Hertha BSC

Herthas neues Ziel: "Wir wollen international spielen"

Die Berliner setzen sich nach einer interner Aussprache offiziell Platz sechs als Saisonziel und peilen damit erstmals wieder den Europapokal an.

Hürde Europa nehmen: Vedad Ibisevic ist Herthas Kapitän und Vorturner. Der Bosnier kann sich mit der neuen Ausrichtung identifizieren, warnt aber auch vor Übermut

Hürde Europa nehmen: Vedad Ibisevic ist Herthas Kapitän und Vorturner. Der Bosnier kann sich mit der neuen Ausrichtung identifizieren, warnt aber auch vor Übermut

Foto: City-Press / picture alliance / City-Press Gb

Palma de Mallorca.  Die Chancen waren da, und zwar zuhauf. Herthas Profis durften am Dienstag ausdauernd aufs Tor schießen. Doch je länger die Vormittagseinheit dauerte, desto weniger Bälle fanden ihr Ziel. Selbst Vedad Ibisevic, mit acht Toren der treffsicherste Berliner dieser Saison, wollte in seiner Spezialdisziplin nicht viel gelingen. Für Pal Dardai kein Grund zur Sorge: "Das war das erste Torschusstraining", sagte der Chef-Coach, "und dafür war es ordentlich".

Weit wichtiger war dem Ungarn die Teamsitzung am Tag zuvor. Spieler, die Trainer, Manager Michael Preetz und das Funktionsteam – sie alle waren dabei, als sich Hertha in der Mannschaftsunterkunft über den Dächern Palmas auf die anstehende Rückrunde einschwor. Einen "interaktiven Austausch" hatte sich Dardai gewünscht, jeder war aufgefordert, seine Sicht der Dinge einzubringen. Um Stärken und Schwächen sollte es gehen und vor allem: um neue Ziele.

"Jeder hat ein bisschen gesagt", erzählte Ibisevic (32). Seit vergangenem Sommer, als Dardai ihn ins Kapitänsamt hievte, ist der Bosnier der Anführer des Teams, und natürlich leistete auch er seinen Beitrag. Am Ende des Austauschs sei man sich "einig gewesen", sagte er, und das sei wichtig.

Trainer Pal Dardai will mutiger sein als letztes Jahr

"Unser Ziel ist Platz sechs", verkündete Dardai, "wir wollen international spielen!" Im Vergleich zum Saisonbeginn, als Hertha 45 Punkte angepeilt hatte, wurden die Ambitionen damit klar erhöht. Das erscheint logisch, schließlich stehen nach 16 gespielten Runden schon 30 Punkte auf dem Konto des Tabellendritten. Andererseits hatte sich Dardai nach dem letzten Spiel 2016 etwas weiter in Vorlage gewagt.

"Noch einmal 30 Punkte" sollten es damals sein – in der Addition also 60. In den vergangenen fünf Spielzeiten hätte eine derartige Ausbeute zweimal zu Platz vier gereicht, also sogar zur Teilnahme an der Champions-League-Qualifikation. In der Vorsaison war Bayer Leverkusen mit 60 Punkten direkt in die Königsklasse gesprungen. Für Platz sechs indes bedurfte es in den vergangenen fünf Jahren maximal 55 Zähler. Im Durchschnitt reichten 51.

Dennoch: Anders als in der Vorsaison, als die hervorragende Hinserie nach dem Jahreswechsel verspielt wurde, setzt Hertha 2017 auf Attacke. Angriffslustiger und selbstbewusster wolle man mit der Situation umgehen, erklärte Dardai, "in der letzten Saison waren wir vielleicht ein bisschen zu defensiv."

Zuletzt reichten durchschnittlich 51 Punkte für Platz sechs

Ibisevic kann sich mit dem neuen Ziel identifizieren, warnt aber auch: "Ich bin der Typ, der lieber auf dem Boden bleibt", sagte der 77-malige Nationalspieler, der schon im Wintertrainingslager 2016 in Belek davor gemahnt hatte, die Realität aus den Augen zu verlieren. Er hat oft genug erlebt, wie sich der Erfolg zersetzen kann, sei es durch Zufriedenheit, Übermut oder Angst vor der eigenen Courage. Er weiß: "Normal ist es nicht, dass wir da oben stehen." Umso mehr will er die Ausgangssituation diesmal nutzen.

Helfen soll nicht zuletzt die Erfahrung. "Wir haben im Hinterkopf, was letztes Jahr passiert ist", sagte Ibisevic, "und wir wollen unbedingt verhindern, dass es wieder so kommt." Seine Gelegenheiten zu nutzen, darauf kommt es für ihn noch mehr an als bei seinen Kollegen. Einerseits, weil er als Senior des Teams dem Karriereende am nächsten ist, vor allem aber, weil sich ihm auf dem Platz nicht viele Gelegenheiten bieten.

Gemessen an der Zahl der Abschlüsse ist Hertha das schwächste Team der Liga. "Ich bin es gewohnt, nicht viele Möglichkeiten zu bekommen", sagte der Stürmer, "deshalb musst du immer auf die nächste lauern." Eine Maxime, die sich auch Hertha auf die Fahne geschrieben hat.

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