Olympia 2012
Berliner Fehlstart im Londoner Schwimmbad
Gescheitertes Traumpaar: Erst scheidet Paul Biedermann ganz überraschend aus, dann schwimmt Britta Steffen mit der Staffel hinterher.
Fluchen wollten die deutschen Schwimmer bei diesen Olympischen Spielen eigentlich nicht. Sie hatten sich viel vorgenommen, beschworen den guten Teamgeist und waren optimistisch wie lange nicht mehr. Was dann aber am ersten Tag der Wettkämpfe im Aquatics Center passierte, fasste Paul Biedermanns Trainer Frank Embacher von allen am besten zusammen. "Jetzt müssen wir erst einmal zwei Stunden das böse Wort mit "Sch" ins Handtuch brüllen. Dann werden wir Sonntag wieder von vorne angreifen", sagte er und versuchte zu lächeln. Aber es fiel ihm sehr schwer.
Es sollte ein erfolgreicher Start werden. Ein Anfang, der Mut macht und am besten zwei Medaillen für Deutschlands Schwimmtraumpaar Biedermann und Britta Steffen bringt. Stattdessen aber geriet der erste Wettkampftag der Schwimmer in London zu einem Desaster für die Deutschen.
Die Trainer suchten nach Erklärungen, Paul Biedermann suchte enttäuscht und etwas wortkarg schnell den Weg aus der Halle – und seine Lebensgefährtin Britta Steffen suchte nach einem Weg zu Optimismus. "Paul ist traurig, wir Mädels sind traurig. Aber weinen hilft jetzt nicht", sagte die Berlinerin kämpferisch.
Eigentlich wollte Biedermann am Abend über 400 Meter Freistil seine erste olympische Medaille holen. Die 4x100-Meter-Staffel der Frauen hatte das gleiche geplant. In den Vorläufen war jedoch unerwartet Schluss. "Das war ein rabenschwarzer Tag", sagte Lutz Buschkow, Sportdirektor des Deutschen Schwimmverbandes (DSV). "Wir haben den Auftakt nicht so hingelegt, wie wir wollten." Auch die Brustspezialisten Christian vom Lehn und Hendrik Feldwehr schieden über die 100-Meter-Distanz aus.
Erinnerungen an Peking 2008
Da kommen zwangweise Erinnerungen an die Olympischen Spiele 2008 in Peking hoch. Damals schlichen die Deutschen in den ersten Tagen fast ausnahmslos enttäuscht aus der Halle – bis Steffen mit ihrem Olympiasieg über 100 Meter Freistil die Stimmung hob.
In London sollten deshalb gleich zu Anfang die Weichen für erfolgreichere Spiele gestellt werden. Das ging daneben. Schön zu reden gab es da nichts. Der gravierende Unterschied zu Peking ist aber Britta Steffen, die sich nicht zurückzog, sondern sich nach einigem Durchatmen schnell fing und nach außen hin Stärke zeigte.
Den Vorlauf ihres Lebensgefährten Paul Biedermann hatte sie vor ihrem eigenen Start direkt in der Halle gesehen. Nachdem der Hallenser bei den Europameisterschaften im Mai erst nach 200 Metern langsam auf Touren gekommen war, legte er in London von Beginn an schnell los. Er blieb nach 100 Metern gar unter seinem Weltrekord aus dem Jahr 2009. Bis 350 Meter war er im Soll, denn normalerweise liegt seine Stärke auf der letzten Bahn. Aber diesmal ging die offensive Taktik nach hinten los. "Ich wollte das Rennen von vorne schwimmen. Hinten heraus konnte ich das aber nicht halten", sagte er. "Ich bin enttäuscht und brauche jetzt eine Stunde, um mich zu sammeln."
Sein Trainer Frank Embacher nahm die Schuld für die schwache Zeit von 3:48,50 Minuten auf sich. "Ich habe ihm die Maßgabe gegeben, dass er ein bisschen anders schwimmen sollte, als er es gewohnt ist", sagte er und verzog verärgert das Gesicht. Biedermann, vor einem Jahr noch Dritter bei der Weltmeisterschaft über diese Strecke, sollte ruhiger schwimmen, mehr Beinarbeit machen und die Kraft in den Armen für das Finale aufsparen. Der Plan ging nicht auf. Die verstärkte Beinarbeit hatte ihn müde gemacht, sodass die Explosion am Ende ausblieb.
Steffen hatte wohl einen zerknirschten jungen Mann nach dem Rennen erwartet, der am Boden ist. "Ich war überrascht von seiner Haltung", berichtet sie. "Er hat mich ganz klar angeguckt und gesagt, das war scheiße, jetzt gucke ich aber, was ich daraus lernen kann."
Die Frauenstaffel mit Steffen, Silke Lippok, Lisa Vitting und Daniela Schreiber hatte sich im Anschluss verpokert und schied als Neunte aus. "Wir haben die Konkurrenz unterschätzt", sagte Steffen ganz ehrlich. Nachdem das Quartett noch bei den Weltmeisterschaften vor einem Jahr in Shanghai/China Bronze geholt hatte, waren alle von einem problemlosen Einzug in das olympische Finale ausgegangen. Steffen sollte 90 bis 95 Prozent schwimmen, Lippok und Vitting mit voller Kraft und Schreiber am Ende einen taktischen Endspurt hinlegen. "Das ist zünftig in die Hose gegangen", gab Buschkow zu.
Bei Olympischen Spielen die Konkurrenz zu unterschätzen, ist fatal. Während die meisten anderen Staffeln mit voller Kraft schwammen, sollten und wollten sich die Deutschen Reserven lassen. "Teilweise war das wohl zu viel Reserve", sagte Schlussschwimmerin Daniela Schreiber frustriert.
Trainer nehmen die Schuld auf sich
Nun wäre es zu einfach, die Schuld alleine bei den Trainern zu suchen. Von ihnen stammte schließlich die taktische Vorgabe. Die Schwimmerinnen mussten jedoch auch darauf achten, was die Konkurrenz auf den anderen Bahnen machte. Britta Steffen wollte sich allerdings gar nicht hinter den Trainern verstecken. "Letztendlich haben wir es verbockt. Wir sind mündig, wir hätten selber wissen müssen, wie wir das schwimmen sollen", stellte sie richtigerweise klar.
Während Steffen bei den Spielen in Peking fast unter dem Druck auf ihren Schultern zusammenbrach und vor ihren Olympiasiegen wenig Selbstbewusstsein versprüht hatte, scheint sie den ersten Tag unbeschadet überstanden zu haben. Kein schneller Abgang, kein gebeugter Gang, keine herunterhängenden Schultern. Die Körpersprache war ganz anders als in den ersten Tagen von Peking. Dass sie am Mittwoch verunsichert in ihren Vorlauf über 100 Meter Freistil gehen wird, weist sie von sich. "Für einen Vorlauf war mein Staffelrennen okay. Ich hatte ein gutes Gefühl", sagt die Berlinerin.
Bleibt zu hoffen, dass die Mannschaft nicht wie in Peking in einen Sog gerät, der sie weiter nach unten reißt. Mit Glück war es ein Weckruf zur rechten Zeit.
Paul Biedermann kann sich gleich am Sonntag im Vorlauf und im Halbfinale über 200 Meter Freistil rehabilitieren. Leicht wird es nicht – auf wohl keiner anderen Strecke sind die Weltbesten so eng zusammen. Jeder der acht Schwimmer, die sich für das olympische Finale am Montagabend qualifizieren, hat theoretisch eine Chance auf Gold.
Embacher versucht, die Situation mit Humor zu nehmen: "Sarkastisch gesagt, haben wir jetzt mehr Kraft für diese Strecke", sagte Biedermanns Trainer.















