Leichtathletik
London liegt für Ariane Friedrich noch etwas höher
Ariane Friedrich wird zwar Deutsche Meisterin im Hochsprung, schafft aber erneut nicht die Norm für Olympia 2012. Manchmal beschäftigt die "Facebook-Affäre" um eine obszöne E-Mail sie noch.
Am Ende eines Nachmittags, der ihr den Durchbruch bescheren sollte und doch bloß grau in grau geriet, gewährte Ariane Friedrich, 28, einen ehrlichen Einblick in ihr Seelenleben. 1,86 Meter war die beste deutsche Hochspringerin in Wattenscheid gesprungen, für den deutschen Meistertitel gegen chancenlose Konkurrentinnen langte das allemal. Zur Olympianorm allerdings fehlten ihr neun Zentimeter.
So griff Friedrich also hinterher zum Stadionmikrofon, und dann stand sie da geknickt im Nieselregen, sie sagte: "Ich habe dafür gebetet, dass die Sonne scheint. Aber das Wetter hat es nicht gut mit mir gemeint. Ich bin wirklich traurig." Später dann brach sie noch in Tränen aus – vor Wut, Enttäuschung, Frust. "Ich war felsenfest davon überzeugt, dass ich heute die Norm springe. Der Regen und die Kälte waren der Killer. Das waren die schlechtesten Bedingungen, die ich seit langem erlebt habe."
Jäh ist die Zuversicht, die die deutsche Rekordhalterin (2,06 Meter) zuletzt zur Schau gestellt hatte ("In meiner Karriere bin ich 60 bis 70-mal 1,95 Meter gesprungen"), flöten gegangen. Zumindest vorerst. Zwei Chancen sehen die WM-Dritte von 2009 und ihr Trainer Günter Eisinger nun bis Anfang Juli noch, die 1,95-Meter-Hürde fristgemäß zu überwinden für die Teilnahme an den Spielen in London. Entweder bei den Europameisterschaften in Helsinki Ende des Monats oder bei einem geeigneten Wettkampf in den kommenden zehn Tagen, nach dem Eisinger nun fahndet.
"Die Norm hat ja auch einen Sinn"
"Wir wollen das so schnell wie möglich schaffen", sagt der erfahrene Trainer, lässt aber auch durchblicken, im schlechtesten Falle das Schicksal akzeptieren zu wollen: "Die Norm hat ja einen Sinn. Dazu stehe ich." Dass Friedrich noch beim Einspringen vor dem Wettkampf 1,90 Meter passiert hatte – geschenkt.
Wer einmal eine solche Reiseflughöhe erreicht hat wie die ehrgeizige Serienmeisterin aus Frankfurt, der wirft sein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten eigentlich nicht so leicht von Bord. Dennoch muss Ariane Friedrich einsehen, dass ihre Verletzung, die die wohl schwerste gewesen ist für eine Hochspringerin, sie weiter zurückgeworfen hat, als ihr lieb sein kann.
Am 22. Dezember 2010 riss im Training Friedrichs Achillessehne. Es war ein Malheur, das viele Leichtathleten wenn nicht die Karriere, so doch frustrierende Monate Lebenszeit für ein Comeback gekostet hat. Immer war Friedrich stark gewesen, hatte ihre Laufbahn so ehrgeizig wie klug geplant, hatte den Blick nach oben gerichtet, sich mit den Besten der Welt duelliert. Und dann also die Achillessehne. Es war zum Heulen.
Grundmotiv der Karriere in der Kindheit
Ein Grundmotiv ihrer Sportlerkarriere, das hat Ariane Friedrich einmal verraten, liegt in ihrer Kindheit begründet. In der Grundschule in Hessen wurde die Thüringerin "gemobbt", nie wurde es ihr leicht gemacht. Sich und der Welt zu beweisen, dass sie viel mehr kann, als andere von ihr denken – "manchmal ist das noch in mir", sagte sie kürzlich in der Fernsehsendung "Höchstpersönlich" des Hessischen Rundfunks.
Die Hallensaison 2010/2011 verpasste Friedrich, die WM-Saison 2011 ebenso. Behutsam baute Trainer Günter Eisinger sie wieder auf, gemeinsam tasteten sie sich wieder heran an das Gefühl des Fliegens. Wie bloß wieder Vertrauen gewinnen in den verheilenden linken Sprungfuß? Leicht fiel es Friedrich nicht. "Athleten müssen Geduld haben – aber eine, die ganz oben stehen will, kann das gar nicht haben", sagt Eisinger.
Über "Pampers-Höhen" (Eisinger) und eine frustrierende bis zähe Hallensaison 2011/2012 pirschte sich das Frankfurter Gespann langsam aber sicher an die Olympianorm heran. Zwei Siege mit jeweils 1,92 Meter diese Saison – die DLV-Norm für die EM (27. Juni bis 1. Juli) – flößten Friedrich zuletzt Selbstbewusstsein ein. Dass sie damit in der Weltjahresbestenliste noch ziemlich weit hinten rangiert und drei Athletinnen schon über 2,00 Meter gesprungen sind dieses Frühjahr, macht die Sache gleichwohl nicht leichter.
Versteckspiel wegen der "Facebook-Affäre"
Friedrich weiß, dass ihr die Dinge nicht mehr so zufliegen wie vor ihrer schweren Verletzung. Sie muss sich jetzt Zentimeter für Zentimeter Höhe hart erarbeiten. Trainer Eisinger rühmt die Vorbereitung, glaubt an die Tendenz nach oben, noch vor dem Wochenende wähnte er Friedrich "auf dem Weg zur alten". Bremsen muss er die so extrovertierte wie sensible Polizeikommissarin ("Sie hat unheimlich viel Temperament, Feuer") nach wie vor im Training, das noch vor wenigen Wochen zusätzlich knifflig gewesen ist: Friedrich und Eisinger wechselten die Anlagen in der Umgebung ständig. Ein gewolltes Versteckspiel, das der sogenannten "Facebook-Affäre" geschuldet war.
Nachdem sie Ende April über ihren öffentlichen Account empört nicht nur eine obszöne Nachricht veröffentlicht hatte, sondern den Namen und den Wohnort des mutmaßlichen Belästigers obendrein, geriet die Hochspringerin, die Anzeige erstattete, plötzlich selber in die Kritik. Selbstjustiz? Internetpranger? Vorbildfunktion als Polizistin?
Hörbücher statt Informationen
Die Staatsanwaltschaft ermittelt nach wie vor, sagen möchte Friedrich zum Thema nichts mehr. Nur so viel: "Es hat mich in der Vorbereitung nicht gestört. Eher gepusht." In der ersten Zeit, als die Aufregung am größten gewesen war, mied sie Internet, Zeitungen, Fernsehen ("Kann ich jedem für ein paar Tage nur mal empfehlen"). Sie hörte stattdessen als Hörbücher "Die Tribute von Panem".
In den ersten beiden Teilen der Roman-Trilogie kämpft eine junge Frau in einer grausamen Arena um ihr Leben. Nicht, dass Ariane Friedrichs Kampf um die Olympianorm ähnlich existenziell wäre. Doch eine Analogie zur Romanfigur gibt es irgendwie schon: "Ich bin ein einsamer Wolf, glaube ich."
















