18.07.12

London 2012

Auflagen für Olympioniken - Wer Videos hochlädt, fliegt

Die Athleten müssen sich Strengen Regeln unterwerfen, denn das IOC sichert sich somit seine Einnahmen. Ansonsten droht der Ausschluss.

Von Jens Bierschwale
Foto: DPA
Leichtathletik-EM 2012 in Helsinki
Ambitionierter Zehnkämpfer: Pascal Behrenbruch bekommt Kommunikationssperre

Der Mann mit dem auffälligen Sixpack und der schnittigen Kurzhaarfrisur hat Sendepause. Dabei steht doch für Pascal Behrenbruch der Saisonhöhepunkt unmittelbar bevor: Der Zehnkämpfer vertritt Deutschland bei den Olympischen Spielen, berichten darf er von seinen Erfahrungen aus London auf seiner Homepage aber definitiv nicht. "In der Zeit vom 18. Juli bis 15. August ist meine Homepage gesperrt, da alle Olympiateilnehmer nur Werbung für die offiziellen Olympiapartner machen dürfen. Danach bin ich wieder für euch da. Euer Pascal", ist dort neben einem Foto des amtierenden Europameisters zu lesen.

Eigene Sponsoren verboten

So weit, so schlecht. Behrenbruchs Kommunikationssperre steht symbolisch für das am 27. Juli startende Sportspektakel in London. Es sind die ersten Sommerspiele, die dank Social Media und Live-Streams im großen Stil auch im Netz stattfinden werden. Aber die Meinung der Protagonisten soll in vielen Fällen nicht ungefiltert nach außen dringen. Und wenn die Athleten dann noch andere Sponsoren als die offiziell erlaubten zur Schau tragen, wird mal eben wie im Fall Behrenbruch im vorauseilenden Gehorsam die komplette Homepage stillgelegt. So wird das alte, olympische Motto mit einem mal aktueller denn je: Dabei sein ist alles.

Was den Sportlerinnen und Sportlern erlaubt ist, hat der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) in einem 20 Seiten umfassenden Leitfaden für Athleten, Trainer und Betreuer niedergeschrieben. Der Verband wolle mit "dieser Broschüre einen Wegweiser an die Hand geben, mit dem Sie sich im Detail darüber informieren können, was Ihnen erlaubt ist und worauf Sie unbedingt achten sollten, um Probleme durch Verstöße gegen die Richtlinien zu vermeiden", schreibt DOSB-Präsident Thomas Bach in der Einleitung. Er endet mit dem Hinweis: "Bitte lesen Sie diese Broschüre sehr aufmerksam, denn auch unwissentlich begangene Verstöße können Konsequenzen nach sich ziehen." Und zwar bis hin zum Entzug der Akkreditierung durch das Internationale Olympische Komitee, also dem Ausschluss von den Spielen.

Bloggen erlaubt

Die Reglementierung der Spiele umfasst die beinahe schon gängigen Einschränkungen bei der Kleidung – keine Abbildung eigener Werbepartner auf Mützen, Brillen, Trikots etc. – bis hin zu einem Leitfaden für Medienarbeit und Social Media. Journalistisch tätig sein darf demnach niemand aus dem Olympiateam, auch Gastkolumnen in Zeitungen sind verboten. Interviews mit "Non-Right-Holders", also Sendern, die keine Rechte an Olympiaübertragungen halten, sind innerhalb der olympischen Stätten verboten. Erlaubt hingegen: Blogging und Social Media, vom Internationalen Olympischen Komitee offenbar großzügig als "persönliche Entfaltung und nicht als journalistische Tätigkeit" gewertet.

Doch damit könnte ein Problem entstehen. Wenn tatsächlich alle Athleten aus dem 391 Sportlern umfassenden Olympiateam Deutschlands auf Facebook oder Twitter ihre Meinung kundtun, sind Fallgruben nicht weit. Bei der Weltmeisterschaft 2010 sorgte das Fall des Fußballspielers Eljero Elia für Aufsehen.

Während eines Live-Streams einer Playstation-Runde im Hotelzimmer, die von Elias niederländischem Mannschaftskollegen Ryan Babel ins Netz gestellt wurde, beschimpfte der Profi einen Bekannten in der Leitung als "Kankermarokkaan", zu Deutsch: "Krebs-Marokkaner".

Zwar war dies offenbar nur ein gängiger Jugendslang unter den beiden Freunden, allerdings reagierten nicht nur einige Kollegen, sondern auch Trainer Bert van Marwijk seinerzeit verärgert auf das naive Vorgehen des aktuellen Bremer Profis. "Das ist nervig für ihn, für die niederländische Nationalmannschaft sogar noch nerviger, weil es ablenkt vom großen Ziel, das wir haben: eine Topleistung bei der Weltmeisterschaft abzuliefern."

Damit in London nicht ähnliches Ungemach droht, möchte der DOSB vorbeugen. Auf Facebook und Twitter hat er eigene Kommunikationskanäle eingerichtet, nach Möglichkeit sollen alle Sportler ihre Beiträge dort veröffentlichen. Zehn Tage vor dem Start der Olympischen Spiele aber ist das Angebot überschaubar. Immerhin zeigt uns Weitspringer Christian Reif sein Wettkampfoutfit: "Gerade kam der Postbote und hat ein Paket vom DLV gebracht. Inhalt: Mein Wettkampfanzug für LONDON! Weil ihr so tolle Fans seid, bin ich doch direkt mal reingeschlüpft", schreibt er. So in etwa stellt sich der DOSB das Ganze wohl auch während der Spiele vor.

3,19 Milliarden Euro für TV-Rechte

Dass sich alle Athleten, Trainer und Betreuer daran halten werden, darf bezweifelt werden, weshalb sicher auch ungefilterte Fotos und Berichte den Weg aus dem olympischen Dorf in die normale Welt finden.

Bewegtbilder von den Wettkämpfen allerdings dürfen nicht via Facebook oder Twitter weitergetragen werden. Aus gutem Grund schützt das IOC diesen Bereich besonders: 3,19 Milliarden Euro hat das Internationale Olympische Komitee allein aus dem Verkauf der TV-Rechte für die Winterspiele 2010 in Vancouver und die Sommerspiele 2012 in London eingenommen. Weitere nahezu unfassbare 779 Millionen Euro fließen aus dem Sponsorenprogramm in die Kassen, so geht es aus dem Marketing Fact File hervor. Tendenz steigend.

Dass dennoch nicht alles rosarot vor den Spielen in London scheint, haben sich die Organisatoren selbst zuzuschreiben. Eine ausgeübte Zensur steht in der Kritik. In den Nutzungsbedingungen der Website London 2012 wird erklärt, wann und zu welchen Zwecken eine Verlinkung mit der Olympiasite vorgenommen werden darf. Nur wer sich verpflichtet, die Spiele und ihre Veranstalter in seiner Berichterstattung nicht in einem "falschen, irreführenden, abfälligen oder sonst wie anstößigen Licht erscheinen zu lassen", darf verlinken.

Kritik wird damit von vornherein ausgeschlossen, wobei die "Terms of use" vermutlich während der Spiele tausendfach gebrochen werden. Der bekannte, kanadische Autor und Blogger Cory Doctorow jedenfalls hat schon mal Stellung bezogen: "Hey, Organisationskomitee! Ich denke, Ihr seid ein Haufen habgieriger, unmoralischer Konzernschweine, die London an eine Bande von Multis verkauft und den Geist des sportlichen Wettkampfs und internationaler Zusammenarbeit verraten haben. Ihr seid eine Schande. Und ich verlinke Euch, in möglichst abfälliger Weise."

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