03.08.12

Aus London abgereist

Ruderin Drygallas und der braune Schatten auf Olympia

Die Nähe der deutschen Ruderin Drygallas zu einem NPD-Funktionär sorgt für Aufregung in London. Die Verbände wollen nichts gewusst haben.

Foto: DAPD

Nadja Drygalla ist ab dem 1. September Sportsoldatin.

8 Bilder

Sie wussten schon lange Bescheid in ihrer Heimatstadt. Der Vorstand des Olympischen Ruder-Clubs Rostock setzte sich 2010 mit seinen Mitgliedern Nadja Drygalla und Michael F., ihrem Lebensgefährten, zusammen. Der Verein hatte erfahren, dass sich F. in der rechtsextremen Szene engagiert.

Der damals 22-Jährige machte in dem Gespräch auch keinen Hehl aus seiner Gesinnung, der ORC schloss ihn daraufhin aus. Drygalla, damals 21, dagegen durfte bleiben – weil sie zwar die Beziehung zu F. bestätigte, sich vom rechten Gedankengut aber distanzierte.

Bei dem Deutschen Ruderverband (DRV) und dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) wussten sie von all dem angeblich nichts. Erst durch einen Bericht auf einer linkspolitischen Internetplattform und Nachfragen von Journalisten wollen die Funktionäre am Donnerstag von Drygallas Verbindung zu F., der ebenfalls Ruderer war und 2006 bei den Junioren-Weltmeisterschaften als Schlagmann Silber mit dem Deutschland-Achter geholt hatte, erfahren haben. Sie reagierten umgehend. Michael Vesper, Chef de Mission der deutschen Mannschaft, und DRV-Sportdirektor Mario Woldt trafen sich Donnerstag mit Drygalla, die zum Deutschland-Achter der Frauen gehört, der im Vorlauf ausgeschieden war. Woldt sagte: "Nadja Drygalla hat starkes Bedauern ausgedrückt, und auch Entsetzen darüber, dass das solche Dimensionen annimmt."

Angeblich kein Druck vom Verband

Angesichts dessen habe sie erklärt, die olympische Unterkunft der Ruderer sofort verlassen zu wollen – "um keine Belastung für die deutsche Olympiamannschaft entstehen zu lassen", wie Vesper erklärte. Der Verband habe keinerlei Druck auf Drygalla ausgeübt, diesen Schritt zu unternehmen, befürwortete ihn aber. "Der Deutsche Ruderverband begrüßt die Entscheidung", so Vesper, der sich am Freitag bemühte, der Athletin Rückendeckung zu geben. "Ich denke, dass es in Deutschland – Gott sei Dank – den Grundsatz gibt, dass jeder für seine eigenen Haltungen und Taten verantwortlich ist und nicht für die seines Umfeldes", sagte er: "Wir würden jedem Menschen Unrecht tun, wenn wir ihn über einen anderen Menschen aus seinem persönlichen Umfeld definieren würden. Wenn wir nur den leisesten Hinweis darauf hätten, dass ein Mitglied unserer Mannschaft fremdenfeindlich wäre, wäre diese Person nicht länger Mitglied unserer Mannschaft."

Schwieriger Spagat

Drygalla habe in dem Gespräch keinen Zweifel daran gelassen, "dass sie hinter den Werten der olympischen Charta steht. Ich habe keinen Zweifel daran, dass sie nicht nur auf dem Boden des deutschen Grundgesetzes, sondern auch auf dem der olympischen Werte steht."

In der Athletenvereinbarung, die der DOSB mit jedem nominierten Sportler trifft, ist unter Punkt 3 b) die Verpflichtung genannt: "Er/Sie erkennt die olympische Charta und die sich daraus ergebenden Verpflichtungen (...) als verbindlich an." Zudem steht in der Präambel zu lesen: "Er (der Athlet – d.R.) tritt rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen sowie jeder Form von Gewalt entschieden entgegen."

Es ist zumindest zweifelhaft, dass Drygalla dieser Spagat zwischen den Werten ihres Lebengefährten und denen der Olympiacharta gelingen kann. Michael F. ist ein führendes Mitglied der rechtsextremen Gruppierung Nationale Sozialisten Rostock und Funktionär der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD). Darüber hinaus soll er zu den Betreibern des Nazi-Blogs "Mupinfo" gehören. Bei einer Gedenkkundgebung für die Opfer der NSU-Mordserie im Februar in Rostock soll F. mit Gesinnungsgenossen aufgetaucht sein. Die Männer waren vermummt und bewaffnet und wollten die Veranstaltung stören. Ein Polizist wurde mit einer Eisenstange geschlagen und verletzt. F. soll Fotos von Kundgebungsteilnehmern ins Netz gestellt haben.

Ist es wirklich möglich, mit solch einem Mann zusammenzuleben und gleichzeitig rassistisches Gedankengut abzulehnen?

Der Ruderverband will nach den Spielen mit der Sportlerin sprechen. Der DRV-Vorsitzende Siegfried Kaidel sagte: "Wenn sich bestätigt, dass sie nichts damit zu tun hat, warum soll sie nicht weitermachen? Sie ist von sich aus abgereist, sie wollte das Team nicht stören. Wir dürfen sie nicht vorverurteilen."

Drygalla stecke in einem tiefen Zwiespalt, sagte Walter Arnold, Vorstandsvorsitzender des Olympischen Ruder-Clubs Rostock, der "Berliner Morgenpost": "Sie will ihr persönliches Glück finden, sich aber nicht von rechten Gedanken anziehen lassen." Immer wieder würde im Verein über Drygallas Verhältnis zu Michael F. diskutiert, "aber sie will diese Beziehung aufrechterhalten. Ich denke, dass so junge Menschen in ihrer Persönlichkeit noch nicht voll gefestigt sind. Von daher geben wir die Hoffnung nicht auf". Ein Vereinsausschluss für Drygalla komme nicht infrage, "sie sagt ganz klar, dass sie nicht so denkt wie ihr Freund".

Aus dem Polizeidienst ausgeschieden

Besonders brisant ist die Verbindung zwischen Drygalla und F., weil die Olympiateilnehmerin eine Ausbildung als Polizeianwärterin absolvierte und der Sportfördergruppe des Landes Mecklenburg-Vorpommern angehörte. Mitte vergangenen Jahres waren dann im Internet erstmals Gerüchte aufgetaucht, wonach die angehende Polizeibeamtin Kontakte in die Neonazi-Szene habe. Sie quittierte daraufhin zum 30. September 2011 ihren Dienst. Nach Informationen der "Berliner Morgenpost" war ihr dies von den Vorgesetzten nahegelegt worden. "Nachdem dem Innenministerium 2011 bekannt wurde, dass auch Personen zum Bekanntenkreis von Nadja Drygalla gehören, die der offen agierenden rechtsextremistischen Szene zugehörig sind, wurden mit ihr intensive Personalgespräche geführt", teilte das Ministerium mit. Die Gespräche hätten dazu geführt, "dass Nadja Drygalla einen Antrag auf Entlassung stellte, welchem stattgegeben wurde", hieß es weiter.

Das Verhältnis war in der Ruder-Szene bekannt

DOSB und DRV wollen von all diesen Geschehnissen bis Donnerstag nichts gehört haben. "Uns war da nichts bekannt. Frau Drygalla hat sich in der Zeit der Olympiavorbereitung immer vorbildlich verhalten. Es gab nie Grund zur Beschwerde oder für Anmerkungen", erklärte Sportdirektor Woldt. Aber können diese Darstellungen wirklich stimmen?

Unbekannt waren die Informationen über Drygallas Privatleben in der deutschen Ruderszene jedenfalls ganz sicher nicht. Die Bundestagsabgeordnete Petra Pau von den Linken sagte der "Taz": "Frau Drygalla wird ein strammer Hang ins Nazi-Milieu nachgesagt. Das ist nicht neu, und das war nicht unbekannt. Dennoch wurde sie sportlich von Behörden und Organisationen zur Olympiareife gefördert." Und auch eine Teamkollegin gab an, dass die Debatte schon lange geführt werde. "Wir haben das Thema in der Mannschaft öfter diskutiert – was wir über diese Einstellung denken und dass das nicht geht. Dass wir ganz andere Haltungen haben", erklärte Carina Baer, die in London im Doppelvierer Silber gewann. Nein, sagte sie dann noch, neu sei die Diskussion nicht.

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