19.07.12

Dream Teams

Der große Streit im Olymp der Basketball-Götter

Vor 20 Jahren begeisterte das Dream Team bei den Olympischen Spielen in Barcelona die Welt. Nun zetteln die Nachfolger eine Debatte an. Sie seien besser als Jordan, Bird & Co. Ganz Amerika diskutiert.

Foto: DAPD
USA Brazil Basketball
Einer aus dem neuen "Dream Team": LeBron James und seine Kollegen gewannen den Olympiatest gegen Brasilien 80:69

Barack Obama ist wie ein Teenager beim ersten Date, als die Kamera ihn und seine Ehefrau Michelle dutzendfach vergrößert auf die Videoleinwand im Verizon Center von Washington wirft. Schüchtern wie während des früheren Kinobesuchs zu zweit legt er Mitte des zweiten Viertels den Arm um die Frau neben ihm, doch die übrigen Zuschauer des Olympia-Tests der US-Basketballer gegen Brasilien buhen vor Enttäuschung.

Die "Kiss Cam" ist eines der wichtigsten Rituale bei Sportevents in den USA. Und sie verlangt eine andere Form der Annäherung als eine lumpige Umarmung: Wer von der "Kiss Cam" eingefangen wird, muss seine Nachbarin küssen, ob er nun zufällig Präsident ist oder nicht. Immerhin nutzte das US-Staatsoberhaupt die zweite Chance und drückte seiner Michelle kurz vor Spielende einen standesgemäßen Schmatzer ins Gesicht.

22 Minuten reichen ihnen, um das Herz ihres Präsidenten basketballspielend zu erweichen, das wissen die großen Favoriten auf das Olympia-Gold jetzt. Viel wichtiger ist für sie jedoch die Frage: Wie langen brauchten ihre Vor-Vor-Vorgänger dafür?

Wichtiger als die Cruise-Scheidung

Da George Bush senior kein besonders großer Basketball-Fan war und folglich kein Spiel der legendären Olympiasieger von 1992 beobachtete, erst recht nicht knutschenderweise, steht es in dieser Rubrik nun 1:0 für Kobe Bryant, LeBron James und ihre zehn Team-Kollegen.

Das ist zugleich das Problem an der Frage, ob die aktuelle Auswahl an Superstars talentierter ist als die um Michael Jordan, Larry Bird und Earvin "Magic" Johnson vor 20 Jahren: Niemand wird die Antwort je erfahren, denn sie können es nicht auf dem Feld austragen. Trotzdem debattiert Amerika seit Tagen mit mehr Herzblut darüber als über Finanzkrise, Präsidentschaftswahlkampf und die Scheidung von Tom Cruise zusammen.

Angefangen hat es mit Bryant, dem Superstar der Los Angeles Lakers. Natürlich würden sie ein direktes Duell für sich entscheiden, so stark wie jetzt sei die Nationalmannschaft noch nie gewesen. Die Replik kam binnen weniger Stunden: "Ich denke, wir würden mit mehr als zehn Punkten Vorsprung gewinnen.

Obama bezieht Stellung

Aus dem heutigen Kader hätten es sowieso nur zwei oder drei Spieler in unser Team geschafft" sagte 92er-Protagonist Charles Barkley. Sir Charles Barkley, wie Obama ihn ehrfurchtsvoll nennt. Der Präsident hat natürlich auch Stellung bezogen in dieser Diskussion, Ehrensache. Als Fan von Chicago halte er zur Mannschaft von damals.

Bulls-Ikone Michael Jordan verzauberte 1992 nicht nur die Olympiastadt Barcelona, als 29-Jähriger war er auf dem Gipfel seiner Schaffenskraft. Sein Nachfolger Derrick Rose trat die Reise nach London verletzungsbedingt nicht an, trotzdem sagt Präsident Obama diplomatisch: "Auch unser aktuelles Team ist fantastisch. Sie haben unglaublich viel Talent." Oder wie es Bryant ausdrückt: "Wenn wir nicht Gold gewinnen, müssen sie uns die Staatsbürgerschaft entziehen."

Mit Ausnahme von Anthony Davis stehen nur All-Stars im Team. Davis gilt dafür als Supertalent von der High School, seit LeBron James hatte kein Nachwuchsspieler mehr solche Werte wie der 19-Jährige. Auch das ist eine Kategorie, in der die aktuelle Mannschaft die von damals übertrumpft: 1992 waren mit Christian Laettner und Chris Mullin zwei Nicht-All-Stars dabei.

12:7 NBA-Titel

Dafür waren die Begründer des "Dream Team", das erst durch die Auflösung der Amateur-Regelung bei Olympischen Spielen ermöglicht wurde, erfahrener als ihre Erben, zwölf NBA-Titel im Vergleich zu sieben, 28,8 Jahre Durchschnittsalter verglichen mit 26,2 Jahren. "Wir sind auf dem Zenit, viele Spieler im ersten Dream Team 1992 waren schon darüber hinaus", sagte Bryant in einem Interview, das vielen wie eine Gotteslästerung vorkam.

Elf von zwölf Goldmedaillen-Gewinnern von 1992 wurden wenig später in die Hall of Fame des Basketballs aufgenommen, zehn von ihnen unter die 50 besten Basketballer der Geschichte gewählt. Obwohl ihre Nachfolger zehn Jahre lang unbesiegt blieben und mit Ausnahme der Spiele in Athen immer Gold holten, blieb der Ruhm der 92er-Mannschaft unerreicht.

Sie sind landesweite Ikonen, ihre mit Poesie gepaarte Dominanz prägte lange Jahre das nationale Selbstverständnis und überstrahlte alle späteren Erfolge amerikanischer Teams.

44 Punkte Vorsprung im Schnitt

Zumindest die Überlegenheit ist Geschichte, was zu nicht unwesentlichen Teilen an den Gegnern liegt. Litauen, Argentinien und vor allem Spanien werden sich in der Basketballarena in London nicht mehr so vorführen lassen wie einst Kuba, Deutschland oder Angola in Barcelona.

Im Gegensatz zu heute waren anno 1992 etliche Basketball-Entwicklungsländer am Start. Im Schnitt gewann die "großartigste Mannschaft der Sportgeschichte" (Jordan) ihre Partien mit 44 Punkten Vorsprung, die Trainingsduelle gegen die NBA-Kumpels waren die sportlich weit größere Herausforderung.

Die Spieler wurden auf den Straßen gefeiert wie Filmstars, das Warm-Up vor dem Anpfiff nutzten sie zu spektakulären Flugshows. Während des gesamten Turniers nahmen sie keine einzige Auszeit; sie hätten ohnehin nur die nächsten Zauber-Kombinationen besprechen können. Einmal lagen sie für zwölf Sekunden im Finale gegen Kroatien hinten.

Die Beatles des Basketballs

Dann rückte Barkley die Kräfteverhältnisse mit einem Dreier wieder zurecht, am Ende gewannen die USA mit 32 Zählern Vorsprung, es war ihr knappster Sieg bei diesem olympischen Turnier.

"Sie waren für den Basketball, was die Beatles für die Musik waren", sagte seinerzeit der heutige NBA-Boss David Stern.

Ihre Leichtigkeit gab der Disziplin weltweit einen enormen Popularitätsschub. Kann dieser Verdienst, der weit hinausgeht über eine schnöde Goldmedaille, überhaupt überboten werden in Zeiten globalisierter Sportinszenierung?

Legendärer "Coach K"

Mike Krzyzewski war damals einer der Co-Trainer, heute ist er der Chefcoach. Wenn es überhaupt einen Menschen gibt auf der Welt, der einen Vergleich der beiden Generationen ziehen kann, dann der legendäre "Coach K", der seit 31 Jahren die College-Spieler der Duke Universität zu Superstars schleift.

Mehr als 900 Partien hat er seitdem gewonnen, kaum ein Trainer in den USA ist erfolgreicher, kaum einer hat das Spiel mehr durchdrungen als der 65-Jährige.

Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum er als einzige Basketball-Größe des Landes schweigt zu der Frage, welches nun das bessere "Dream Team" sei.

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