnen vor ihr abgehängt – und eine Medaille gewonnen. Oder?

Als die Siebenkämpferinnen just auf ihre obligatorische Ehrenrunde gegangen und 300 Meter weit gekommen waren – allen voran die neue, frenetisch bejubelte Olympiasiegerin Jessica Ennis *, da folgte der Schock. Die 80.000 im Stadion riefen einen kurzen Countdown von drei, zwei, eins, dann blinkten auf der Anzeigetafel die Endresultate auf. Lilli Schwarzkopfs Name fehlte.

Erst blickte sie irritiert, dann schockiert. 0 Punkte wurden ihr für den 800-Meter-Lauf ausgewiesen, im Endtableau verharrte sie bei den 5692 Punkten, die sie nach sechs Disziplinen. Plötzlich war sie nur noch 26. Schwarzkopf wurde blass. Was war passiert?

Das elektronische Ergebnis-System auf den Tribünen zeigte eine Disqualifikation nach IAAF-Regel 163.3 an: "line infringement". Schwarzkopf soll auf ihrem Lauf zur Medaille eine Linie überschritten haben. Sie konnte es nicht fassen. Minutenlang schritt sie durch den Innenraum der Arena, die Hände hinter dem Kopf gefaltet und begleitet von einem offiziellen Kampfrichter in einem grünen Sakko. Dann hockte sie da wie ein Häuflein Elend und wusste nicht, wie ihr geschah.

Verwechslung mit Bahn sechs

"Ich habe beim ersten Schiri nachgefragt, dann beim nächsten, dann beim dritten und dann vierten. Man sagte mir, ich hätte die Linie betreten. Ich sagte dann: 'Das müssen Sie mir erst zeigen.' Hin und her, her und hin. Dann hat sie mir die siebte, achte Bahn gezeigt. Und ich zu ihr: 'Da bin ich gar nicht gelaufen. Ich muss die Videoaufnahme sehen.'"

Gemeinsam sind sie dann zum Videoraum. "Ich habe gesehen, da ist der Fuß, aber es ist nicht meiner", erzählt Schwarkopf. "Dann hat die Dame auch gesagt: Ich habe einen Fehler gemacht. Sie sagte dann ganz trocken: 'Ich werde Sie dann in die Wertung wieder aufnehmen und Ihre Zeit wieder berücksichtigen. Wir müssen das Ergebnis im Stadion wohl noch mal einblenden.' Ich habe ihr dann gesagt: 'Bitte machen Sie das.'"

Während ihre Siebenkampf-Kollegin Julia Mächtig in den Katakomben noch mitleidig von dem Moment berichtete, wie ihnen an der Anzeigetafel die Kinnlade herunter gesunken war, nahm das Drama also seine neue Wendung. Noch bevor der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) Einspruch einlegen konnte, war die Disqualifikation zurückgenommen worden. "Ich bin total durcheinander", stammelte Schwarzkopf in den Stadionkatakomben. "Die Briten haben eine schöne Art von Humor. Sie haben mich verwechselt. Ich habe keinen Fehler gemacht!"

Zunächst war unklar, ob es nun zu Silber oder Bronze gereicht hatte. Erst viel später wurde bestätigt: Schwarzkopf erhält Silber. Aber geglaubt hat sie selbst es erst, als sie bei der Siegerehrung auf das zweithöchste Treppchen steigen durfte. "Hauptsache es glänzt – egal, welche Farbe", hatte sie während der nervenaufreibenden Wartezeit mehrfach gasagt. Neue Mehrkampf-Queen ist die Britin Jessica Ennis, die mit der Weltjahresbestleistung von 6955 Punkten Gold holte. Vor Schwarzkopf, die ihre Gefühle danach erst wieder einfangen musste: "Ich dachte nur, mein Tag kann nicht so enden. Das war mein Wettkampf. Nein, bitte nicht. Die können mich doch nicht einfach so stehen lassen. Ich war nervlich viel zu platt, das nachvollziehen zu können. Das war wirklich ein Geschenk der Briten über den Wettkampf hinaus bis an mein Lebensende."

Fast hätte es Sebastian Bayer ja an diesem aufregenden Abend David Storl und Lilli Schwarzkopf nachgetan und eine Medaille gewonnen. In einem spannenden Weitsprung-Wettbewerb landete der Hamburger seinen besten Versuch bei 8,10 Meter. Zwei Zentimeter mehr, und er wäre mit Bronze belohnt worden. Gold gewann der Brite Greg Rutherford (8,31 Meter).

Der Chemnitzer Storl hatte den Weg bereitet. In der ersten Entscheidung der Leichtathletik-Wettbewerbe in Londons Olympiastadion gewann er Freitagabend Silber. Gold verloren habe er nicht, findet Storl, obwohl ihm letztlich nur mickrige drei Zentimeter fehlten auf den polnischen Sieger Tomasz Majewski (21,89 Meter). "Ich freue mich riesig über die Silbermedaille", versicherte Storl treuherzig. "Welcher Sportler kann schon von sich behaupten, mit 22 Jahren Olympia-Silber gewonnen zu haben? Man sagt ja, dass das beste Kugelstoßer-Alter erst mit 25 beginnt. Das waren alles gestandene Männer da draußen. Ich fange ja erst an."

Aufgeregt sei er gewesen, das schon, beichtete Storl, und es klang ein latentes Gefühl von Versagensangst durch. Doch nicht einmal der jähe Tod seiner Großmutter vorige Woche brachte ihn nachhaltig in seiner Konzentration darauf ab, sein Arbeitsgerät auf 21,86 Meter zu wuchten. Eine bemerkenswerte Fähigkeit für einen 22-Jährigen. Mit dem zweiten Platz hatte Storl dem DLV einen Auftakt in diese Spiele bescherte, der mindestens auf Erleichterung stieß. Schon nach einem Tag war die Bilanz von Peking übertroffen – wobei das angesichts des verdrießlich niedrigen Niveau von damals (ein Mal Bronze) nun auch kein Hexenwerk ist. Und der Anspruch des DLV in diesen Tagen in London schon gar nicht.

Wie hat David Storl noch gesagt? "Wir sind als sehr gute Mannschaft hier angereist. Ich hoffe, dass mein Wettkampf ein Signal gewesen ist."

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