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16.08.09

100-Meter-Finale

Usain Bolt toppt eigenen Weltrekord in Berlin

Der Jamaikaner Usain Bolt ist der schnellste Mann der Welt. Bei der Leichtathletik-WM in Berlin übertraf sich Bolt selbst und gewann in neuer Weltrekordzeit das 100-Meter-Rennen - in unglaublichen 9,58 Sekunden. Jetzt will der Olympiasieger auch über 200 Meter und in der 100-Meter-Staffel Gold holen.

Getty Images/Getty

... im 100-m-Sprint gewonnen.

15 Bilder

Die sengende Nachmittagshitze ist nur mäßig abgeklungen, jeder Stein im Stadion scheint noch jetzt, Stunden später, zu glühen. Gleißendes Flutlicht hält die Dunkelheit fern, die sich über das Berliner Olympiastadion gelegt hat. Unten, im Innenraum, liegt in tiefem Blau die Laufbahn da wie die Beschleunigungsspur auf dem Weg in ein anderes Universum. Die Bühne ist bereitet, los geht's.

Sieben Männer stehen hinter ihren Startblöcken, sie sind in diesem Moment noch die Herausforderer im 100-Meter-Weltmeisterschaftsfinale. Nur wenig später werden sie Statisten sein, doch sie stellen Zuversicht und Lässigkeit zur Schau. Auf Bahn drei wischt Daniel Bailey mit seinem Trikot imaginär eine Kamera ab, die ihn filmt. Auf Bahn sechs pappt sich Asafa Powell einen Aufkleber vor den Mund und schneidet Grimassen. Marc Burns auf Bahn zwei posiert wie ein Rapper. Und Usain Bolt? Er ist der König in diesem Kasperletheater.

Die Zuschauer johlen, als der Olympiasieger und Favorit seine Zähne zu einem Grinsen bleckt, wie ein Rennpferd in der Startbox tänzelt und all die Hampeleien mit seiner aus Peking bekannten, an einen Bogenschützen erinnernden Geste beschließt. Eine Bahn neben ihm verzichtet als einziger Finalläufer der Amerikaner Tyson Gay auf Albernheiten. Er wirkt konzentriert, vielleicht ahnt er, was auf ihn zukommen wird.

Konkurrenten schnell abgeschüttelt

Es naht der Moment vor einem historischen 100-Meter-Rennen, in dem Gespräche auf den Tribünen rundherum zu Getuschel abebben, um bald darauf ganz zu verstummen. Auf der blauen Bahn gehen die acht Männer in die Knie, sie kauern sich in ihre Startblöcke, winzig sehen sie aus von unter dem Stadiondach. Sie zucken noch kurz, sie winden sich, sie senken die Köpfe. Stille. Warten. Dann: der Startschuss.

Usain Bolt katapultiert seinen 1,96 Meter langen Körper nach vorn, gewaltige Kräfte wirken in diesem Moment auf seine Füße und Beine. Fast alle Läufer liegen noch gleichauf, doch rasch bringt Bolt Distanz zwischen sie und sich. Seine Knie heben und senken sich in rasender Schnelle, kaum berühren die Fußsohlen den Boden. Hinter ihm ringen die Konkurrenten darum, an dem Führenden dran zu bleiben, der vor einem Jahr in Peking alle lächerlich gemacht hat, als er sich fast 20 Meter vor dem Ziel schon auf die Brust schlug und derart gebremst in Weltrekordzeit ins Ziel trabte.

Jetzt aber gibt Bolt alles, er holt das Letzte aus seinem hochgezüchteten Körper heraus, der wie geschaffen scheint für Geschwindigkeit. Bolt bläst die Backen auf, es ist wie in Peking im 200-Meter-Rennen, das er unbedingt gewinnen wollte – auch das mit Weltrekord. Bolts Oberkörper überquert als erstes die Ziellinie, knapp über 40 Schritte hat er bis hierher gemacht. Im Vorbeirasen wendet Bolt den Blick nach links, hin zur Anzeigetafel. Sie weist Unglaubliches aus: 9,58 Sekunden. Schneller war nie ein Mensch zuvor die 100 Meter gelaufen, es ist, als habe der Jamaikaner sich von Raum und Zeit gelöst.

Konsterniert wird Tyson Gay in diesem Rennen in 9,71 Sekunden Zweiter, den dritten Platz nimmt der frühere Weltrekordler Asafa Powell in irdisch anmutenden 9,84 Sekunden ein. Auf der Vip-Tribüne springt Fürst Albert von Monaco auf und schlägt die Hand vor die Stirn, die Zuschauer im Stadion toben. Alle Zeugen dieses neuerlichen Meisterstücks haben das gleiche Problem wie die Reporter auf der Tribüne: Welches Adjektiv ist angemessen, diese Leistung zu beschreiben?

Fantastisch, großartig, sagenhaft, unglaublich? Oder doch eher unglaubwürdig, grotesk, absurd? 9,58 Sekunden sind bislang außerhalb jeglicher Vorstellungskraft gewesen. Sicher, es gab Spekulationen, dass Bolt in Peking über 100 Meter 9,54 Sekunden hätte laufen können, wenn er nicht abgebremst hätte. Selbst sein Trainer Glen Mills hatte das ja anschließend behauptet – ebenso wie er übrigens vor dem Finale gestern dem "Jamaica Observer" gesagt hat: "Wir hatten in der Vorbereitung einige Höhen und Tiefen. Durch die Verpflichtungen nach Peking sind wir spät gestartet und hatten Probleme durch Usains Autounfall (Ende Mai in Jamaika, d.Red.)."

Bolt selbst sagte gestern unmittelbar nach dem Rennen: "Ich wusste, was ich zu tun hatte." Nun scheint nicht einmal mehr ausgeschlossen, dass die Prognose des sagenhaften Herrn Bolt demnächst schon eintrifft: 9,50 Sekunden hält er selber für möglich, hat er in einem Morgenpost-Interview (Samstagausgabe) gesagt.

Ratlose Gesichter bleiben zurück

Ob es der Glaubwürdigkeit seiner Sportart zuträglich ist, scheint längst eine rhetorische Frage geworden zu sein. Jedenfalls hinterließ Bolts neuerlicher Rekordlauf bei der düpierten Konkurrenz ratlose Gesichter allenthalben. Der frühere Weltrekordler Maurice Greene meint ohnehin: "Usain läuft auf dem Mars, alle anderen laufen auf der Erde." Mit müdem Blick kommentierte gestern der unterlegene Gay: "Alles in Ordnung. Ich bin mit Silber sehr zufrieden. Ich habe getan, was ich konnte."

Selten treffen zwei Sportler auf der Höhe ihrer Schaffenskraft aufeinander wie Bolt und Gay gestern – ganz unabhängig davon, wie sehr man anzweifeln darf, was alles sie dorthin gebracht haben mag. Seit Wochen und Monaten hatte sich abgezeichnet, dass es das Duell der Duelle bei diesen Welttitelkämpfen werden würde: Weltrekordler gegen Weltmeister, Jamaika gegen USA, der "Witz-Bolt" aus der Karibik gegen den Langweiler vom Lande, der Stilist gegen den Kraftprotz. Seltsam, dass weltweit Hunderte Millionen Menschen am Fernseher elektrisiert live nach Berlin blickten, allein im Stadion vor Ort schimmerten hier und da großflächig leere graue Sitzschalen durch.

Nun stellt sich die Frage, wer Bolt über die 200-Meter-Distanz überhaupt noch bezwingen soll. Gay etwa? Oder sein Landsmann Powell? Auf der doppelten Distanz, wo morgen die Vorläufe beginnen und Donnerstag der Endlauf ansteht, galt Bolt schließlich bislang als noch stärker. "Seine 200 Meter sind ziemlich solide", sagte Trainer Mills. Es klingt wie eine Drohung.

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