London 2012

Hetze gegen Berliner Ringrichter nach Olympia-Boxskandal

Der Unparteiische Frank Scharmach wird nach seiner Sperre wegen angeblicher Fehlentscheidung im Internet verunglimpft.

Niemand kann sagen, dass Frank Scharmach einen einfachen Job hat. Ringrichter im Boxsport leben bisweilen ja gefährlich. Kommt es doch vor, dass eine kräftige Athletenfaust mal ihr Ziel verfehlt und im Gesicht des Kampfrichters landet. Oder ein Boxer fühlt sich nach einer Niederlage ungerecht behandelt, in der folgenden Nacht gehen dann anonym Morddrohungen beim Unparteiischen ein. So etwas hat auch schon Frank Scharmach in seiner Karriere als Kampfrichter erlebt. Doch das, was im olympischen Boxturnier in London geschehen ist, war auch für den 44-jährigen Berliner Neuland.

Im Achtelfinale im Schwergewicht zwischen dem Iraner Ali Mazaheri und dem Kubaner Jose Larduet Gomez verwarnte der deutsche Unparteiische den nach Punkten führenden Mazaheri dreimal, sodass dieser disqualifiziert wurde, und Gomez unverhofft als Sieger aus dem Kampf hervorging – ein mehr als umstrittenes Urteil. Der Iraner verließ wutentbrannt den Ring, um Scharmach nach dem Kampf sogar Betrug vorzuwerfen: "Das war ein abgekartetes Spiel" ächzte Mazaheri. "Ich hätte problemlos um Bronze kämpfen können, wenn das nicht gewesen wäre. Es war alles arrangiert."

Die AIBA, der Weltverband der Amateurboxer, reagierte unerwartet hart auf die Unregelmäßigkeiten während des Kampfes und suspendierte Scharmach für fünf Tage vom olympischen Betrieb. Allzu oft hatten die Funktionäre in der Vergangenheit derartige Beschwerden noch mit dem Hinweis ignoriert, dass es sich in diesem Sport eben um Tatsachenentscheidungen handele. Scharmach aber bekam eine fünftägige Pause verordnet.

Reaktionen aus Deutschland folgten prompt: Der Sportdirektor des Deutschen Boxsport-Verbandes, Michael Müller, teilte mit, dass der DBV voll und ganz hinter der Entscheidung der AIBA stehe. Der Präsident des Berliner Box-Verbandes, in dem Scharmach als Mitglied des SV Lichtenberg 47 organisiert ist, Hans-Peter Miesner, sagte der "Berliner Morgenpost", das sei "eine bedauerliche Sache", die "sehr, sehr unschön ist". Dabei sei Scharmach ein "sehr souveräner Kampfrichter, der sich noch nie etwas hat zu Schulden kommen lassen", so Miesner. Auch wurde der Berliner bei vergangenen Weltturnieren mehrmals als weltbester Kampfrichter ausgezeichnet. "Umso mehr bin ich nur verwundert", sagte Miesner. Allerdings müsse auch bedacht werden, so Miesner weiter, dass auch ein Ringrichter Fehler mache, ohne dass es sich dabei gleich um Betrug handele.

Daheim in Berlin sind sie sehr verwundert

Frank Scharmach selbst darf sich zu den Vorwürfen zunächst nicht äußern. Es ist zu vermuten, dass die AIBA den deutschen Ringrichter auch deshalb vorläufig aus dem Turnier genommen hat, um ihn vor etwaigen negativen Reaktionen der Zuschauer bei anderen Kämpfen zu schützen.

Noch viel drastischer als bei Scharmachs Suspendierung aber reagierte der Weltverband AIBA in zwei weiteren Fällen bei den Sommerspielen, bei denen es Auffälligkeiten gegeben hat. Besonders skurril mutet der Fall des turkmenischen Ringrichters Ischanguli Meretnijasow an. Er hatte im Bantamgewichtsduell Satoshi Shimizu aus Japan gegen den Aserbaidschaner Magomed Abdulhamidow zum Verlierer nach Punkten erklärt (17:22), obwohl dieser seinen Gegner in Runde drei gleich sechsmal zu Bode geschickt hatte. Bei den letzten drei Niederschlägen hatte der Ringrichter den aserbaidschanischen Boxer nicht einmal mehr laut angezählt, wie es das Reglement verlangt. Der sichtlich mitgenommene Abdulhamidow konnte den Ring nur mit Hilfe seines Trainers aufrecht verlassen, und Shimizu legte offiziell Protest ein.

Die AIBA erklärte den Japaner noch am Mittwoch nachträglich zum Sieger und sperrte den turkmenischen Ringrichter Meretnijasow ebenso wie Aghajan Abijew, einen technischen Offiziellen aus Aserbaidschan, der während des Kampfes gegen den Führungscode verstoßen haben soll.

"Ich bedauere zutiefst, dass wir diese Entscheidungen treffen mussten. Aber unser Hauptanliegen muss immer der Schutz der Fairness in den Wettbewerben sein", sagte AIBA-Präsident Wu Ching-Kuo.

Der Taiwaner hat allen Grund, hart durchzugreifen. Waren doch im vergangenen Jahr Vorwürfe laut geworden, wonach Aserbaidschan dem Weltverband rund zehn Millionen US-Dollar für zwei Boxmedaillen bei den Spielen in London gezahlt haben soll. Zwar wies dies die von der AIBA eigens einberufene Sonderkommission nach internen Untersuchungen als "grundlos und jeder Grundlage entbehrend" zurück. Aber der fade Beigeschmack blieb.

Kritik gab es auch von prominenter Seite: Der frühere britische Schwergewichtsweltmeister Lennox Lewis sagte nach den Vorfälle um die Ringrichter: "Das macht mir Sorgen. Man weiß bis zum Schluss nicht, wie der Kampf ausgehen wird."

Mit Hitler-Bart und Teufelshörnern

Frank Scharmach übrigens dürfte nach den fünf Tagen seiner Suspendierung vom 7. August an wieder beim olympischen Boxturnier eingesetzt werden. Aber selbst wenn er für einen weiteren Kampf nominiert werden sollte, ist offen, ob er dies wahrnimmt. Zu negativ waren die Reaktionen nach Mazaheris Disqualifikation – besonders aus dem iranischen Lager. Auf Facebook gibt es bereits zwei Gruppen, die den Kampfrichter offen angreifen. Eine davon nennt sich "We hate Frank Scharmach" ("Wir hassen Frank Scharmach"). Dort ist der Deutsche mit roten Teufelshörnern, einem Dreizack und Hitler-Bärtchen abgebildet. Schon rund 2600 Internet Nutzern gefällt das makabre Nachspiel.

Keine Frage: Es gibt derzeit wahrlich angenehmere Jobs als den des Ringrichters bei Olympia in London.

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