Geher-Wettbewerbe
Heute ist die Leichtathletik-WM mitten in die Stadt
Leichtathletik-WM kostenlos für alle gibt es heute mitten in Berlin. Erstmals in der WM-Geschichte starteten die Geher in der Stadt. Sie gehen auf dem Boulevard Unter den Linden. Jeder kann zuschauen, Autofahrer sollten den Bereich meiden.
Von Sebastian Arlt
Lamine Diack, der Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF), ist völlig begeistert: "Die Leichtathletik kommt zu den Menschen, das ist großartig", sagt der IAAF-Chef aus dem Senegal strahlend. Grund für seine Euphorie ist das Novum, das Berlin als WM-Ausrichter zu bieten hat. Sowohl Geher- als auch Marathonstrecke liegen mitten in der Stadt. Erstmals in der WM-Historie befinden sich sowohl Start als auch Ziel dieser Wettbewerbe außerhalb des Stadions.
Freier Eintritt – niemand muss sich ein Ticket kaufen, jeder kann live dabei sein. Fast kann man den Atem der Sportler hören, ihren Schweiß riechen. Diese Nähe zum Publikum: "Das wird ein ganz großes Erlebnis", sagt Andre Höhne, "Motivation pur." Endlich können ihn seine Freunde und seine Familie mal live bei einem großen Wettkampf anfeuern. Um 13 Uhr starteten der Berliner vom SCC über 20 Kilometer Gehen – auf dem Boulevard Unter den Linden geht’s auf einer 1-Kilometer-Strecke rauf und runter. Vom Pariser Platz bis zur Staatsbibliothek und wieder zurück.
In den Augen von Höhne "eine ganz, ganz große Werbung für unsere Sportart", die gerade in Deutschland "sehr stiefmütterlich behandelt wird". Hierzulande wird das Gehen oft belächelt, über den angeblichen Watschelgang der Athleten gelästert. "Ich werde schon mal als Schwuchtel beschimpft, weil ich so mit dem Po wackeln würde", sagt der 31-Jährige. Die WM bietet den Gehern nun die Möglichkeit, sich vor großem Publikum zu präsentieren und zu zeigen, dass man sehr wohl einen ernst zu nehmenden Sport betreibt. Kaum zu glauben, aber wahr: Bei den Olympischen Spielen in Athen lag global gesehen das Gehen bei den Einschaltquoten im ersten Drittel.
Marathon als SIghtseeing-Tour
Über mangelnde Akzeptanz müssen sich die Marathonläufer nicht sorgen. Einmal im Jahr, beim Berlin-Marathon im September, stehen eine Million Zuschauer an der Strecke, eine Welle der Begeisterung trägt Spitzensportler wie Freizeitläufer über die 42,195 Kilometer lange Strecke quer durch die Hauptstadt. Diese – vom Weltverband seit langem registrierte – Begeisterungsfähigkeit des Publikums und die hervorragende Organisation des SCC Running sind hauptverantwortlich dafür, dass der WM-Marathon nun auch zu einer Sightseeing-Tour vorbei an vielen Sehenswürdigkeiten geworden ist. Unschätzbar ist der Werbewert für die Stadt. In fast 200 Ländern werden die Bilder zu sehen sein.
Und alles ist eng verbunden mit einem Namen: Horst Milde, der "Mister Marathon", bis vor einigen Jahren Chef des Berlin-Marathons.
Als am 9. November 2004 die IAAF-Evaluierungskommission mit dem Chinesen Lou Dapeng an der Spitze das Olympiastadion besichtigte, hatte die IAAF auch den Marathon-Experten Milde dazu gebeten, um über den Lauf – natürlich mit Ziel im Stadion – zu sprechen.
Doch die IAAF-Abordnung und die Verantwortlichen des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) staunten nicht schlecht, als Milde in seiner bekannt launigen Art überraschend seine Vision von einem Rennen mit Start und Ziel in der City vorstellte. "Die haben mich mit aufgerissenen Augen angeschaut", denkt der 70-Jährige heute noch mit Stolz an diesen Moment zurück.
Ein hoher IAAF-Funktionär habe ihm gleich zugeraunt: "Das wird schwer…" Frank Hensel, der DLV-Generalsekretär, erinnert sich an das, was folgte: "Es gab erst viele Widerstände in der IAAF." Vor allem die Japaner hätten sich auf die Hinterbeine gestellt, sagt Milde: "Die sind da sehr konservativ – ein WM-Marathon hat einfach im Stadion zu enden."
700 Menschen helfen an der Marathon-Strecke
Doch am Ende wurde Mildes Plan Realität. Zwar nicht ganz, weil er und der Berliner Streckenvermesser John Kunkeler lieber drei Runden gesehen hätten, die zu laufen sind. Jetzt müssen die Marathonläufer vier Runden von jeweils zehn Kilometern und auf der letzten Schleife noch einen "Wurmfortsatz" (Milde) von 2,195 km bewältigen.
Auch Einwände von Politikern, die verhindern wollten, dass der Lauf direkt am Bundestag vorbeigeht, wurden schließlich abgeschmettert. Die Straßenwettbewerbe werden in Kooperation mit SCC Running durchgeführt, mehr als 700 Helfer sind im Einsatz, das eingespielte Team des Berlin-Marathons. Das Organisationskomitee der WM hat sich die Experten mit ins Boot geholt. Und Nachahmer gibt es auch schon: London plant, bei den Olympischen Spielen 2012 ebenfalls den Marathon in der City auszutragen – mit Ziel an der Tower Bridge.
Ob das Gehen in der englischen Hauptstadt auch mitten in der Stadt stattfinden wird, ist noch nicht endgültig entschieden. Das wäre doch was für Andre Höhne, der im Training bis zu 230 Kilometer pro Woche geht: Der Berliner hat sich nach einigem Überlegen inzwischen dafür entschieden, seine Karriere erst nach den Spielen in London zu beenden. Es geht also weiter…
Wegen der Geher-Wettberwerbe sind am 15. und 16. August von 7 bis 17 Uhr bis 7 bis 16 Uhr sowie am 21. August von 4 bis 16 Uhr der Platz des 18. März, das Brandenburger Tor, der Pariser Platz, Unter den Linden und die Karl-Liebknecht-Straße bis Spandauer Straße gesperrt. Informationen zu allen Straßensperrungen während der WM finden Sie immer aktuell unter http://verkehrsnachrichtenagentur.berlin.de .
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