Favres Taktik
Bei Hertha muss jetzt jeder um seinen Platz fürchten
Mittwoch, 27. August 2008 08:08 - Von Uwe BremerDie Zeit der Erbhöfe und Stammplätze bei Hertha BSC ist vorbei. Bisher konnten einige Spieler davon ausgehen, in jedem Fall zu spielen, nun müssen sie draußen bleiben, wenn ein anderer besser in Form ist. Trainer Lucien Favre schreckt auch vor Stars auf der Bank nicht zurück.

Josip Simunic (30) gab mit zusammen gekniffenen Lippen Autogramme an wartende Kinder und verschwand dann wortlos in Richtung Kabine. Auch Patrick Ebert (21) winkte bei den Journalisten müde ab, als er den Trainingsplatz verließ. Vor der Einheit hatte Ebert Abbitte geleistet. Er entschuldigte sich vor der Mannschaft bei Trainer Lucien Favre (50). Er habe ihn am Samstag nicht für seine Aufstellung kritisieren und nicht seine Autorität bezweifeln wollen. Ebert hatte nach dem 1:1 gegen Bielfeld in der „Sportschau“ gesagt: „Ich und der Rest der Mannschaft verstehen nicht, warum Josip Simunic nicht gespielt hat.“
Das war die letzte Ansage dieser Art bei Hertha BSC. Ebert wird zusätzlich 5000 Euro für eine soziale Einrichtung „spenden“. Auch Simunic darf davon ausgehen, für seine verklausulierte Kritik am Trainer („Alles, was erzählt wird, stimmt nicht“) noch zur Kasse gebeten zu werden.
Doch die Verantwortlichen bei Hertha BSC werden das öffentliche Maulen unzufriedener Profis künftig nicht mehr so hinnehmen.
Favre hat seit seinem Amtsantritt 2007 darauf gedrängt, mehr interne Konkurrenz zu haben, im Idealfall auf allen Positionen. So weit ist Hertha noch nicht. In der Abwehr indessen gibt es sieben Bewerber für maximal vier Plätze (Friedrich, Chahed, Simunic, Kaka, von Bergen, Stein, Radjabali-Fardi). Im Angriff bewerben sich mit Marko Pantelic, Raffael und Amine Chermiti drei Kandidaten um zwei Plätze. „Ich bin froh, dass wir endlich Konkurrenz haben, anders geht es nicht“, sagt Favre.
Zeige mir, dass du in Form bist, dann wirst du spielen
Das war bisher nicht immer so, jahrelang konnten sich in der Abwehr Friedrich oder Simunic sicher sein, in der Startelf zu stehen, sobald sie nach einer Verletzung schmerzfrei waren. Das gleiche traf auf Pantelic zu, der das Privileg des Unersetzbarseins am meisten auskostete.
Um Erfolg in der Liga zu haben, reicht es nicht, verletzungsfrei zu sein. Wer nicht fit ist, den stellt Favre nicht auf. So geschehen mit Simunic am Samstag. Friedrich: „Das ist natürlich hart für Joe. Er hat über Jahre hier seine Leistung gebracht.“ Die Botschaft von Favre lautet indessen: Die Zeit der Stammplatz-Garantien und Erbhöfe ist vorbei. Ob Simunic 2002 eine gute WM oder 2008 eine gute EM gespielt hat, interessiert den Trainer nur noch bedingt. Sein Motto ist: Zeige mir, dass du in Form bist, dann wirst du spielen.
Menschliche Behandlung fördert nicht die Leistung
Das ist für manchen Profi ungewohnt. Warum, erklärt Innenverteidiger Steve von Bergen. „Menschlich gesehen ist es komfortabel, wenn der Trainer dir signalisiert: Du bist gesetzt. Aber für meine Leistung ist es am besten, wenn ich weiß: Ich muss in jeder Partie gut sein, sonst spielt mein Konkurrent.“
Wer sich an Favres Vorgaben hält, zu dem steht der Coach, selbst bei offensichtlichen Patzern. Über Kaka, den Favre gegen Bielefeld anstelle von Simunic aufgestellt hatte, der aber mit einem Fehler den Gäste-Ausgleich verursacht hatte, sagt der Trainer: „Klar, das war ein Fehler. Aber ich bereue meine Entscheidung nicht.“
Was Favre nicht leiden kann, ist mangelnde Loyalität. Weniger, weil er Angst um seine Autorität hat. Er verlangt, dass jeder versteht: Es geht nur in der Gruppe. Um so mehr, als am Donnerstag gegen Interblock Ljubljana im Rückspiel der Uefa-Cup-Qualifikation (18.30 Uhr, Jahnsport-Park/Hinspiel: 2:0) bereits die siebte Pflichtpartie der noch jungen Saison ansteht. Erreicht Hertha die Gruppenphase im Uefa-Cup sind allein in der Hinserie bis Mitte Dezember knapp 30 Begegnungen zu bestreiten.
Der Weg von Favre wird vom Verein auch offiziell gewünscht. Manager Dieter Hoeneß betont: „Das ist jetzt ein Lernprozess für viele unserer Profis, dass sie durch die Breite des Kaders und die Anzahl der Spiele auch mal ersetzbar sind. In anderen Klubs ist das lange üblich. Es ist gut, dass unser Trainer die Qual der Wahl hat.“ Er wird davon Gebrauch machen.




































